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Ortschronisten werden gebraucht und sind unbezahlbar

Fachtag für Heimatforscher Ortschronisten werden gebraucht und sind unbezahlbar

Sie sind das Gedächtnis ihrer Orte, und je kleiner die sind, umso wichtiger ist ihre Arbeit: Chronisten und Heimatforscher sind für die Bewahrung der Geschehnisse in Dörfern und Städten unerlässlich.

Rudolf Priemer.

Quelle: Archiv

Borna/Grimma/Kohren-Sahlis. Sie sind das Gedächtnis ihrer Orte, und je kleiner die sind, umso wichtiger ist ihre Arbeit: Chronisten und Heimatforscher sind für die Bewahrung der Geschehnisse in Dörfern und Städten unerlässlich, heißt es in einer Mitteilung des Sächsischen Landeskuratoriums Ländlicher Raum, das am 9. April mit dem Christlich-Sozialen Bildungswerk Sachsen zum einem Fachtag für Heimatforscher und Ortschronisten ins Evangelische Zentrum Ländlicher Raum in der Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis einlädt.

„Ortschronisten werden gebraucht“, bringt es Hans Ketzer auf den Punkt. Der promovierte Kulturwissenschaftler muss es wirklich wissen. Schließlich ist er seit einigen Jahren Leiter des Volkskundemuseums im Bornaer Ortsteil Wyhra. Die Arbeit von Ortschronisten „kann man nicht bezahlen“. Ketzer geht sogar noch weiter. „Heimatforscher sind aus Sicht der Wissenschaft auch selbst eine Quelle.“ Heimatforscher steckten besser als andere im konkreten Material, auch wenn es deren Sache nicht sei, ihre Untersuchungsmethoden kritisch zu hinterfragen, wie es studierte Historiker machen. Ortschronisten sorgten auch für die Überlieferung von Ereignissen in Form von Oral History, erzählter Geschichte von Zeitzeugen, einer Methode, wie sie seit den 80er-Jahren in der Bundesrepublik besonders von linken Historikern praktiziert wurde.

Ein Heimatforscher wie im Bilderbuch ist Tylo Peter. Der Mann vom Jahrgang 1939 leckte einst im Geschichtsunterricht Blut und erlebte nach dem Krieg die Ausgrabungen in Zauschwitz, einem Ortsteil von Pegau-Weideroda, mit, wo es in der Jungbronzezeit eine Opferplatz gab. „Ich habe schon als Jugendlicher im Museum gearbeitet“, sagt Peter. Sein Enthusiasmus erhielt allerdings einen gehörigen Dämpfer, als Geschichte zu DDR-Zeiten im wesentlichen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung bestand „und eigentlich erst mit dem Bauernkrieg begann“. Das änderte sich nach der Wende, und Peter, der überlegt, ob er zum Fachtag nach Kohren-Sahlis fährt, schreibt weiter Bücher. Derzeit arbeitet er an einem Werk mit dem Titel „Pegaus verrückte Jahre“. Darin geht es um die Geschichte seiner Heimatstadt während der vier Staatsformen im letzten Jahrhundert vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik.

Einer, der mit Herzblut an einem besonderen Kapitel der Heimatgeschichte arbeitet, ist Claus Bräutigam. Sein Spezialgebiet: die Bergbaugeschichte im Leipziger Südraum und darüber hinaus in Mitteldeutschland. Damit beschäftigt er sich auch in seinen vier Bänden über die mitteldeutschen Brikettfabriken, deren erster bereits erschienen ist. Das liegt nahe. Der 70-Jährige aus Regis-Breitingen hat 27 Jahre in der Brikettfabrik Regis gearbeitet und weiß, wovon er schreibt. Dennoch macht die Bergbaugeschichte nur die Hälfte seiner Arbeit aus. „Die anderen 50 Prozent sind Heimatgeschichte.“

Der große Mann der Heimatgeschichte im Muldental ist zweifellos Rudolf Priemer. Der diplomierte Ethnograf, der aus Döben bei Grimma stammt, schrieb schon zu DDR-Zeiten Beiträge für den „Rundblick“, ein legendäres Periodikum im Muldental. Der 77-Jährige, lange Zeit beim Amt für Ländliche Neuordnung in Wurzen beschäftigt, verweist auf eine Besonderheit bei vielen Heimatforschern. „Sie sind nicht mehr die Allerjüngsten.“ Sondern eher in die Jahre gekommen, was ihnen freilich eine gewisse Lebenserfahrung sichert und bei der Untersuchung der Geschichte vor Ort hilfreich ist. Die geplante Fachtagung findet Priemer jedenfalls „großartig“. Ortschronisten sollten vor allem Zeitzeugen befragen. So, wie es Priemer selbst im Rahmen des Arbeitskreises Agrargeschichte an der Kohrener Heimvolkshochschule macht. Im Rahmen eines Projekts untersucht er dabei die Agrargeschichte der DDR und befragt in diesem Zusammenhang auch Vorsitzende der einstigen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Denn, so Priemer, der aktuell zudem an einem Buch über die Geschichte von Mutzschen arbeitet. „Es ist außerordentlich wichtig, Zeitzeugen zu befragen, weil die aussterben.“

Von Nikos Natsidis

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