Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Selten: Heuersdorferin schreibt Erinnerungen aus der verlorenen Heimat auf
Region Borna Selten: Heuersdorferin schreibt Erinnerungen aus der verlorenen Heimat auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:39 15.04.2018
Dieses Foto von Harald Kirschner zeigt Breunsdorf im Jahr 1994. Quelle: Jens Paul Taubert
Borna

Die Erinnerung jedes Menschen ist einzigartig. Wenn er in einem Dorf lebte, das es heute nicht mehr gibt, um so mehr. Doch nicht viele Bewohner von Orten, die den Kohlebaggern weichen mussten, schrieben ihre Erinnerungen auf. Gertrud Eberhardt aus Heuersdorf gehört zu den wenigen. Die inzwischen Verstorbene nahm vor einigen Jahren Stift und Papier zur Hand und notierte Erinnerungen aus Kindheit und Heimatort. So schrieb sie zum Beispiel über die Kleinhändler:

„Da kam der Strumpfmann aus Pegau, aus Crimmitschau kam einer mit Textilien, Knuhr Max aus Bergisdorf, er hat auf dem Fahrrad Lebensmittel gebracht. Da kam von Schleenhain Herr Fritsch, er kaufte bei den Bauern die Eier und Butter auf. Belkens Marie kam mit Kurzwaren aus Lucka, sie hatte einen Kindersportwagen, die großen Jungs banden mal die Räder zusammen, da hat sie aber gewettert. Dann kam noch der Bierwagen, einer mit Heidelbeeren und auch der Pantoffelmann und Lumpenmann aus Borna.“

Freude über Pantoffeln unterm Christbaum

Gertrud Eberhardt: Heuersdorferin schreibt Erinnerungen an ihr Dorf auf. Quelle: Leipziger Volkszeitung

Als neuntes von zwölf Kindern wuchs sie in einer Bergarbeiterfamilie auf. „Wir brauchten niemals Hunger leiden, die vielen Mäuler wurden immer gestopft, manchmal aber blieb für Mama gar nichts übrig.“ In ihren Erinnerungen – die Handschrift wurde inzwischen abgetippt und umfasst rund zehn DIN-A4-Seiten – erzählt sie auch, wie die Kinder damals „fleißig mit zupacken“ mussten. Sie verzog Rüben, half bei der Kartoffelernte, brachte dem Dachdecker das Mittagessen, arbeitete als Kindermädchen, „da fiel überall etwas ab“.

Liebevoll beschreibt sie das Weihnachtsfest: wie sie aus Buntpapier lange Ketten für den Christbaum bastelte, wie sie mit ihren Geschwistern nach dem Kirchgang zur Bescherung in die gute Stube stürzte und sich so sehr über die Pantoffeln freute, dass sie diese im Bett anbehielt.

2006 gab die Heuersdorferin ein LVZ-Interview

Gertrud Eberhardt liebte ihr Dorf. Die Autorin dieses Textes lernte sie im Oktober 2006 in Heuersdorf kennen. Die damals 86-Jährige sagte am Gartenzaun zur LVZ-Redakteurin zunächst: „Ach, ich geb’ kein Interview!“ Scharen von Journalisten und Kameraleuten waren in all den Jahren durchs den Ort gezogen, das Dorf hatte mit seinem zwölfjährigen Kampf gegen die Braunkohle deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt.

Nun war die Sache verloren, die Seniorin hatte keine Lust mehr darüber zu reden. Der Eintopf stand auf dem Herd, auch wollte sie noch Kuchen backen und ein bisschen in ihrem schönen Garten arbeiten. Doch dann überlegte sie es sich doch anders, nahm den Topf vom Herd, und begann zu erzählen.

„Das ist ein langes Leben, ich will hier nicht mehr weg“

Über ihr langes Heuersdorfer Leben. Wie sie aufwuchs, heiratete und Kinder bekam, die in der Emmauskirche getauft wurden. Später kamen Enkel und Urenkel. Ihre Familie erlitt Schicksalsschläge und man tröstete einander. „Wissen Sie, das ist ein langes Leben, und ich will hier nicht mehr weg“, sagte damals die alte Frau, Tränen füllten ihre Augen. „Am liebsten will ich hier noch sterben.“

Ihr Wunsch ging nicht in Erfüllung. Die Seniorin siedelte nach Regis-Breitingen um. Ihre Lebenserinnerungen schrieb sie auf Anraten von Steffen Dorer nieder. „Wenn ein Ort nicht mehr da ist, verschwindet auch schnell seine Geschichte, deshalb sollte man die Erinnerungen unbedingt bewahren“, meinte der Regiser, der sich seit Jahrzehnten mit Heimatgeschichte beschäftigt und mit Gertrud Eberhardt verwandt war.

Sie sei eine „herzensgute Frau“ gewesen, die viel in der Landwirtschaft gearbeitet, nie den Humor verloren und für ihre Familie immer sehr gesorgt hatte. Zunächst sei sie zurückhaltend gewesen, was das Schreiben betraf, doch dann vertraute sie ihre Kindheit im Dorf dem Papier an, schrieb über Spitznamen von Bewohnern, über ihren Lehrer Behr, über Schlachtfest und Federn schleißen.

Am 18. April um 18 Uhr lädt das Bornaer Museum zu „Lebenserinnerungen aus Heuersdorf“ ein. Steffen Dorer wird aus den Aufzeichnungen von Gertrud Eberhardt lesen. Thomas Bergner wird mit Protokollbüchern des Turnvereins Heuersdorf und des Fußballvereins WackerGroßhermsdorf/Post Borna die Sportgeschichte des Dorfes wieder ins Gedächtnis rufen. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Sonderausstellung „Bewahrt – 10 Jahre Emmauskirche in Borna. Heimat in Bewegung“ statt. Der Eintritt kostet drei Euro.

Von Claudia Carell

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Ökologische Station Borna-Birkenhain feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Auch im Jubiläums-Jahr lädt sie wieder zu zahlreichen Veranstaltungen ein. Zudem sollen die umweltpädagogischen Angebote für Oberschulen und Gymnasien ausgebaut werden.

12.04.2018
Borna Erinnerungen an verlassene Orte - Lebensgeschichtliche Interviews mit Breunsdorfern

Selbst geschriebene Erinnerungen von Bewohnern überbaggerter Dörfer sind selten, eher wird auf Nachfrage erzählt – sagen Historiker und Heimatforscher, die sich seit Jahrzehnten mit diesem Thema beschäftigen.

15.04.2018
Borna Grüner Ring Leipzig - Runder Tisch zum Wassertourismus

Um den Wassertourismus im Leipziger Neuseenland geht es bei einem Projekt des Grünen Ringes Leipzig. Im Mai soll es dazu erstmals einen Runden Tisch geben, der das Konzept fortschreibt und an dem sich Bürger beteiligen können.