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Sexuelle Nötigung? Prozess in Borna endet mit einem Freispruch

Amtsgericht Sexuelle Nötigung? Prozess in Borna endet mit einem Freispruch

Die Anklage der Staatsanwältin am Amtsgericht Borna scheint Stammtisch-Klischees zu bestätigen: Ein Mann aus Tunesien rückt einer jungen Deutschen in Borna auf die Pelle, begrapscht sie, will sie zum Sex nötigen. Sie wehrt sich, er schlägt sie. Wie kompliziert die Suche nach der Wahrheit sein kann, wird in den nächsten knapp drei Stunden deutlich.

Am Amtsgericht in Borna war nicht zweifelsfrei zu klären, was am 5. Oktober 2014 tatsächlich geschah.

Quelle: Jens Paul Taubert

Borna. Die Anklage der Staatsanwältin am Amtsgericht Borna scheint Stammtisch-Klischees zu bestätigen: Ein Mann aus Tunesien rückt einer jungen Deutschen in Borna auf die Pelle, begrapscht sie, will sie zum Sex nötigen. Sie wehrt sich, er schlägt sie. Wie kompliziert jedoch im Einzelfall die Suche nach der Wahrheit sein kann, wird in den nächsten knapp drei Stunden deutlich. Dann beantragen Staatsanwaltschaft und Verteidigung Freispruch, das Gericht folgt dem mit seinem Urteil. „Wir wissen nicht, was am 5. Oktober 2014 an der Bushaltestelle bei Aldi in der Leipziger Straße passiert ist“, fasst der Richter zusammen.

So lange ist der verhandelte Vorfall her. Aus den damaligen Aussagen der jungen Frau und ihres Freundes ergab sich dieses Bild: Zwei dunkelhäutige Männer, darunter der Angeklagte Mourrad K., damals 29 Jahre alt, stehen am späten Abend an der Bushaltestelle. Als die 24-jährige Sandra L. vorüberkommt, bieten die Männer ihr eine Zigarette an. K. fasst sie an Hüften und Brüsten, äußert in gebrochenem Deutsch seinen Willen, stößt sie auf eine Wiese und kniet sich auf sie. Als sie sich wehrt, schlägt er ihr ins Gesicht. Sie trägt Spuren davon.

Als Sandro P. seiner damaligen Freundin zu Hilfe kommen will, stößt der zweite Mann ihn vom Rad, nimmt das Handy, das aus der Tasche fällt, und läuft davon. Um wenig später von der Polizei gefasst zu werden.

So weit die Aussagen von damals. Heute wollen L. und P. sich an nichts mehr erinnern, nuscheln Sätze wie: „Wenn ich das gesagt habe, wird es so gewesen sein.“ Den Angeklagten erkennt Sandra L. nicht, sie kann sich nur an den anderen Mann erinnern. Schilderungen und Antworten auf die Fragen von Staatsanwältin, Richter und Verteidiger lassen nun ein ganz anderes Geschehen zu: Das damalige Paar hatte Streit, wieder einmal. Beide waren alkoholisiert. Sie lief voran, auf die zwei Männer in der Haltestelle zu. Ob ihr die Zigarette angeboten wurde, oder sie danach gefragt hat, weiß sie nicht mehr. Mourrad K. wollte weiter, rief seinen Landsmann, ihm zu folgen. Dem lief Sandra L. nach.

Möglicherweise wollte er sie abschütteln. Als er sie berührte, kam der Freund, es kam zum Handgemenge, Sturz vom Rad, der zweite Ausländer nahm das auf den Boden gefallene Handy und rief damit womöglich selbst die Polizei.

Vom Angeklagten keine Rede mehr. Und Sandro P., der kurz nach dem Vorfall genau gesehen haben wollte, wie der Tunesier seine Freundin anfasste, umstieß und schlug, relativiert seine Protokoll-Aussage heute mit dem Satz: „Die hat mich doch belogen und betrogen.“ Es scheint in dem Moment nicht unmöglich, dass die Wunden in ihrem Gesicht schon vorher da waren. Irgendwo zwischen diesen Versionen muss die Wahrheit liegen. Weil sie nicht zu ermitteln ist und, wie der Richter sagt, Zweifel an der Schuld des Angeklagten bestehen, darf dieser als freier Mann aus dem Saal gehen.

Von André Neumann

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