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Borna Plädoyer für Integration: Lebenshilfe Borna holt Schwerstbehinderte in ihre Mitte
Region Borna Plädoyer für Integration: Lebenshilfe Borna holt Schwerstbehinderte in ihre Mitte
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00:29 17.01.2016
Martin Ewert, Gruppenleiter bei der Lebenshilfe, hat die Tür zum neuen Betreuungsbereich im Gewerbegebiet am Wilhelmschacht aufgemacht. Quelle: Jens Paul Taubert
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Borna

An der Wand hängt ein Wochenplaner. Wie in jeder Familie müssen auch im Betreuungsbereich der Lebenshilfe Borna bestimmte Aufgaben immer wieder erledigt werden. Um den mehrfachschwerstbehinderten Menschen die Orientierung zu erleichtern, sind ihre Porträts auf der Tafel verewigt, ihnen werden Symbole wie etwa fürs Tischdecken, Geschirrspülerausräumen, Einkaufen oder Blumengießen zugeordnet. Am Ende des Tages werden Smileys verteilt – gelbe für die korrekte Erledigung, rote bedeuten Kritik. An diesem Nachmittag macht sich ein Lächeln auf den Gesichtern von Sabine, Markus, Jessica und Anja breit. Alles richtig gemacht, obwohl es sich noch neu anfühlt.

Die Offenheit, mit der die dreizehn Schwerstbehinderten den Neubau der Lebenshilfe im Gewerbegebiet am Wilhelmschacht erobern, überrascht alle Beteiligten. „Vor dem Umzug war uns etwas bange“, sagte Ergotherapeutin Constanze Brade. Das Betreuerteam habe vor allem bei den Autisten mit Anpassungsschwierigkeiten gerechnet. Doch das sei bisher ausgeblieben. „Auch wenn sich die zu Betreuenden schlecht artikulieren können – ihre Körpersprache ist positiv“, sagte Heilerzieher Andreas Zahn. Die anfängliche Zurückhaltung sei schnell gewichen. Die großzügig geschnittenen Gruppenräumen hätten sich bereits als Mittelpunkt im Betreuungsalltag, der morgens beginnt und am Nachmittag endet, herauskristallisiert. Der Snoezelraum mit Wasserbett und XXL-Sitzsack sei vor allem nach dem Mittag ein beliebtes Rückzugsgebiet. Werkstatt und Beschäftigungsräume eröffneten die Möglichkeit, den Anspruch zur Förderung maximal umzusetzen. Trotz ihrer massiven Einschränkungen sollen die Behinderten das Potenzial entfalten, das in ihnen schlummert.

Ob jeder einzelne der momentan dreizehn zu betreuenden Schwerstbehinderten hier bereits angekommen ist, das vermag keiner ihrer sechs Betreuer zu sagen. Aber nach dem Umzug aus der Neukieritzscher Schule in den Neubau von Borna sind sie sich einig. „Die Bedingungen sind super komfortabel“, so Brade. Behindertengerechte Toiletten, ein Pflegebad und Therapieräume würden die tägliche Arbeit erleichtern. Frische Farben und die moderne Ausstattung seien ein Motor der Motivation.

Obwohl es in Deutschland immer noch keinen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für schwerstmehrfachbehinderte Menschen gebe, wie Lebenshilfe-Geschäftsführer Uwe Drechsler bedauert, habe der Verein mit dieser Einrichtung die Weichen für die Zukunft gestellt. Drechslers Angaben zufolge bestehe in den nächsten fünf Jahren ein Bedarf an 50 Plätzen in der Region. Mit dem Neubau kann die Lebenshilfe 24 Menschen einen betreuten Alltag bieten. Um dieses Ziel zu realisieren, ist Drechsler neue Wege gegangen. Der in Altenburg lebende Manager hat die Länder Thüringen und Sachsen an einen Tisch geholt und sie für dieses Sozialprojekt erwärmen können. Nur ein Jahr ist vergangen von der Idee bis zum Einzug. Mit länderübergreifendem Schwung wurde eine Finanzierung gestrickt, bei der Sachsen und der Landkreis Leipzig eine monetäre Unterstützung in die Waagschale legten, Thüringen zwölf Betreuungsplätze über eine Refinanzierung durch Betroffene fördert. „Das erste soziale länderübergreifende Sozialprojekt setzt Maßstäbe in mehrfacher Hinsicht“, so Drechsler. Neben der Einigkeit über die gemeinsame Finanzierung des Millionen-Baus nennt er die unbürokratische Bearbeitung von Anträgen und Genehmigungen. In nur sieben Monaten Bauzeit sei das Projekt hochgezogen und der Fertigstellungstermin gehalten worden.

Und das ohne Bauträger mit Subunternehmen. Ihrem sozialen Credo folgend schrieb die Lebenshilfe die Leistungen in Losen aus, die auch für kleine und mittelständische Handwerksbetriebe aus der Region zu bewältigen waren. Sie nehmen aber noch mehr als die Erfahrung mit, einen Auftrag erledigt zu haben. „Für den einen oder anderen war es der erste Kontakt zu Menschen mit Behinderungen“, stellte Drechsel fest. Denn schnell hätten sie den Weg in die Kantine von Dagmar Ott in der gegenüberliegenden Werkstatt gefunden. Bei einem ordentlichen Kaffee und einer warmen Mahlzeit seien die rauen Typen vom Bau auch schon mal von den behinderten Mitarbeitern angesprochen worden. „Das hat so manches Herz berührt“, so Drechsel weiter.

Wenn sich der Alltag im Betreuungsbereich der Schwerstbehinderten eingepegelt hat, will die Lebenshilfe im Februar mit allen Beteiligten eine Einweihung feiern. „Aber der Blick des Vorstandes geht darüber hinaus“, verriet Drechsel. Im Fokus habe die Lebenshilfe ein Projekt für Menschen mit Behinderung, die das Rentenalter erreicht haben. Altersgerechtes Wohnen wäre eine weitere Idee für eine Kooperation der Freistaaten im sozialen Bereich.

Von Birgit Schöppenthau

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