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Morde von Groitzsch: Zweiter Prozesstag gibt Einblick in die Seele des Angeklagten

Morde von Groitzsch: Zweiter Prozesstag gibt Einblick in die Seele des Angeklagten

Leipzig. Der zweite Verhandlungstag im Prozess um die Morde von Groitzsch lieferte einen Einblick in die Seele des Angeklagten. „Ich frage mich immer wieder, warum Menschen so sein können.

. Gibt es keine Moral und Gewissen mehr?" Worte des mutmaßlichen Serienmörders, mit denen er in einem Brief an seine Frau seinen Frust über jugendliche Schrottdiebe ausdrückte. Und die er schließlich getötet haben soll. Beim Verlesen des Briefes durch den Vorsitzenden Richter Hans Jagenlauf weinte der 41-Jährige bitterlich.

„Ich habe mein Schicksal nun in die Hände Gottes und der Justiz gelegt", schrieb N. aus der Untersuchungshaft an seine Frau in dem Brief, der am 15. September – knapp zwei Wochen nach seiner Festnahme in Kraiburg am Inn – von den Ermittlern beschlagnahmt wurde. Ein mehrseitiger Brief, aus dessen Zeilen sich ableiten lässt, wie der religiöse Mann, der am Reformationstag Geburtstag hat, tickt. „Um mich aber gräme dich nicht. Mir geht es den Umständen entsprechend gut", schreibt N., der sich eines Vergleichs mit Thomas Mann und Goethes „Dr. Faustus" bediente, als er sein Befinden beschrieb: „Es geht mir wie ihnen – ich schlafe wenig, esse kaum und bete viel."

Der Brief ist voller fachmännischer und sachkundiger Anleitungen für alle Aufgaben, die seine Ehefrau nun allein erledigen muss („Ich kann Dir dabei nicht mehr helfen."). Der Kaufmann erklärt darin ausführlich, welche Dinge bei Steuer- und Knappschaftsfragen zu berücksichtigen sind. Welche Konto-Buchungen wann erwartet werden und wie die Heizungsanlage im Haus bedient werden muss. N.s Leben scheint wohl geordnet. Durchgeplant und akribisch sortiert. „Er ist der intelligenteste Mandant, den ich je hatte", sagte sein Pflichtverteidiger Malte Heise gestern dieser Zeitung.

Als Hans Jagenlauf zu der Passage überleitete, in dem N. sich nach dem Wohl der Schwiegermutter erkundigt, zeigte der bis dahin sehr gefasst wirkende Angeklagte, emotionale Regung. Während der gestern gehörten Details zu den Taten schaute N. regungslos in die Tiefe des Gerichtssaales. Mit auffällig langsamen Bewegungen widmete er sich dann und wann seinem Aktenordner. Ansonsten: Nichts. Bis er zu weinen begann. Da las Jagenlauf gerade vor, wie N. seiner Frau Tipps zur Pflege der schwerkranken Schwiegermutter mitteilt. Auch seiner eigenen Mutter richtet er Grüße aus und rät aus Sorge um deren Gesundheitszustand von einem Besuch im Gefängnis oder beim Prozess ab: „Ich schließe euch alle in meine Gebete ein." Im bayerischen Cham, wo N. zuletzt mit seiner Frau lebte, hatte er ein Geschäft der Schwiegereltern übernommen. Ein Laden, der alle erdenklichen religiösen Utensilien bereithält. Kreuze, liturgische Literatur, Jesus- und Maria-Figuren.

Das Ende des Briefes belegt, was Prozessbeteiligte, Beobachter und Ermittler immer wieder vermuteten. N. ist sich seiner Schuld nicht bewusst. „Er hat sein Eigentum beschützen wollen", hatte er Verteidiger Heise gegenüber gesagt. In der Lagerhalle standen Oldtimer und schrottreife Autos, die N. wieder aufbauen wollte. Patrick B. und Denis H., vermeintliche Buntmetalldiebe, haben an jenem Augustabend seinen Besitz in Groitzsch angegriffen. Das wurde ihnen zum tödlichen Verhängnis. Ihnen scheint N. die eigentliche Schuld anlasten zu wollen: „Ich frage mich immer wieder, warum Menschen so sein können. Gibt es keine Moral und Gewissen mehr?", endet der Brief. „Er hat noch nicht verstanden, was er getan hat. Seine Intelligenz und die Tat stehen nicht beieinander. Deswegen habe ich ihm auch davon abgeraten, im Prozess zum jetzigen Zeitpunkt etwas zu sagen", erklärte Heise gestern nach der Verhandlung. Heise weiter: „In Groitzsch war viel Finsternis. Aber das hat er noch nicht verinnerlicht. Es muss erst in ihm etwas passieren – so etwas wie heute, als er emotional reagierte. Ich habe ihm geraten, bis zum Schlusswort nichts zu sagen. Dann wird er sicher eine Aussage machen."

Der nicht vorbestrafte Angeklagte war im Besitz von drei Waffen, die er ein beziehungsweise ein halbes Jahr vor der ersten Tat gekauft hatte, wie Jagenlauf gestern zur Kenntnis gab. Ein Gewehr, eine Doppelflinte und jenen Revolver, der bei seiner Festnahme sichergestellt und später als Tatwaffe aller drei Verbrechen identifiziert wurde. Der Bayer konnte Schulungen über den fachlichen Umgang mit Kurz- und Langwaffen vorweisen und hatte im Juni 2008 seine Jägerprüfung absolviert. Gerhard Luckner erinnert sich noch an Guido N.: „Er hat vor zwei Jahren seine Ausbildung bei uns gemacht", erklärte der Vorsitzende der Jägerkameradschaft Cham dieser Zeitung. N. hatte einen gültigen Waffenschein „samt ausgestellter Unbedenklichkeitsbescheinigung", so Jagenlauf.

Thomas Lieb

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