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Ohne Eltern - ohne Staat - ein Mädchen braucht Hilfe

Ohne Eltern - ohne Staat - ein Mädchen braucht Hilfe

Die Vita von Yasmin Janowicz liest sich wie eine traurige Kurzgeschichte. 18 Jahre ist sie alt. Von den Eltern als Kleinkind im Stich gelassen. Bei den Großeltern und nach deren Tod bei der Tante aufgewachsen.

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Yasmin Janowicz (18). Von den Eltern als Kleinkind im Stich gelassen. Von der Pflegetante vor die Tür gesetzt.

Quelle: Thomas Lieb

Neukieritzsch. Die setzt sie zu ihrem 18. Geburtstag auf die Straße. Die Pflegschaft ist beendet. Die Volljährigkeit stellt Yasmin vor die Frage: Was bin ich? Die Behörden geben ihr eine markerschütternde Antwort: Nichts. Wäre sie nicht auf Menschen getroffen, die selbst mit Schicksalserfahrungen ausgestattet sind - Yasmin Janowicz wäre obdachlos. Dass die 18-Jährige bei der Neukieritzscher Familie Zelle untergekommen ist - purer Zufall. Sohn Fabian lernt das Mädchen während eines Praktikums in einer Bornaer Zoohandlung kennen. Sie erzählt ihm ihre Geschichte. Er erzählt es seinen Eltern. „Bring sie mit", ist die Reaktion von Simone Zelle, als sie hört, dass die Praktikantin vor einem Leben auf der Straße steht. Vielleicht ist es die Erinnerung an die eigene 15-jährige Tochter, die in den Zelles die Bereitschaft zur Hilfe weckt. Franziska war 15 als sie starb. Sie hatte Krebs.Yasmin ist ohne Eltern groß geworden. „Sie sind Alkoholiker. Mein Vater hat mich nie akzeptiert. Als ich ein halbes Jahr alt war, holte mich meine Oma zu sich nach Kitzscher", weiß die gebürtige Apoldaerin aus Erzählungen. Das war vor 18 Jahren. Seither hat sie ihre leibliche Mutter „zwei-, dreimal gesehen". Wo der Vater ist, weiß Yasmin nicht. Und sie will es auch nicht wissen. „Sie haben mich nie gewollt". Die Großeltern aus Kitzscher erwirken das Sorgerecht für die Enkelin. Nehmen sie auf. 2006 sterben sie. Das Jugendamt bestellt die Tante zur gesetzlichen Betreuerin. Anfangs läuft es gut. Was nicht so bleibt. „Sie bekam finanzielle Schwierigkeiten wegen des Arbeitslosengeldes. Ab der Mitte eines Monats war das Geld alle. Als ich 18 wurde, musste ich gehen", erzählt sie. Es ist Oktober.Wohin sie soll, weiß die junge Frau mit den langen, braunen Haare und einem nachdenklichen Blick nicht. Sie landet in Neukieritzsch. Simone Zelle: „Wir haben ihr das leere Zimmer unserer zweitältesten Tochter gegeben. Yasmin umgemeldet. Es sollte eine Übergangslösung sein, bis sie bei den Behörden Klarheit geschaffen hat, Leistungen bezieht und alleine klarkommt." Aus der Übergangslösung ist mittlerweile ein Vierteljahr geworden.Drei Monate, die vor allem durch Abweisungen, Absagen und Ablehnungen geprägt sind. Ob Jobcenter, Kindergeldstelle, Bafög-Amt, Wohngeldstelle... überall Kopfschütteln - „nicht zuständig."

„Es war eine Odyssee ohne echte Botschaften. Wir sind ehrlich gesagt am Verzweifeln", resümiert die Quasi-Mutter, die Yasmin lieb gewonnen hat. Sie geben ihr Geld, versorgen sie, legen auch ihr Weihnachtsgeschenke unter den Baum. Sie feiert das Fest mit der Familie. Sie bezahlen ihr die Fahrkarte nach Leipzig, wo Yasmin an der Gutenberg-Schule mittlerweile die elfte Klasse nachholt. Sie ist ehrgeizig. Will was auf die Beine stellen. „Aus meinem Leben was machen." Im Dezember - zig Ablehnungsschreiben später - ist sie davor zusammenzubrechen. „Ich wusste nicht mehr weiter", berichtet sie. Der Amtsarzt bescheinigt ihr eine starke psychische Belastung. „Sie war wirklich ganz weit unten", bestätigt Simone Zelle.Für Yasmin sind die Zelles „ein Wunder... Sie sind wie richtige Eltern zu mir. Ich bin so dankbar." Ein Glücksfall, auf dem sich die Behörden ausruhen? Die Familienkasse in Leipzig versagt der 18-Jährigen die „Abzweigung des Kindergeldes". Der Antrag müsse von den leiblichen Eltern gestellt werden. In den Widerspruch formuliert Yasmin: „Meine Mutter hat sich nie um mich gekümmert, ich habe nie in ihrem Haushalt gelebt und Unterhalt hat sie zu keinem Zeitpunkt für mich entrichtet." Nachdem der Widerspruch ebenfalls zurückgewiesen wird, versucht Yasmin - bei allem Widerwillen - die Mutter ausfindig zu machen. Die antwortet bislang nicht auf die Schreiben. Das Bafög-Amt braucht die Einkommensverhältnisse der leiblichen Eltern. Die Akte ist nach Bayern überstellt worden, wo die Mutter leben soll. Es könne Monate dauern, hat man ihr gesagt.

Die Zuständigkeiten wechseln nach Belieben zwischen Bayern und Leipzig hin und her. Im Jobcenter des Landkreises wird sie auf ihre Bitte zur Hilfe zur Sicherung des Lebensunterhaltes ebenfalls zurückgewiesen: „Die gesetzlichen Voraussetzungen für den Anspruch auf Leistungen liegen nicht vor, weil Sie in Ausbildung sind und diese Ausbildung im Rahmen des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG) [...] dem Grunde nach förderungsfähig ist", lautet die Begründung. Auf die Umstände des Bafög-Antrages und dem Ersuchen auf Überbückungshilfe für die Bearbeitungsdauer des Bafög-Antrages „haben wir gesagt bekommen, dass sich die Kollegen eben beeilen müssen." Eine Anfrage zu einem Überbrückungsdarlehen beim Sozialamt des Kreises wird unbegründet abgelehnt. Im Gegenzug kommen die Neuberechnungen für Müll- und Abwassergebühren schnell. „Eine Person mehr im Haushalt bedeutet mehr Gebühren", so Zelle.

Als sie nicht mehr weiter wissen, gehen sie zur Beratungsstelle des Diakonischen Werkes in Grimma. „Yasmin steckt in einer Gesetzeslücke. Sie solle sich an die Arche in Pegau wenden", wiederholt Simone Zelle die erschütternde Botschaft.

Yasmin Janowicz - ein Mädchen ohne Status. Sie ist Schülerin, weil es ihr Fremde ermöglichen. Ohne Zelles säße sie auf der Straße. Eine 18-Jährige, die ganz normale Wünsche hat. Zuerst die Ausbildung schaffen, dann eine Stelle finden. Eine kleine Wohnung. Einen Freund. Später mal eine Familie, „bei der ich alles besser machen will als meine Eltern".

Thomas Lieb

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