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Neukieritzsch: Moderne Stadtflüchter finden in Lobstädt ihr Paradies

Alternative Lebensweise Neukieritzsch: Moderne Stadtflüchter finden in Lobstädt ihr Paradies

Seit zwei Jahren leben mehrere Pädagogen einer Leipziger Waldorfschule in einem alternativen Wohnprojekt in Lobstädt zusammen. Die Lobelei ist ein Ort für Menschen, die das ländliche Leben genießen wollen, für einen Tag oder für immer.

Lea Hortz (l.) und Timea Ihlenfeld sind zwei Bewohnerinnen der Lobelei in Lobstädt. Im Gemüsegarten dürfen auch Ringelblumen, Kamille und Unkraut wachsen.

Quelle: André Neumann

Neukieritzsch/Lobstädt. Lotte ist mal wieder ausgebüchst. Die alte Schafdame hat zwar im umzäunten Teil des großen Obstgartens reichlich Platz und zu fressen, doch die Neugier lässt sie ab und zu eine Lücke im Weidezaun finden und sie kommt nach vorn, wo der Tisch mit dem Apfelsaft vom Obstfest im letzten Herbst steht, wo zwei Seidenhühner-Hennen mit ihren Küken spazieren und die Laufenten auf Schneckenjagd gehen. Sogar die drei Stufen ins Haus ist sie schon hoch gekommen. Nur in den Gemüsegarten hinterm Holzlattenzaun darf Lotte nicht. Darauf achten Timea Ihlenfeld (34) und Lea Hortz (27).

Die beiden Frauen gehören zu einer Handvoll Bewohner des Hofes in der Victoria Straße 37 und sind Mitglieder des Vereins Lobelei, eines alternativen Wohnprojektes, das hier seit Mai 2015 ansässig ist. Dazu gehören derzeit noch Timea Ihelenfelds Mann Stefan Zabel, deren Kinder Nyima und Jonis und Alexander Cäsar. Die Erwachsenen sind allesamt Pädagogen an einer Leipziger Waldorfschule und man könnte sie als moderne Stadtflüchter bezeichnen. Menschen, die sich zu einem ländlichen Leben in Gemeinschaft hingezogen fühlen, die die Nähe der Stadt und eine schnelle S-Bahn-Verbindung dahin aber nicht missen möchten.

Seidenhühner mit ihren Küken haben viel Platz im Garten

Seidenhühner mit ihren Küken haben viel Platz im Garten.

Quelle: André Neumann

Das Haupthaus ist derzeit noch eine Baustelle. Gerade haben die Bewohner ein etwas ernüchterndes Holzgutachten bekommen, der Sanierungsaufwand wird höher, als erwartet. Entmutigen lassen sie sich nicht, wollen auch Fördermittel beantragen. Das Programm Leader fördere in diesem Jahr erstmals auch alternative Wohnkonzepte, sagt Timea Ihlenfeldt. Auch für die alte Scheune gibt es schon ein paar Ideen. Ein Café zum Beispiel wäre denkbar, doch das alles braucht viel Zeit.

Um das gemeinsame Leben zu organisieren treffen sich die Bewohner einmal die Woche zum Plenum. Dann werden die Pläne für Haus und Garten besprochen, wird die Arbeit verteilt. „So die typischen WG-Geschichten eben“, erzählt Lea Hortz.

Ganz hoch im Kurs steht Selbstversorgung. Die 4000 Quadratmeter große Streuobstwiese mit über 100 Bäumen, die 2016 zur schönsten in Sachsen gekürt wurde, und der üppige Garten machen da einiges möglich. Der alte Herr, der den Hof bis 2014 bewohnte und bewirtschaftete, habe vieles hinterlassen, „wofür wir sehr dankbar sind“, sagt Timea Ihlenfeld. ein so großes Grundstück will aber auch bewirtschaftet werden. Weswegen die Bewohner der Lobelei gern und häufig viele Menschen zu Besuch haben. Entweder Schulklassen, die hier ländliches Leben kennen lernen, oder Freunde und Bekannte oder auch einfach Neugierige sind jederzeit willkommen, die einen Tag in grüner Idylle arbeiten und Zeit verbringen wollen und dafür beköstigt werden.

Der Gemüsegarten in der Lobelei

Der Gemüsegarten in der Lobelei.

Quelle: André Neumann

Im Garten wächst jede Menge Gemüse zwischen hohen Ringelblumen, Kamille und Unkraut. „Ja, hier darf auch Unkraut wachsen“, sagen die beiden Frauen lachend und zeigen auf üppig gedeihenden Kohlrabi und Salat. Auf dem Speiseplan steht natürlich hauptsächlich das Gemüse aus dem eigenen Garten. Gegessen wird, was wächst. Deswegen versuchen sich die Bewohner an alten Lagertechniken, um die heimischen Früchte über den Winter zu bringen. Und es gehöre auch ein wenig Selbstdisziplin dazu, sagt Timea Ihlenfeld, „in der kalten Jahreszeit im Supermarkt nicht nach der Zucchini zu greifen“. Wobei sie ohnehin alle viel lieber im Bioladen einkaufen.

Ob der Apfelsaft dort so lecker ist wie der von den eigenen Bäumen, steht auf einem anderen Blatt. Vom letzten Herbst, als fast eine Tonne Äpfel geerntet wurde. ist jedenfalls keine Flasche mehr übrig. Damit die Bäume weiter kräftig tragen, denken die Lobelei-Bewohner auch über einen eigenen Bienenstock nach. Weniger für den Honig, hauptsächlich zum Bestäuben der Blüten. Ein Schwarm war ihnen schon zugeflogen, doch der selbst gebaute Kasten sagte den Tieren offenbar nicht zu, sie flogen wieder weg. „Da müssen wir noch was lernen“, sagt Lea Hortz.

Demnächst kann man hier auch den Umgang mit der Sense lernen. In Leipzig lernten sie einen Sensen-Kundigen kennen, der die Schilderung des Lobelei-Hofes so interessant fand, dass er den nächsten Kurs hier geben wollte. Was gut passt, denn in die Lobelei kommt kein motorisierter Rasenmäher. Hier wird das Gras, das Lotte und die beiden anderen Schafe nicht abfressen, per Hand gemäht.

Von André Neumann

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