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Pünktlich wie die Bahn: Neukieritzsch entstand gegen halb neun

Ortsjubiläum Pünktlich wie die Bahn: Neukieritzsch entstand gegen halb neun

Neukieritzsch wird im nächsten Jahr 175 Jahre alt und ist damit vergleichsweise jung. Dafür kann der Ort seine Geburtsstunde fast auf die Minute genau angeben. Das Fest im kommenden September wird schon jetzt vorbereitet.

Der Bahnhof Neukieritzsch ist Ausgangspunkt der Gründung des Ortes, der im nächsten Jahr 175 Jahre alt wird.

Quelle: Jens Paul Taubert

Neukieritzsch. Neukieritzsch steuert im kommenden Jahr das nächste Ortsjubiläum an. Auf Städte und Dörfer in Sachsen, die heute 500, 650, 725, 800, ja gar 1000 Jahre alt und noch älter sind, kann die Gemeinde Neukieritzsch nur neidisch aufblicken, bringt sie doch noch nicht einmal 200 Jahre zusammen. Und doch wird die Gründung des Ortes alle 25 Jahre kräftig gefeiert. So war das 1992 zum 150-Jährigen, so soll das im nächsten Jahr wieder sein, wenn Neukieritzsch 175 Jahre alt wird.

Denn während die Methusalems unter den Städten und Dörfern ihren Daseinsbeginn häufig nur an einem schwer zu entziffernden Akteneintrag über irgendeinen Besitzerwechsel oder den Besuch einer Persönlichkeit vor mehreren Jahrhunderten festmachen können, wissen die Neukieritzscher ganz genau, wo die Wurzeln ihres Ortes liegen. Mehr noch: Es lässt sich nicht nur der genaue Tag sondern sogar ziemlich exakt die Uhrzeit der Ortsgründung bestimmen.

Denn die Geburt Neukieritzschs hat mit der Eisenbahn zu tun, und bei der lief schon immer alles nach Fahrplan. Als 1841 der Bau der Eisenbahnstrecke von Leipzig über Altenburg nach Hof begann, stießen da, wo heute der Neukieritzscher Bahnhof steht, noch die Felder der Fluren von Pürsten, Kahnsdorf, Breunsdorf und Zöpen zusammen. Diesen Platz hatte die Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn-Compagnie für den Haltepunkt Kieritzsch bestimmt. Weil der aber eine Stunde von dem Dorf entfernt war, hatte der leitende Bahnbauingenieur Karl Theodor Kunz schon im August 1842 für eine Ansiedelung am Haltepunkt geworben, weil die Bahnbediensteten hier wohnen müssten.

Vorläufig, davon gehen die Heimatforscher der Neukieritzscher Geschichtswerkstatt aus, gab es aber erstmal nur ein hölzernes Gebäude, als am Morgen des 19. September 1842 der erste Zug von Leipzig in Richtung Altenburg hier hielt. Der war 8 Uhr am Bayrischen Bahnhof abgefahren und dürfte zwanzig bis dreißig Minuten später zischend und fauchend in Neukieritzsch gehalten haben. Der Moment gilt als Ortsgründung, eine Tatsache, zu der Bürgermeister Thomas Hellriegel (CDU) kürzlich scherzhaft sagte: „Neukieritzsch ist wahrscheinlich der einzige Ort, der seine Gründung auf die Minute festmachen kann.“

Allerdings hieß Neukieritzsch damals noch nicht so. Der erste steinerne Bahnhof, der im Jahr darauf gebaut wurde, die erste Gaststätte, die ersten Häuser, die rund um den Bahnhof entstanden, trugen als Anschrift noch „Am Bahnhof Kieritzsch“, wie Gerd und Christina Janietz von der Geschichtswerkstatt in ihrer Broschüre über Neukieritzscher Gebäude schreiben. Erst am 1. November 1935 wurde der amtliche Name Neukieritzsch eingeführt.

Dennoch wird die Ankunft des ersten Zuges als Geburtsstunde des neuen Ortes gefeiert. Federführend bei der Vorbereitung ist der Kulturverein. Am 19. September 2017, einem Dienstag, sagt Hella Hallert von der Geschichtswerkstatt, findet im Bürgerbegegnungszentrum eine Festveranstaltung statt. Am darauffolgenden Sonnabend soll vormittags ein Bahnhofsfest gefeiert werden, nachmittags geht die Party auf dem Marktplatz weiter.

Ein besonderes Bonbon für das Fest wäre, wenn eine historische Dampflok zur Feier des Ortsjubiläums in Neukieritzsch einrollen könnte. Bisher ist das aber nur eine Wunschvorstellung, sagt Hella Hallert, die mit der Saxonia liebäugelt. Ein originalgetreuer und fahrbereiter Nachbau der ersten deutschen Dampflokomotive steht im Verkehrsmuseum in Dresden. Ihn nach Neukieritzsch zu holen, würde allerdings mehrere Tausend Euro kosten, weiß die Vereinsvorsitzende. Wie auch die Festwoche insgesamt einiges Geld kostet. Deswegen hat der Kulturverein für die Festwoche zum Ortsjubiläum einen Antrag auf finanzielle Unterstützung bei der Stiftung Lebendige Gemeinde Neukieritzsch gestellt.

Wie auch immer, das Jubiläumsfest soll auch am Sonntag noch weitergehen. Dann findet nicht nur die nächste Ausgabe von „Neugierig in Neukieritzsch“ statt, dann will die Geschichtswerkstatt auch noch einen historischen Ortsrundgang anbieten, der besonders den Spuren der industriellen Entwicklung in Neukieritzsch nachgehen will, die ja auch ohne die Bahnlinie nicht denkbar gewesen wäre.

Von André Neumann

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