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Schrill: Überdosis aus Borna und Geile Gugge aus Belgern feiern 15.Geburtstag

Festival Schrill: Überdosis aus Borna und Geile Gugge aus Belgern feiern 15.Geburtstag

Gugge: herrlich schräg, herrlich laut, wunderbar mitreißend. Und am Sonnabend bei gleich zwei Vereinen der Region zu erleben: Sowohl Überdosis aus Borna als auch ... feiern mit einem großen Festival ihren 15. Geburtstag. Doch der Ursprung der Musik geht weit darüber hinaus. Schon im 16. Jahrhundert diente die schräge Musik der Geistervertreibung.

Laut und schrill: die Guggemusik von Überdosis aus Borna.

Quelle: Andre Kempner

Borna. Gugge – herrlich schräg, herrlich laut, wunderbar mitreißend. Als sich vor 15 Jahren zehn Leute in Borna zusammenfanden, um gemeinsam Musik zu machen, ahnte wohl keiner von ihnen, dass sie damit offene Türen einrennen würden. Nicht nur im Landkreis Leipzig, sondern sachsenweit. Gugge musste es sein. Das hatte zwei Gründe: Zum einen sollte es eine bis dahin in der Region eher unbekannte Stilrichtung sein, zum anderen konnten einige der angehenden Musiker noch kein Instrument spielen. Diejenigen behalfen sich zunächst mit Rasseln und Trommeln.

„Kurz nach unserem ersten Treffen haben wir uns auf dem Flohmarkt in Leipzig verabredet, um Instrumente zu kaufen“, erinnert sich Bettina Ketzscher, die von der ersten Stunde an dabei ist. Die Ausbeute konnte sich sehen – und hören – lassen: Trompeten, Posaunen, Schlagzeug und Pauken wechselten den Besitzer. „Doch wie weiter? Nur einfach reintuten oder draufhauen ergibt noch keine ansprechende Gugge“, erzählt Vorstandschefin Diana Noeske. An der Stelle halfen die Vereinsgründer, die mit musikalischer Vorerfahrung aufwarten konnten oder ein Instrument beherrschten. Der erste Titel war mit dem spanischen Kracher La Cucaracha schnell gefunden. Und die Noten mit Hilfe von Zahlen auch einfach umzuschreiben. Denn die meisten konnten keine Noten lesen. „Die Trompete hat drei Ventile, also haben wir uns über die Noten die Zahl der Ventile geschrieben, die wir drücken müssen“, erklärt Ilka Elschner. Nach dem gleichen Prinzip lernten die Posaunisten die Stücke, allerdings für die zur Tonerzeugung notwendigen acht Zugpositionen.

Keine zehn Übungsstunden und drei weitere Titel später stand bereits der erste Auftritt an – zunächst einmal nur bei einer Familienfeier eines der Mitglieder. „Blamieren wollten wir uns als schnell zusammen gewürfelte Truppe ja nicht, auch wenn es bei Gugge durchaus schräg werden darf“, sagt Ketzscher. Und noch einmal einige Wochen später „bekam das Kind endlich einen Namen“. Überdosis. Fehlte nur noch eines: passende Kostüme. Die wurden flugs einem anderen Verein abgekauft, der jedoch nicht gerade um die Ecke zu finden war, „im Landkreis Leipzig waren wir ja die erste Guggetruppe“, so Mario Röschke.

Mittlerweile gehören 35 Männer, Frauen und Kinder zu Überdosis und gibt es vier verschiedene Kostümvarianten (zwei für den Winter, zwei für den Sommer). Das Repertoire ist so schnell gewachsen wie die Mitgliederzahl, es reicht momentan von Deutschrock über Schlager bis hin zu Partykrachern. Genannt seien unter anderem „Skandal im Sperrbezirk“, „Verdammt ich lieb Dich“, „Like a prayer“ und „Moskau“. Und auch die Chronik der Auftritte liest sich wie eine Erfolgsgeschichte. Überdosis spielte bereits als Vorgruppe für Matthias Reim, Scooter, Jürgen Drews und die Kelly Family. Von den unzähligen Fernsehauftritten ganz zu schweigen.

Kein Wunder also, dass Überdosis immer wieder Neuzugänge zu verzeichnen hat. Viele von diesen wechseln unter anderem von Fanfaren- und Spielmannszügen zur Gugge. So wie Anja Kirsten und Robert Brettschneider. Beide spielten jahrelang im Fanfarenzug Westewitz, was ihnen aber fehlte, war die Abwechslung bei den Musikrichtungen. „Nicht nur das Repertoire bei Überdosis hat uns fasziniert, auch die Kostüme“, blickt Kirsten zurück. Nicht zu vergessen: die Stimmung, die Gugge verbreite.

Doch trotz aller guten Laune haben es Guggemusiker manches Mal nicht so leicht. „Beim Festival im vergangenen Jahr in Lübeck hat uns nach der Party kein Taxi mitgenommen“, sagt Röschke. Er vermutet, dass „wir den Fahrern wirklich zu schräg drauf waren“. In Anbetracht der ausschweifenden Kostüme und der geschminkten Gesichter auch nicht verwunderlich. Der Erfolg von Überdosis spricht für sich. Und überhaupt erfreut sich Gugge wachsender Beliebtheit.

Ihren Ursprung hat die Musik im Brauch in Süddeutschland und der Schweiz, die Wintergeister mit dem Blasen von Kuhhörnern auszutreiben. Die erste Erwähnung geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Um die Geister tatsächlich loszuwerden, musste die Musik laut und jämmerlich klingen. Und die Musiker setzten mit Kostümen und Masken noch einen Schreck für die Gespenster drauf.

Wer Gugge noch nicht kennt, hat am Sonnabend Gelegenheit, die Bildungslücke zu schließen. Ab 18.30 Uhr lädt Überdosis zum großen Festival mit sechs befreundeten Vereinen in die Bornaer Glück-Auf-Halle ein.

Von Julia Tonne

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