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Rathausmitarbeiter in Kitzscher lernen am eigenen Leib das Alter kennen

Schulung Rathausmitarbeiter in Kitzscher lernen am eigenen Leib das Alter kennen

Es könnte sein, dass der eine oder andere Mitarbeiter der Stadtverwaltung Kitzscher demnächst beim Umgang mit älteren Menschen noch etwas feinfühliger und rücksichtsvoller umgeht. Dann hätte das Experiment, man kann auch sagen die Schulung, an der jetzt alle Rathausmitarbeiter teilnehmen mussten, sich schon gelohnt.

Auch das ist problematisch für Ältere: Ins Rathaus von Kitzscher geht es nur über Stufen. Das soll sich aber bald ändern.

Quelle: Jens Paul Taubert

Kitzscher. Es könnte sein, dass der eine oder andere Mitarbeiter der Stadtverwaltung Kitzscher demnächst beim Umgang mit älteren Menschen noch etwas feinfühliger und rücksichtsvoller ist. Dann hätte sich das Experiment, man kann auch sagen die Schulung, an der jetzt alle Rathausmitarbeiter teilnehmen mussten, schon gelohnt. Die Beschäftigten sollten dabei selbst erfahren und erleben, welchen körperlichen Einschränkungen alte Menschen im Alltag ausgesetzt sein können.

Dazu hatte Ines Lierath, Leiterin des Projektes „Kitzscher im Engagement gegen das Vergessen“ einen so genannten Altersanzug, Informationsmaterial und einige Ideen für Experimente mit ins Rathaus gebracht. Auch die Probanden für das Rollenspiel waren schnell gefunden. Stadtinspektor Marcel Weißenberger (31) und die 17-jährige Auszubildende Vivian Ender mimten ein älteres Ehepaar bei alltäglichen Verrichtungen am heimischen Küchentisch.

Beine und Arme schwer, die Gelenke gehemmt, der Blick getrübt und der schwere, steife Hals zwingt Kopf und Oberkörper zu einer gebeugten Haltung. Hans, so der Rollenname des Stadtinspektors im Altersanzug, kleckert beim Essen ein wenig. Dass seine Partnerin im Spiel einen Doppelnamen trägt, Elfriede-Alice, hat er hinterher tatsächlich vergessen. Sie ist noch etwas besser dran, hat nur schwere Beine einen etwas steifen Arm und ein eingeschränktes Sichtfeld, weswegen sie mit dem Kopf immer dem Blick folgen muss.

Die beiden spielen, die anderen hören zu, Ines Lierath, im Hauptberuf Ergotherapeutin in der Altenpflege erzählt und erklärt dazu, wie alte Menschen sich fühlen. Auch die, die nicht den schweren Anzug tragen, werden einbezogen. Jeder muss auf fünf Zettel schreiben, was ihm besonders wichtig ist: den liebsten Menschen, ein Hobby, das erste Auto, das schönste Geschenk, den besten Urlaub. Nach und nach geht Lierath herum und nimmt den Angestellten wahllos einige Zettel weg. Wer sich auf das Spiel einlässt, kann nachempfinden, wie alten Leuten wichtige Erinnerungen verloren gehen.

Stadtinspektor Weißenberger und Vivian kehren wieder in ihr echtes Leben zurück. Die Auszubildende kennt das Experiment mit Ines Lierath schon aus ihrer Schulzeit in Kitzscher. Seit September macht sie im Rathaus eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Zuletzt war sie im Einwohnermeldeamt, wo der Publikumsverkehr groß ist. Wenn ältere Menschen dorthin kommen, erzählt sie, die dann lange in ihrer Tasche kramen, um die Brille zu finden, dann denke man sich schon mal: Geht das nicht schneller! „Jetzt weiß man: Es geht nicht schneller“, nimmt die junge Frau für sich aus dem Rollenspiel mit und sagt: „Wir müssen uns mehr Zeit für den Umgang mit älteren Menschen nehmen.“ Weißenberger sieht eine konkrete Auswirkung auf seine Arbeit vorläufig zwar noch nicht, gibt aber zu: „Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung.“ Eine Reaktion, mit der Ines Lierath durchaus zufrieden ist, denn: „Es wird künftig immer mehr ältere Menschen geben“, und darauf müsse man sich einstellen.

Bürgermeister Maik Schramm (parteilos), konnte sich in der Schulung als Beobachter etwas zurücklehnen. Er hat den Altersanzug schon getragen, und die Erfahrung war ihm so wichtig, dass er die Schulung für seine Mitarbeiter anordnete, damit die sich besser „in die älteren Menschen hineinversetzen können“. Dass dies nötig ist, weil die Älteren immer mehr werden, davon ist auch er überzeugt. „Immerhin“, blickt er auf die nächsten Monate voraus, „bauen wir ja auch das Rathaus barrierefrei und behindertengerecht um“.

Von André Neumann

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