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Prozess um Folter in Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen

Prozess um Folter in Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen

Die Einschätzung des Gutachters sprach Bände. „Als Psychiater fehlt mir das Verständnis dafür, dass nicht mit mehr Personal gearbeitet wird, wenn man resozialisieren will“, sagte Doktor Michael Günter gestern im Prozess um Folter in der Jugendstrafvollzugsanstalt (JSA) Regis-Breitingen.

Leipzig/Regis-Breitingen. Der siebente Verhandlungstag um Misshandlungen eines Mithäftlings und versuchten Mord drehte sich erneut um die Bedingungen in der Ende 2007 neu eröffneten Anstalt. Am Morgen hatte das Gericht zunächst Anstaltsleiter Uwe Hinz vernommen. Seiner Darstellung zufolge war die JSA Regis zum Zeitpunkt der Tatvorwürde im Mai 2008 mit 60 Bediensteten pro 100 Gefangene besser ausgestattet als andere Anstalten. Er räumte ein, dass es zwischenzeitlich im F-Haus, wo sich die Insassen frei bewegen konnten, „Nachbesserungen“ gegeben habe und „die Grenzen und Freiräume enger gezogen wurden. Außerdem sei das Personal verstärkt worden – als Konsequenz der damaligen Vorfälle. Dass an manchen Tagen lediglich ein Beamter für 24 Gefangene zur Verfügung stand, hatten andere Bedienstete der JSA bereits erklärt. Wie berichtet, sollen die Angeklagten Nouredine F. und Patrick B. im Mai 2008 den Mithäftling Thomas P. mit üblen Spielchen gedemütigt und schließlich versucht haben, ihn zu töten. F. – mit damals 15 Jahren einer der Jüngsten in der Anstalt – macht offenbar riesen Probleme. Seit zehn Monaten ist er in Einzelhaft untergebracht, hat keinerlei Kontakt zu anderen Häftlingen. Die „spezielle Täter-Wohngruppe“ sei im Juni vorigen Jahres gebildet worden, für Gefangene, die im Vollzug auffällig geworden sind, erläuterte der zuständige Abteilungsleiter. F. sei von Anfang an dort gewesen, „um die Anderen vor ihm zu schützen“, so der Bedienstete. Lockerungen scheiterten, da der inzwischen 17-Jährige Angebote ablehne und kein angemessenes Verhalten habe. In seinem Fall sei die JSA Regis offenbar hilflos, es gebe kein Konzept, sagte der Psychiater. Er bescheinigte dem Jugendlichen eine schwere disoziale Entwicklung. Er sei gegen jede Form der Autorität, habe wenig Empathiefähigkeit. Die Suche nach Anerkennung in der Gruppe habe zu den angeklagten Demütigungen des Opfers geführt. „Diese Spielchen haben ihm Spaß gemacht“, hatte F. gegenüber dem Gutachter erklärt. „Er wollte cool sein und dazugehören“ – als er das Opfer mit heißem Wasser verbrühte. Ermittlungen in der Anstalt gingen hingegen davon aus, dass die Verbrühungen versehentlich passierten. Zum Mordversucht hatte er nichts gesagt. Laut Gutachter müsste mit gewalttätigen Jugendlichen intensiv in der Gruppe gearbeitet werden. „Mehr Personal wäre die Voraussetzung.“ Mit Einzelhaft komme man nicht wirklich weiter. „In der Anstalt wurde also alles falsch gemacht“, so Anwalt Stephan Bonell. Reinhard Baehr, Verteidiger des Mitangeklagten Patrick B., hatte am Morgen die Einstellung des Verfahrens gegen seinen Mandanten beantragt. Die zulässige Unterbrechung des Prozesses von drei Wochen sei überschritten, da es am letzten Verhandlungstag überhaupt nicht um seinen Mandanten gegangen sei. Das Gericht muss darüber noch entscheiden. Der Prozess wird morgen fortgesetzt – nach Lage der Dinge könnte ein Urteil fallen. Saskia Grätz

Saskia Grätz

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