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Sächsische Denkmalkarte führt bis nach Gatzen: Jahrhunderte alte Details

LVZ-Test Sächsische Denkmalkarte führt bis nach Gatzen: Jahrhunderte alte Details

Das Landesamt für Denkmalpflege hat eine detaillierte Karte mit historischen Gebäuden jetzt online gestellt. Wer will, kann in seinem Ort oder seiner Straße auf historische Entdeckungsreise gehen. Redakteurin Claudia Carell wählte zur Erkundung im Landkreis Leipzig das kleine Dorf Gatzen, fand hunderte Jahre alte Gemäuer – und Menschen, die heute begeistert darin leben.

Familie Naumann wohnt gern in den alten Mauern des Pfarrhauses von Gatzen: „Es ist so schön!“

Quelle: Jens Paul Taubert

Gatzen. Die Adresse in die Vergangenheit heißt https://lsnq.de/denkmalkarte. Wer unter den Benutzerhinweisen auf „Zur Kenntnis genommen“ drückt, ist schon da: Eine Karte mit vielen kleinen roten Flecken öffnet sich – mit Dresden im Mittelpunkt. Durch Verschieben und Vergrößern lässt sich schnell zum gewünschten Ort navigieren.

Gatzen ist ein schönes Sackgassendorf am Rande der Elsteraue bei Groitzsch, 1320 erstmals erwähnt. Die Karte weist ganze Areale als Denkmäler aus: Drei- und Vierseithöfe, einzelne Wohnhäuser und Scheunen, natürlich die Kirche samt Friedhof. Alle Gebäude des Ortes sind zu sehen. Die Denkmäler sind rot, die übrigen Häuser grau. Wenn man auf ein rotes Feld klickt, zum Beispiel die Kirche, ploppt ein Textfenster auf, wo eine Kurzcharakteristik zu lesen ist, hier: „Kirche (mit Ausstattung), Einfriedung des Kirchhofs mit drei Toren sowie Gedenkstein für die Völkerschlacht bei Leipzig auf dem Kirchhof“. Wer auf „weitere Denkmalinformationen“ klickt, sieht 15 kleine Fotos, einige undatiert, andere von 1995 und 2013. Außerdem erfährt er einige Daten.

Guter Überblick zu historischen Gebäuden im gewünschten Ort

Doch vor allem verschafft die Karte einen Überblick, welche historischen Gebäude es überhaupt gibt. Dabei geht es nicht um Vollständigkeit. Ganz klar informiert das Landesamt für Denkmalpflege auf seiner Homepage: „Auch Objekte, die nicht verzeichnet sind, können Denkmale sein.“

In der Realität ist das kleine Gatzen natürlich viel hübscher als auf der rotgefleckten Karte. Der Rundgang beginnt an der liebevoll sanierten Kirche, die Literaturgeschichte schrieb. Vor mehr als 200 Jahren wurde Goethes letzte große Liebe Ulrike von Levetzow hier getauft. Wie alt die Kirche ist, weiß keiner genau. Viele Akten gingen im 30-jährigen Krieg in Flammen auf. Ein verlässliches Datum ist in die alte braune Eichentür geritzt: 1695. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Gotteshaus fertig – so, wie es heute dasteht.

Enthusiasten, die mit Herzblut alte Fachwerkhäuser sanieren

Gleich gegenüber fällt ein altes Fachwerkhaus „mit Thüringer-Leiter-Motiv“ auf, was „möglicherweise ehemals Kirchschule“ war, wie die Denkmal-Info weiß. Um 1820 soll es entstanden sein. Eigentümerin Cornelia Wolf schwatzt davor mit zwei älteren Damen. Vor 14 Jahren kaufte ihre Familie das Gebäude, hat seitdem viel gebaut und lebt gern hier. „Ich fand es schon immer schön, ein altes Haus zu sanieren“, sagt die Gatzenerin. Überhaupt gebe es in dieser Hinsicht in der Region „viele Enthusiasten, die mit Herzblut dabei sind“.

Der benachbarte Dreiseitenhof ist noch älter und vermittelt einen Eindruck, wie es früher wohl in den Dörfern überall aussah. Im Bauernhaus (um 1750), in der Scheune (um 1820) und auf dem Hof mit der Toreinfahrt von 1867 wurde Jahrhunderte gelebt und gearbeitet.

Begeisterung für Grabstein, Engelsköpfchen und Eisvogel

Über den Friedhof mit alter Mauer und kleinen Toren geht es durchs Grüne zum Pfarrhaus. Neu-Bewohnerin Anja Naumann sitzt im Garten und ist künstlerisch unterwegs. Sie beklebt eine Kugel mit bunten Mosaiksteinchen, aus denen Blumen entstehen. Im August zog sie mit ihrem Mann und zwei Kindern von Baden-Württemberg hierher. Die 41-Jährige stammt aus Magdeburg, lernte einst in Leipzig Stuckateurin. Als sie im Leipziger Land eine Freundin besuchte, entdeckte sie das Pfarrhaus in Gatzen und war begeistert: „Es ist so schön! Ein herrlicher Garten, in dem es sogar Eisvögel gibt. Ob allerdings das Haus unter Denkmalschutz steht, keine Ahnung, es ist aber wohl über 200 Jahre alt.“

Tatsächlich weist die Internetkarte das schlichte Pfarrhaus nicht als Denkmal aus. Dabei leben und wirken hier Leute mit Sinn für Historie. Die Kirchgemeinde hat das Gebäude behutsam saniert, oben eine Mietwohnung, unten der Gemeinderaum, wo sich Senioren treffen, wo gesungen, gelesen und gefeiert wird. Familie Naumann legte im Garten einen kleinen Teich an. Dabei fand das Ehepaar einen verwitterten Grabstein und ein steinernes Engelsköpfchen. Der Vater von Anja Naumann datierte als Historiker den Grabstein auf das 17. Jahrhundert. Beide Zeitzeugen stehen jetzt neben dem Mini-Teich, „hier gehören sie ja hin“.

Neuer Eigentümer für alte Schule an Durchgangsstraße gesucht

Schräg gegenüber ist ein Bauernhaus von 1750 zu bestaunen. Das Fachwerk hat seltene K-Streben und es gibt Zwillingsfenster. Was Fachwerk betrifft, hat das Dorf überhaupt eine Menge zu bieten. Eigentlich müssten viel mehr rote Häuser die Karte zieren. Nicht alle Denkmäler sind bewohnt. Trist und leer steht zum Beispiel die alte Schule an der Durchgangsstraße. „Zu verkaufen vom Eigentümer, der Stadt Groitzsch“, ist dort zu lesen. Bunt und lebensfroh kommt nur ein Zirkusplakat mit lachendem Clown und tänzelndem Pferd daher.

Nicht nur Begeisterung für Thema Denkmal und seinen Erhalt

Das Wort Denkmal löst nicht nur Begeisterung aus. Kommunalpolitiker und Privatleute schimpfen nicht selten auf die Denkmalschutzbehörde, die ihrer Meinung nach den Erhalt alter Gemäuer kompliziert behindert statt zu fördern. Anfang vergangenen Jahres wurde im Landkreis Leipzig sogar eine sachsenweite Initiative gestartet, um die Situation zu verbessern (die LVZ berichtete). Vor einem schön sanierten Dreiseitenhof in Gatzen, der auf der Karte ebenfalls als Denkmal ausgewiesen ist, werkelt ein Mann im Garten. „Nee, das steht hier nicht unter Denkmalschutz“, sagt er kurz und knapp und hat wohl keine Lust, länger über das Thema zu reden.

Von Claudia Carell

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