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Borna Regionalplanung: Dörfer brauchen zukunftsfähige Visionen
Region Borna Regionalplanung: Dörfer brauchen zukunftsfähige Visionen
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14:42 23.02.2018
Die Tuer und ein Fenster eines leerstehenden Hauses im ostsaechsischen Steinbach sind vernagelt (Foto vom 02.09.08). Das Dorf an der polnischen Grenze verlor seit der Wende viele seiner Einwohner. Vor allem junge Menschen verlassen die strukturschwache Region. Die vom Saechsischen Landtag eingesetzte Enquete-Kommission zum demographischen Wandel uebergibt am Dienstag (30.09.08) im Landtag in Dresden den Abschlussbericht. (zu ddp-Text) Foto: Norbert Millauer/ddp  Quelle: nm/mw
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Landkreis Leipzig

 Experten gehen davon aus, dass ländliche Regionen künftig anders an die Ballungszentren gekoppelt werden müssen, wenn sie den Anschluss nicht verpassen sollen. In der Fortschreibung des Regionalplanes Leipzig-Westsachsen müsse ein Umdenken mit Blick auf die kleinen Orte stattfinden, so Andreas Berkner, Leiter der Regionalen Planungsstelle. Welche Faktoren das Leben im ländlichen Raum (unter anderem) ausmachen, wie diese im Landkreis Leipzig ausgestattet sind und was sich ändern muss, haben wir nachgefragt.

Der Colditzer Ortsteil Lastau bewarb sich vergangenes Jahr um den Titel „Schönstes Dorf in Sachsen“. Beim Rundgang stellte Ronny Kriz der Jury den Ort vor. Quelle: Thomas Kube

Dorfgemeinschaft

Lastau bei Colditz mit 223 Einwohnern ist ein Vorzeigedorf. Es liegt landschaftlich attraktiv, die meisten Häuser sind saniert, es gibt kaum Leerstand. Im Kindergarten werden 14 Kinder betreut. Der Gasthof und das Parkhotel ziehen überregional Gäste an. Einige Firmen arbeiten im Ort. Hier steht noch die Kirche im Dorf, ein ehrenamtlicher Pfarrer ist für die Gottesdienste da. Im Mehrgenerationenhaus hat der Jugendclub seine Räume. Auch die Frauensportgruppe trifft sich einmal in der Woche dort. Am neuen Spielplatz entstand ein Volleyballfeld, wo junge Leute bei gutem Wetter baggern und pritschen. Dorffest und Fasching feiern die Lastauer Jahr für Jahr zusammen. Alle sechs bis acht Wochen kommt sogar ein Arzt zur mobilen Sprechstunde.

Ronny Kriz, Vorsitzender Heimatverein Lastau. Quelle: privat

Das alles entstand nicht einfach so. Der 42-jährige Ronny Kriz, Chef des Heimatvereins Lastau und Umgebung sowie Mitglied im Kirchenvorstand, gehört zu einer kleinen Gruppe, die seit Jahren der Dorfmotor sind. Sie beantragten Fördermittel und bauten die alte Kneipe zum Mehrgenerationenhaus um. Sie kämpften dafür, dass der kleine Kindergarten im Ort bleibt und legten bei der Sanierung mit Hand an. Für jedes Plus, das ihr Dorf heute hat, haben sie sich engagiert.

Es müssen mehrere mitziehen“

„Es müssen wohl zwei Sachen zusammen kommen, damit es gut funktioniert“, sagt der Lastauer. „Zum einen braucht man einen Treff für die Dorfgemeinschaft und zum anderen eine kleine Gruppe aktiver Leute, die andere mitziehen.“ Sich sozial einzubringen, etwas fürs Dorf zu machen, sei für die Lebensqualität entscheidend.

Dabei ist auch Lastau nicht sorgenfrei. „Die Frage ist, wie sich das demografisch weiter entwickelt“, so der Vereinschef. Es gebe junge Familien im Dorf, aber wie das in zehn oder zwanzig Jahren aussieht, könne man nicht wissen. Für Jugendliche sei es mit den weiten Wegen schwierig. Der Bus hält im Zwei-Stunden-Takt, 20.20 Uhr das letzte Mal. Sein ältester Sohn, 16 Jahre alt, hat eine Lehre begonnen, „ohne Moped wäre das schwierig“. Auch das Thema Internet bewegt das Dorf, es sei derzeit „nicht ganz schlecht, aber auch nicht ganz schnell“.

Keine politische Vertretung mehr

Ob sich Lastau wie viele Dörfer als fünftes Rad am Wagen fühlt? Ronny Kriz arbeitet in Colditz beim Bildungs- und Sozialwerk Muldental. Der Weg ins Rathaus ist also kurz. Einen Ortsvorsteher gibt es nicht mehr, auch sitzt kein Lastauer im Stadtrat – was Kriz bedauert. „Einst war unser Dorf eine eigene Gemeinde mit Gemeindeamt im Ort, aber die Zeiten sind eben lange vorbei, jetzt müssen wir das Beste draus machen“, meint er.

Drei Wünsche für Lastau

Wenn er drei Wünsche für sein Dorf offen hätte, würde er sagen: Erstens soll das dörfliche Miteinander noch mehr belebt werden. Familie und Job, oft mit weiten Arbeitswegen, lasse häufig zu wenig Zeit dafür. Zweitens soll der schöne Naturkindergarten dem Dorf erhalten bleiben und auch Steppkes von außerhalb anlocken. Und drittens wünschen sich die Lastauer, dass der Fußweg an der gefährlichen Kreisstraße direkt vor dem Kindergarten endlich mal saniert wird. Das steht schon seit sechs Jahren auf dem Plan, wird aber leider immer wieder verschoben.

Die Anbindung der kleinen Orte für den privaten, wirtschaftlichen und öffentlichen Nahverkehr ist ein bedeutender Faktor. Quelle: Olaf Barth

Infrastruktur

„Mit dem öffentlichen Nahverkehr steht und fällt die Entscheidung, ob sich Familien im ländlichen Raum ansiedeln oder nicht“, sagt der Groitzscher Bürgermeister Maik Kunze. Neben der Kernstadt gehören zu seiner Gemeinde 29 Dörfer. Außerdem ist der 52-Jährige CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag. Wesentlich sei die Frage, wie Kinder zur Schule kommen und ob sie am Nachmittag zu Fußball, Feuerwehr oder Tanz allein fahren können. Nicht zu vergessen sind ältere Menschen ohne Auto, die wegen Arztbesuchs und Einkaufs auf den Bus angewiesen sind.

Groitzschs Bürgermeister Maik Kunze (CDU). Quelle: Thomas KubeThomas Kube

Derzeit würde sich der Nahverkehr nicht verbessern, einige Dörfer seien gänzlich abgehängt. Insofern könne er die aktuelle Diskussion nicht verstehen: „Bei uns werden aus Kostengründen Buslinien gestrichen und in den Ballungszentren soll der Nahverkehr nun kostenlos angeboten werden. Hier gibt es eine Diskrepanz.“ Dies sei ganz sicher eine Stellschraube, an der gedreht werden könne, um die Besiedlung im ländlichen Raum anzukurbeln.

Stadtbus nach Pegau soll kommen

Auch die Kernstadt Groitzsch kämpft seit langem um eine „zügige Buslinie, die nicht alles abklappert“ bis zur S-Bahn, bisher ohne Erfolg. Im Gespräch sei nun ein Stadtbus, der zwischen Groitzsch und der Nachbarstadt Pegau pendelt. Am Pegauer Haltepunkt stoppt zwar nicht die S-Bahn, aber per Zug ist man ruckzuck am Leipziger Hauptbahnhof.

Fördermittel seien eine weitere Stellschraube, die derzeit klemmt. „Das Geld ist da, aber die Beantragung ist dermaßen kompliziert, dass dies oft kaum für Kommunen, geschweige denn für Privatpersonen zu stemmen ist“, kritisiert Kunze. Im Laufe der Jahre haben sich die Hürden immer weiter erhöht. Kurz nach der Wende gab es eine punktuelle Förderung für einzelne Dörfer, die leicht zu handhaben war, erinnert sich der Stadtchef. Später funktionierte dies in kleinen Förderregionen „recht gut“. Aber mit der großen Leader-Region heute sei häufig die Belastungsgrenze erreicht.

Breitbandausbau aus einem Guss

Wie wichtig schnelles Internet im ländlichen Raum ist, wird zwar oft betont, aber die Umsetzung lasse zu wünschen übrig. Seiner Meinung nach sei es ein Fehler, dass sich jede Kommune allein darum kümmert. Das hätte von Anfang an, ähnlich wie der Ausbau des Telefon-Netzes, in einer Hand liegen müssen. Groitzsch bekam damals die ersten Förderzusagen und baute Breitband für seine Dörfer, erst heute ist der Anschluss fast abgeschlossen.

Bei allen infrastrukturellen Problemen dürfe man jedoch nicht „eine gut funktionierende Dorfgemeinschaft“ unterschätzen. Aktive Vereine wie Feuerwehr oder Karnevalisten spielen dabei eine entscheidende Rolle. Gute Beispiele dafür gebe es in den Groitzscher Dörfern Berndorf, Audigast und Großstolpen.

Einwohnerzahl pegelt sich ein

Der ländliche Raum blutet aus? Nicht in der Elsterregion. Den Rückgang der Einwohnerzahl sieht der Bürgermeister in seiner Stadt samt Dörfern gestoppt. Bei 7600 Bewohnern hat sich Groitzsch eingepegelt. Dass es wieder mehr Kinder gibt, merkt die Kommune vor allem an den vollen Kindergärten, auch die Grundschule wird ab diesem Jahr erstmals wieder dreizügig. Nicht selten kommen ehemalige Groitzscher, die für die Ausbildung einst ihre Stadt verlassen haben, nun mit eigener Familie wieder in die Heimat zurück.

Die Musikschulen im Landkreis Leipzig bieten Unterricht in den kleinen Ortschaften an – vor allem Kinder profitieren davon. Quelle: dpa

Kultur und Bildung

Lange Wege sind Alltag für Menschen, die auf dem Dorf wohnen. Für Arbeit und auch Freizeitangebote müssen sie häufig ihren Heimatort verlassen. Die beiden Musikschulen des Landkreises – im Muldental und Bornaer Raum – gehen den umgekehrten Weg. „Wir fahren auch in die kleinen Orte und bieten an mehr als 40 Stellen Unterricht an“, sagt Klaus-Dieter Anders, Leiter der Musik- und Kunstschule Ottmar Gerster. So lassen sich viele Menschen erreichen. Seiner Meinung nach spielt – neben anderen Faktoren – das kulturelle Angebot bei der Überlegung, im ländlichen Raum zu Hause sein zu wollen, eine wesentliche Rolle.

Musikschuldirektor Klaus-Dieter Anders. Quelle: André Kempner

Derzeit haben die beiden Musikschulen 3600 Schüler. Dabei weist die Statistik nicht wie in einem Museum die Besucher aus, die einmal eine Ausstellung besuchen. Diese 3600 Personen, vor allem Kinder und Jugendliche, haben jede Woche während der Schulzeit Unterricht. Rund 1000 davon nutzen die Musikschule sogar zweimal wöchentlich – wenn sie in einem Orchester spielen oder Musiktheorie haben.

Modell hat Vorteile

„Das ist der Auftrag einer kommunalen Musikschule“, sagt der Leiter. So soll Musikkultur im ländlichen Raum, wo es nicht so viele Angebote wie in der Großstadt gibt, wirken. Das Modell würde gut funktionieren, denn auf diese Weise lassen sich viele Kinder unterrichten. Vor allem wenn sie klein sind, sei es wichtig, vor Ort zu sein, damit Steppkes und Eltern ohne weite Wege ausprobieren können, ob die Musik ein passendes Hobby ist. Die musikalische Früherziehung in den Kindergärten sei dafür ideal. Später, wenn die Kinder älter sind und eine Schule in der Stadt besuchen, können sie dort dann den Instrumentenunterricht nutzen.

Auch für Lehrer sei das Modell passend. Für einen Trompetenlehrer zum Beispiel würde es nicht funktionieren, wenn er nur Schüler aus einer Kleinstadt hat. So kann er in verschiedenen Orten unterrichten und die Kinder, die möchten, in einem Orchester zusammen bringen.

Zehn Grundschulen bei „Jeki“ dabei“

Seit acht Jahren bietet die Musikschule das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ (Jeki) an. Zehn Grundschulen im Landkreis beteiligen sich. Zunächst lernen die Erstklässer alle Orchesterinstrumente kennen. In der zweiten Klasse entscheiden dann die Eltern, ob das Kind mit einem bestimmten Instrument anfängt. Etwa die Hälfte der Kinder musiziert nach JeKi weiter.

Fachpersonal fehlt

Über fehlende Nachfrage kann sich die Musikschule nicht beschweren. Im Gegenteil: Noch mehr Unterricht wäre möglich, „aber wir finden keine qualifizierten Lehrer“. Knapp 50 Festangestellte arbeiten in den beiden Schulen, 90 Prozent davon haben Teilzeitstellen. Hinzu kommen Honorarkräfte. Musiklehrer, die an der Hochschule studiert haben, gibt es zwar in Leipzig. Aber in der Großstadt sei die Nachfrage ebenfalls so groß, dass sie in Leipzig unterrichten können und deshalb nicht aufs Dorf fahren.

Die Situation werde sich in Zukunft nicht ändern, leider. Um das Angebot aufrecht erhalten zu können, beschäftigt sich Klaus-Dieter Anders schon geraume Zeit mit der Thematik. Demnächst findet ein parlamentarischer Abend in Dresden statt, wo es um das Berufsbild Musikschullehrer gehen soll.

Feuerwehren des Landkreises trainieren für den Ernstfall. Den Kameraden stehen dafür Realbrandanlagen zur Verfügung. Quelle: Toni Engelmann

Feuerwehren

Das grundsätzliche Problem ist die Tagesverfügbarkeit der Feuerwehr“, sagt Nils Adam, Kreisbrandmeister im Landkreis Leipzig. Bewohner des ländlichen Raumes pendeln oft zur Arbeit, auch die Kameraden der Ortswehren. Wenn es mittags brennt, wird es schwierig.

Kreisbrandmeister Nils Adam. Quelle: Thomas Kube

Um die Situation zu verbessern, seien im Ort ansässige Unternehmen wichtig, die Kameraden beschäftigen und bereit sind, diese im Einsatzfall freizustellen. Das würde in vielen Fällen schon gut funktionieren, könne jedoch weiter optimiert werden. So wäre es gut, wenn der Verdienstausfall, den Firmen beantragen können, unproblematischer ausgezahlt wird. Auch sollte man wissen, dass es trotz des Geldes für die Betriebe oft schwierig ist, weil die Arbeitskraft in diesem Zeitraum eben nicht zur Verfügung steht. Es gebe auch Unternehmen, die ihre Leute freistellen und dafür kein Geld verlangen. „Sie sehen es als Dienst an der Gesellschaft und das sollte mehr gewürdigt werden“, so Adam.

Kommunale Jobs würden Einsatzbereitschaft steigern

Eine gute Entwicklung sieht der 42-Jährige in dem Trend, dass Feuerwehrleute in kommunalen Unternehmen wie Bauhöfen angestellt werden, „das sollte noch mehr Einzug halten“. Arbeitsstellen in Städten und Gemeinden für Kameraden sind die beste Möglichkeit, die Tagesverfügbarkeit besser in den Griff zu bekommen.

Doch auch die Einsatzkräfte selbst seien gefragt. Der Anspruch an die Feuerwehr ist hoch. „Wenn ein Wohnhaus brennt, ist es egal, ob Ehrenamtliche oder Berufsfeuerwehr vor Ort sind“, sagt Adam. Der Einsatz muss klappen. Dafür sei eine gute Ausbildung wichtig. Das betrifft auch die Qualifikation für Atemschutzgeräteträger. Deren Zahl ist seit 2011 um fast 180 im Landkreis gesunken – von 1566 auf aktuell 1387. Dabei ist die Zahl der Einsatzkräfte insgesamt kaum geschrumpft. Waren es vor sieben Jahren 3567 Kameraden, sind es heute 3542, so die Statistik. Es gibt im Landkreis 144 Ortswehren, die in 30 Gemeindewehren zusammengefasst sind.

Änderungen bei der Ausbildung erforderlich

Der Kreisbrandmeister befürwortet eine Änderung bei der Ausbildung. Bisher müssen Kameraden die 70 Stunden an mehreren Wochenenden am Stück absolvieren, was häufig nicht so einfach zu organisieren ist. Er plädiert dafür, die Ausbildung mehr zu teilen und somit mehr Interessenten zu gewinnen.

Insgesamt gebe es bei den Wehren große Unterschiede im Landkreis. Eine Feuerwehr funktioniere so gut, wie die Führungskraft ist. Auf der anderen Seite könne eine Führungskraft ohne eine gute Truppe nichts ausrichten. Ein Knackpunkt sei moderne Technik, „wenn dort 25 Jahre alte Autos stehen, lässt sich zudem die Jugend schwer begeistern“. Über eine Zusammenarbeit der Wehren müsse in Zukunft intensiver nachgedacht werden, um die Anforderungen im ländlichen Raum stemmen zu können.

Von Claudia Carell

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