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Schreiben als Existenzform

Schreiben als Existenzform

Unter dem Titel "Bittere Medizin" zeigt das Volkskundemuseum Wyhra noch bis Ende September eine Ausstellung über drei Generationen der Frohburger Familie Vesper.

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Der Autor Guntram Vesper in der Ausstellung im Volkskundemuseum Wyhra.

Quelle: privat

Borna/Göttingen. Dr. Julius Vesper war Tierarzt und erwarb sich besondere Verdienste bei Erforschung der Bornaischen Krankheit bei Pferden. Sein Sohn Dr. Wolfram Vesper war Landarzt, und dessen Sohn Guntram Vesper ist Schriftsteller und lebt in Göttingen. Die LVZ sprach mit dem 73-Jährigen.

Hans Ketzer, den Leiter des Volkskundemuseums kennt der Autor schon länger von einem Felixmüller-Abend in Wyhra. Bereits vor drei Jahren hatte der angefragt, eine Ausstellung über die drei Generationen der Familie zu gestalten. Anfang des Jahres hatte er diese Idee aufgegriffen. Der Göttinger lieferte Dokumente und ganz viele Familienfotos. Ansonsten ließ er dem Museumschef freie Hand und lobt das Ergebnis. "Ich bin sehr zufrieden, sehr schön. Ich bewundere, wie er das gemacht hat."

Schön sei die Eröffnung der Schau gewesen und liebevoll sei er mit seiner Frau im Volkskundemuseum empfangen worden, als er sich später alles noch einmal in Ruhe anschauen wollte.

Bittere Medizin

Gelungen sei auch der Titel "Bittere Medizin". Das passe nicht nur auf seinen Großvater, den Tierarzt, und seinen Vater, den Landarzt, sondern auch ein bisschen auf ihn. Ein Schriftsteller könne nur der Arzt sein, aber nicht die Medizin, zitiert er. Vesper: "Ich gebe die Diagnose ab, um die Therapie müssen sich andere kümmern." Um Fragen zum Werdegang des Großvaters zu klären, hatte sich Vesper dessen Dissertation über die Bornaische Krankheit aus der Göttinger Universitätsbibliothek ausgeliehen und erstmals von vorn bis hinten gelesen. Als der Tierarzt sie verfasste, war er schon 56 Jahre alt. Vesper kann sich erinnern, als Kind gedruckte Exemplare der Arbeit bei seinen Großeltern gesehen zu haben in deren Wohnung in der Greifenhainer Straße. In einer Mansarde dort hatten seine Eltern zunächst gewohnt und dort ist Guntram Vesper auch geboren.

Eine Zusammenschau der Generationen, wie sie die Ausstellung jetzt bietet, habe es bislang nur literarisch gegeben, so in seinem Buch "Bullenbuch und Mordgeschichte. Frohburger Schreibversuche", erschienen 2008 (die LVZ berichtete), erklärt der Autor. Teilweise habe er auch eine Schwelle überwinden müssen, Familienfotos rauszugeben. "Sie gehören zu meiner inneren Ausstattung." Der Vater habe die Wohnung viel fotografiert, auf die seine Eltern stolz waren - aber nie das Sprechzimmer.

Kleinstadt von den Füßen schütteln

Im Jahre 1957 hatte Familie Vesper Frohburg und das Land verlassen. Eine Rolle habe gespielt, das der zwei Jahre jüngere Bruder nicht auf die Oberschule gehen durfte. Doch wohl schon ein Jahr zuvor beim Aufstand in Ungarn und dem Blutbad dort seien die letzten Illusionen seiner Eltern verloren gegangen. In einem Brief aus dem Aufnahmelager in Gießen habe sein Vater der damaligen Kreisärztin in Geithain seine Gründe für diesen Schritt dargelegt, weiß Guntram Vesper. Dieses Schreiben konnte er noch nicht ausfindig machen.

Der Schriftsteller war damals bei der Ausreise 16 und froh, dass er "die Kleinstadt von den Füßen schütteln konnte", wo den Eltern alles gleich zugetragen wurde. Die Großmutter hat er vermisst, zu der er so oft mit dem Rad gefahren war. Sie hatte die LDPD-Zeitung "Der Morgen" abonniert und machte sich ihre eignenen Gedanken.

Bücherwut und Schreibanleitung

Im Haus der Großeltern gab es Meyers Lexikon und Brehms Tierleben in zehn Bänden und auch jede Menge "Bücherschutt". Die alten Lesebücher seines Vaters und von dessen Geschwistern aus dem Gymnasium in Borna gehörten zu Guntram Vespers Schätzen. Auch die Eltern schenkten zum Geburtstag und zu Weihnachten Bücher - neue, aber auch welche, die schwierig zu erlangen waren. "Der Fremde aus Indien" von Karl May, eine alte Fraktur-Ausgabe, die er als Junge schon mal besessen habe, hat der 73-jährige Autor jetzt wieder erworben. Er ist ein leidenschaftlicher Bücherkäufer. Von Bücherstößen umstellt ist der Esstisch in Göttingen, an dem er mit dem Laptop schreibt, obwohl er auch ein Arbeitszimmer hat.

Sein Vater habe ihm erklärt, wie man einen Aufsatz schreibt, ein beliebiges Thema behandelt, dass jeweils erst eine Gliederung, ein Konzept her muss. Nicht nur jenen Brief seines Vaters hätte der Autor gern in der Ausstellung in Wyhra gesehen. Zu spät ist ihm ein Zettel seiner Großmutter in die Hände gefallen, die schon 83 Jahre alt war und verwitwet, als sie eine Pyramide nach Westdeutschland schickte. "Liebe Kontrolle, bitte packen sie diese Weihnachtspyramide recht vorsichtig aus u. ein! Und seien sie herzlich bedankt dafür! Die alte Großmutter".

Der Weg ins Leben

Guntram Vesper hat an Makarenko gedacht, als er seine jüngste Erzählung "Der Weg ins Leben" nannte. Ausgangspunkt ist ein Foto, das er in der zweiten Hälfte der 80er Jahre mit einer Kleinbildkamera in Frohburg aufgenommen hat. Er hängt daran, es ist sein Startfoto auf dem Laptop. Das Bild zeigt den Blick aus dem Posthof auf die Bahnhofstraße. Die Wohnung von Familie Vesper lag im selben Gebäude wie das Hotel zur Post, einst hatte Bürgermeister Schröder mit seiner Familie in ihr gelebt, dem die Stadt viel zu verdanken hat. Auf dem Posthof haben Guntram Vesper und sein jüngerer Bruder oft gespielt.

Manchmal sei der Vater eindrucksvoll mit schnellem Schritt über den Hof zur Garage geeilt, um zu den Patienten zu fahren. Gelegentlich durften die Jungen mit. "Wir haben gemerkt, dass er gebraucht wurde", hat Vesper damals beobachtet. Der Landarzt habe sich teilweise auch die Zeit genommen, mit den Menschen zu denen er gerufen wurde, ausführlicher zu sprechen. Mutter und Vater waren in Frohburg geboren, wussten viel hatten, so Vesper "einen relativ weiten Horizont". Später, als sie schon betagt waren, hat er sie viel zu Frohburg befragt, sich nach den Gesprächen in aller Eile Notizen gegen das Vergessen gemacht.

Gaslaternen und Töpfermädchen

Ausgangspunkt der Erzählung ist ein ganz alter Text, eine Seite "nicht zu verwenden". Daraus sind 15 Seiten geworden, die der Schriftsteller nun täglich viele Stunden lang nachbearbeitet. Er schildert, wie er sich 1970 seinen ersten Besuch in Frohburg nach dem Weggang vielleicht gewünscht hätte.

In seiner Geschichte kommt er am Bahnhof an und geht durch die Stadt, die mit ihren Gaslaternen und dem Töpfermädchen voller Erinnerungen steckt, nimmt ein Fremdenzimmer im Hotel zur Post. In Wirklichkeit war jener Besuch ein hastiger und illegaler Abstecher als Messegast.

600 Seiten Frohburg-Roman

Etwa seit 2010 schreibt Vesper an einem "Frohburg-Roman", der bislang 600 Seiten hat. Er hängt an dem Projekt. "Das Schreiben daran ist eine Existenzform geworden", sagt er und fragt sich, was er vormittags und nachts machen soll, wenn er das Manuskript einmal an den Verlag übergeben hat. Doch so weit ist es noch lange nicht. Mindestens noch an fünf Schnittstellen der Geschichte will der Schriftsteller etwas einschieben. Er lasse sich Zeit und Ruhe, will "das Thema nicht verschenken." Die Arbeit macht ihm Spaß. Wenn ein Satz gelingt oder ein Bild, das ihm noch nicht zusagte, befriedigend geändert werden kann, das sei ein Geschenk. Gelegentlich formuliert der Göttinger übrigens Teile von Wikipedia-Einträgen um und bietet sie dem Administrator an.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.08.2014
Inge Engelhardt

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