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Närrische Rituale: Beim Karneval in Hainichen ist alles anders

Närrische Rituale: Beim Karneval in Hainichen ist alles anders

Der Hainichener Karneval steckt voller Eigentümlichkeiten und Rituale. Und die werden heute noch genauso gepflegt wie vor 60 Jahren, als der Hainicher Carneval Verein (HCV) aus der Taufe gehoben wurde.

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Traditionelle Requisiten für den Hainichener Fasching: Fahne und Glockenstuhl.

Quelle: André Neumann

Hainichen. Von damals stammt beispielsweise der tragbare hölzerne Glockenstuhl, der zu jeder Elferratssitzung und zu jeder Veranstaltung mitgenommen wird. Schlägt der Präsident die obere Glocke an, heißt das: Achtung, ich rede jetzt. Bringt wer die größere untere Glocke zum Klingen, bedeutet das: Saalrunde. Seit sechs Jahrzehnten schmettern die Hainichener Karnevalisten auch ihren ganz eigenen Schlachtruf durch die Lande. Von wegen Helau, hier wird Hieffu gerufen: Heut ist ein Feiertag für uns, heißt das.

Das wichtigste und zugleich komplizierteste Ritual ist jedoch die jährliche Wahl und viel spätere Krönung des Prinzenpaares. Auch in dieser Angelegenheit verfahren die HCV-Jünger ganz anders als die meisten Karnevalsvereine, die ihre Majestäten stolz am Anfang der Saison, am 11. November, präsentieren. Hier in dem Kitzscheraner Ortsteil am Bächlein Fipper kennt - wenn alles traditionsgemäß gut gegangen ist - selbst heute, zwei Tage vor der ersten Veranstaltung des HCV, nur Vereinspräsident Claus-Peter Schwerdtner den Namen des aktuellen Prinzen. Dessen Wahl folgt, wie soll es anders sein, einem ehrwürdigen Regularium: Prinz kann nur ein Elferratsmitglied oder ein Mitglied der Polizeigarde des Vereins werden.

Es lag also am 28. Dezember die entsprechende Anzahl Lose in einem 128 Jahre alten Zylinderhut. Auf einem Zettel stand: Prinz. Weil der aktuelle Prinz Paul Lettau das Los zog, musste ein zweiter Wahlgang stattfinden, ehe ein neuer Prinz gewählt war. Der durfte sich nicht zu erkennen geben, musste sich irgendwann nach der Sitzung oder auch ein paar Tage später ausschließlich dem Präsidenten anvertrauen. Wenn der Prinz sich selbst oder der Präsident den Prinzen vor der Zeit verrät, wird ein Fass Bier fällig. Früher, sagt Schwerdtner, als das ganze Dorf noch im Faschingswahn mitfieberte, wurden regelmäßig Wetten auf den Prinzen abgeschlossen.

Nun, da der Prinz einen Namen hatte, galt es, eine Prinzessin zu finden. Nach einem für Außenstehende undurchschaubaren Verfahren wählte wie immer der Präsident ein paar Damen aus, die er dem Prinzen vorschlug. Der bestimmte eine davon zu seiner Regentin, der Rest bleibt Geheimnis. Bis zu diesem Freitag, 21. Februar. Erst dann, wenn 19 Uhr die erste diesjährige Faschingsveranstaltung des HCV im Saal in Hainichen beginnt, gibt sich der Prinz im Kreise des Elferrates zu erkennen. Schatzmeister Bernd Pietzschel holt wie seit vielen Jahren, die Prinzessin zu Hause ab.

Jetzt kann endlich gefeiert werden. Der ersten Veranstaltung folgt am Sonnabend gleich die zweite. Am Sonntag ist Kinderfasching, am 28. Februar sind die Rentner dran. Auf den 1. März schließlich warten Faschingsfreunde aus nah und fern: Hotten Totten heißt die Veranstaltung, zu der keine Sitzplatzkarten verkauft werden, für die die Straße gesperrt und der Saal mit einem Zelt mit der gegenüberliegenden Turnhalle verbunden wird. Dann brennt in Hainichen die Luft.

Die HCV-Leute bewahren sich aber ein letztes bisschen Kraft und Feierlaune für den Faschingssonntag, den 2. März. Der übliche Umzug heißt hier (seit vielen Jahren - was sonst) Kaderbummel, was nicht heißt, dass jemand mit Kater nicht mit darf. Die Vorfahren der heutigen Karnevalisten, so heißt es, liefen mit Wassereimern durchs Dorf. "Alles, was da reinkam auf dem Weg, wurde zu Mittag gekocht". Heute ziehen die Teilnehmer zu aktiven Faschingsgestaltern, zu Narren, die für das eine oder andere ausgezeichnet wurden, zum Prinzen und zur Prinzessin, und schließen gemeinsam die schöne Faschingszeit ab. André Neumann

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.02.2014
Neumann, André

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