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Borna Notfallseelsorger im Kreis Leipzig: Der Albtraum kommt erst nach dem Einsatz
Region Borna Notfallseelsorger im Kreis Leipzig: Der Albtraum kommt erst nach dem Einsatz
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07:00 10.05.2017
Schwerer Einsatz für Feuerwehrkameraden, Polizisten und Rettungssanitäter: Am 5. April 2016 kam auf der A 14 bei Mutzschen ein mit Industriereinigern beladener Sattelzug von der Fahrbahn ab und geriet in Brand. Der Fahrer war eingeklemmt und starb. Quelle: Sören Müller
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Landkreis Leipzig

Am Ostermontag gegen 14.30 Uhr kommt der Fahrer eines Mercedes Benz auf der A 14 nahe Grimma von der Fahrbahn ab, rast in die Böschung, prallt gegen einen Baum. Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute eilen zum Unfallort. Doch sie können dem Mann nicht mehr helfen, er stirbt. Die Bilder am Unfallort lassen sich für die Einsatzkräfte nicht so einfach vertreiben.

Jeder Helfer geht mit dem Erlebten anders um. Mancher versucht, die Zeit wirken zu lassen und zu vergessen. Er bedenkt dabei aber oft nicht, dass posttraumatische Belastungsreaktionen auch deutlich später auftreten können. Einige igeln sich ein oder finden Trost in ihrer Religion. Andere wieder wählen den Weg des Sarkasmus’ oder schwarzen Humors oder treiben Sport bis zur Erschöpfung. Und wieder andere werden von Familie und Freunden aufgefangen. Es gibt aber auch Hilfe von den Helfern selbst.

Wehrleiter schicken meist nur erfahrene Kollegen zum Unfallwrack

Wenn schon bei der Alarmierung bekannt ist, dass eingeklemmte Personen befreit werden müssen, schickt die Grimmaer Feuerwehr meist nur erfahrene Kameraden zum Unfallauto, wie Pressesprecher Thomas Knoblich erklärt: „Am Einsatzort gibt es viele Aufgaben, die erledigt werden müssen. Absicherung und Löschbereitschaft herstellen oder sich um Ersthelfer kümmern. Niemand muss am Unfallwrack arbeiten, wenn er es sich nicht zutraut, dafür haben wir zum Glück genügend Personal, um hier auf entsprechende Erfahrung zurückgreifen zu können.“

Auch andere Wehren sehen das so. „Da gibt es bei uns keine Diskussionen, wenn sich gerade die jungen Kameraden zurückhalten“, sagt Alexander Kühn von der Brandiser Wehr. „Wenn sich die Lage vor Ort anders ergibt als bei der Alarmierung werden die Positionen getauscht, damit wirklich nur Personen am verunglückten Fahrzeug arbeiten, die sich das körperlich und seelisch zutrauen“, betont Lars Schuhmann, stellvertretender Wehrleiter der Feuerwehr Naunhof.

„Man muss immer bedenken, wir können für den Unfall nichts. Wir kommen um zu helfen und arbeiten den Einsatz ab, funktionieren quasi vor Ort. Auch wenn das komisch klingt: das darüber Nachdenken beginnt meist erst nach dem Einsatz“, so Markus Beiler, Wehrleiter bei der Mutzschener Feuerwehr.

Persönliche Gespräche untereinander sind oft die größte Hilfe

Diese vier Wehren werden regelmäßig zu schweren Unfällen auf der A 14 gerufen. Die Aufarbeitung der Geschehnisse beginnt häufig direkt nach dem Einsatz. Persönliche Gespräche untereinander seien dabei oft die größte Hilfe.

Besonderer Wert werde darauf gelegt, im Gespräch alles noch einmal zu reflektieren und aufzuarbeiten. „Jeder Kamerad arbeitet das Erlebte und die damit verbundenen Bilder auf seine Art und Weise auf“, sagt Alexander Kühn. Viele nutzen dafür diese Gespräche, „es gibt aber auch vereinzelt Kameraden, die sich das Erlebte nicht gleich anmerken lassen, weil sie möglicherweise stark sein wollen oder diese Dinge eher in sich hinein fressen“. Wenn Auffälligkeiten bemerkt werden, spreche man die Betroffenen persönlich darauf an. Bei Einsätzen mit Todesfolge geht auch immer eine Meldung an die Unfallkasse, denn hier müsse damit gerechnet werden, dass im Nachgang seelische Probleme auftreten können.

Sind solche Gespräche nicht ausreichend, werden Notfallseelsorger oder auch Pfarrer aktiv. Hierzu bietet der Kreisfeuerwehrverband Rat und Unterstützung an. Zudem gibt es auf Landkreisebene das Kriseninterventionsteam, das speziell für solche Dinge ausgebildet ist. „Viele ehrenamtliche Notfallseelsorger sind selbst in einer Feuerwehr aktiv und können dementsprechend auch ganz anders mit den Kameraden sprechen“, sagt Mike Köhler, Pressesprecher des Kreisfeuerwehrverbandes.

Notfallseelsorger und Pfarrer sind bei Problemen Ansprechpartner

Die Diakonie Leipziger Land hat seit 2003 eine Notfallseelsorge. Die Ehrenamtlichen begleiten häufig Polizisten, wenn diese Todesnachrichten überbringen müssen. Die Notfallseelsorger bleiben anschließend bei den Angehörigen, um sie in dieser Situation aufzufangen. Doch auch die Betreuung von Einsatzkräften gehört zu den Aufgaben. „Wir sind Helfer für Helfer“, sagt Psychologin Susann Lawrenz-Wuttke, die von Beginn an die Notfallseelsorge bei der Diakonie koordiniert – ebenfalls ehrenamtlich. Es gehe darum, zum Beispiel bei Feuerwehrleuten akute Belastungsreaktionen zu verhindern. Dies sei durch Gruppen- und Einzelgespräche möglich.

„Der Mensch versucht gern, erst mal zu verdrängen. Vor allem, wenn es um Kinder geht, ist es ganz schwierig“, meint die Psychologin. Im Einsatz „funktionieren“ die Helfer. Sie tun, was notwendig ist – erst später beginnt das Nachdenken. Sie nennt ein Beispiel: Wenn es gilt, ein Unfallopfer aus seinem Auto zu befreien, muss häufig schwere Technik angefordert werden. Sollte die Person in der Zwischenzeit sterben, fragt sich der Helfer: War die Entscheidung richtig zu warten? Hätten wir nicht etwas anderes versuchen müssen? Wäre dieser Mensch dann vielleicht noch am Leben? „Wir versuchen, den Einsatzkräften die Last zu nehmen. Wir sagen ihnen: Euch trifft keine Schuld. Achtet auf euch“, so Lawrenz-Wuttke. Inzwischen habe bei den Führungskräften ein Umdenken stattgefunden. Prävention sei heute ein großes Thema. Fast jeden Monat bieten die Notfallseelsorger Schulungen bei den Feuerwehren an. Vorsorge und Aufklärung können dazu führen, dass es gar nicht erst zu Traumata kommt.

Polizei setzt auf Prävention schon in der Ausbildung

Das läuft auch bei der Polizei so. Bereits in der Ausbildung werden psychische Phänomene thematisiert, sagt Andreas Loepki, Pressesprecher der Polizeidirektion Leipzig, „denn Vorsorge beginnt schon in der geschaffenen Möglichkeit, solche Phänomene selbst oder bei anderen erkennen zu können“.

Damit gar nicht erst akute Krankheitsbilder auftreten, haben die Bediensteten die Möglichkeit, sich an die Polizeiseelsorge zu wenden. Ähnlich wird es bei den Rettungsdiensten praktiziert. „Die schweren Einsätze werden intern mit den Kollegen besprochen“, sagt Ines Parthier, Pressesprecherin des DRK-Kreisverbandes Leipzig-Land. Wenn nötig, werde auch ein Psychologe kontaktiert. Generell, so betont die Sprecherin, sind die allermeisten Einsätze aber „unspektakulär“ und die schweren Fälle glücklicherweise selten.

Von Sören Müller und Claudia Carell

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