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Soldaten, Bier und Plumpsklo

Soldaten, Bier und Plumpsklo

Drei Kinos, etwa 40 Gastwirtschaften und sogar ein Bornaer Bier - das war Borna vor einem Jahrhundert. Eine aufstrebende Stadt mit etwa 10 000 Einwohnern, in die die Leute zogen, weil es hier Arbeit gab.

Borna. Die Verschmutzung nahm damals allerdings schon zu, wenngleich sie noch nicht mit den Zuständen zu DDR-Zeiten vergleichbar war, sagt der Vorsitzende des Bornaer Geschichtsvereins, Gert Schreiber.

Borna im August 1914: Die Kriegsfreiwilligen werden mit einem Feldgottesdienst auf dem Markt an die Front verabschiedet. Sie verlassen eine Stadt, die seit mehr als 30 Jahren einen nennenswerten Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen hat. Die Braunkohle, die rund um Borna abgebaut wird, macht es möglich. Es gibt den Tagebau Witznitz und das dazugehörige Werk, aber auf Kraft II (jetzt überbaggert) und die Brikettfabrik Thräna. Nicht zu vergessen die Brikettfabrik Neukirchen, die im Jahr 1870 erbaut wurde und die die älteste in ganz Sachsen ist. Die Arbeitskräfte kommen vor allem aus Oberbayern und aus Oberschlesien. Sie bringen ihren Glauben mit, und das ist der Keim für die katholische Gemeinde, die sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Borna bildet. Nach Kriegsende kaufen die Katholiken das Gebäude in der heutigen Stauffenbergstraße, in dem sie seither ihre Kirche nebst Verwaltung haben.

Denn vor allem, macht Historiker Schreiber klar, ist Borna vor 100 Jahren eine Beamtenstadt und ein Stadt des Militärs. Die Stadt, Sitz der Amtshauptmannschaft Borna, beherbergt in den Kasernen 800 Soldaten sowie einige Bedienstete. Es handelt sich um Karabinier, Leute, die reiten können. Sie stammen in der Regel aus der näheren Umgebung und höchstens aus Leipzig. Ausnahmen gibt es allerdings, sagt der Vorsitzende des Geschichtsvereins. Unter den Bornaer Soldaten sind hin und wieder Preußen oder Hannoveraner. So wohnen in den weißem und roten Kasernen, die 1896 und 1901/2 errichtet wurden.

Es ist die Zeit, in der Theodor Löscher Bürgermeister ist. Auf ihn gehen bekanntlich die nach ihm benannten Grünanlagen zurück. In der Kaiserzeit herrscht durchaus Demokratie; die Stadtverordneten werden gewählt und bestimmen ihrerseits den Rat der Stadt. Es gibt wie überall eine SPD, "aber an sich ist Borna eher eine bürgerliche Stadt zu dieser Zeit", sagt Schreiber.

In der es keineswegs nur um Kohle geht. In der Altstadt, östlich der heutigen Leipziger Straße, wird Gemüse angebaut - Kohl, Möhren und Gurken. Und natürlich die Zwiebeln, die der Stadt ihren Zweitnamen geben und die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ihrer Haltbarkeit wegen sogar bis nach London verkauft werden.

Borna ist ans Verkehrsnetz angeschlossen, womit der heute noch existente Bahnhof gemeint ist, der 1904 fertiggestellt wurde und von dem aus es nach Leipzig geht. Bereits zuvor hatte es allerdings den so genannten Alten Bahnhof gegeben, wo seit 1867 Züge hielten. In den Jahren 1913 und 1914 geschieht für die Stadt bedeutendes: Sie wird ans Strom-Überlandnetz angeschlossen. Zuvor standen in Bornaer Wohnzimmern Gaslaternen. Die Moderne hat aber noch nicht auf allen Gebieten Einzug gehalten: Wassertoiletten sind die große Ausnahme. Geschichtsvereinschef Schreiber: "Zu 95 Prozent gab es Plumpsklos."

Dafür gab es etwa 40 Gaststätten in der Stadt. Davon können die Bornaer heutzutage nur träumen. Außerdem hatte die Stadt drei Lichtspieltheater - das Capitol am heutigen Dinterplatz, das Centraltheater am Blauen Hecht und ein weiteres Kino in der Bahnhofstraße gegenüber dem heutigen Hotel "Drei Rosen", wo sich heute ein Grünfläche befindet. "Dort", so Schreiber, "war in den 20er Jahren sogar einmal Charlie Chaplin zu Gast." Im CT und im Capitol wurden nicht nur Stummfilme gezeigt. Dort gastierten auch regelmäßig Theatergruppen.

Und es gab eine Menge Schuhmacher. Schreiber geht von zehn zwölf Handwerkern aus, die das Schuhwerk der Militärs instandhielten beziehungsweise überhaupt erst anfertigten. Stiefel entstanden damals schließlich ebenso noch in Handarbeit wie Uniformen, die in Borna gleichfalls geschneidert wurden. Nach Kriegsende allerdings verschwanden die Schuhmacher mit den Militärs.

Die dürften das Bier aus der Brauerei Rother, die ihre Produktionsstätte in der heutigen Lausicker Straße hatte, geschätzt haben. Jawohl, Borna hatte damals noch ein eigenes Bier. Die Brauerei bestand noch bis in die 50er Jahre.

Und die Stadt hatte eine gewisse Berühmtheit erlangt. Zum einen durch die Born`sche Krankheit, die es zwar schon vor 1886 gab, die aber in diesem Jahr im Umfeld des Karabinierregiments mit seine vielen Pferden besonders stark auftrat und entsprechend dokumentiert wurde. Es handelt sich um eine Nervenkrankheit bei Pferden, die mit BSE vergleichbar ist und die hernach erforscht wurde. Im Jahr 1898 war in der Ziegelei Rose neben der Witznitzer Kippe das Skelett eines Mammuts entdeckt worden, das seither als Bornaer Mammut ein Begriff ist, auch wenn es während des Bombenangriffs am 4. Dezember 1943 in Leipzig vernichtet wurde.

Auch damals gab es schon Schmutz durch die Industrie, sagt Historiker Schreiber. "Borna war ein dreckige Stadt." So schlimm, wie Jahrzehnte später, als zu DDR-Zeiten alles auf Verschleiß gefahren wurde und keine Rücksicht auf die Umwelt genommen wurde, war es allerdings nicht. Schreiber: "Die Werke waren damals auch noch kleiner."

Die Motorisierung war vorangeschritten. In Borna dürfte es damals 100, 200 Automobile gegeben haben. Im Jahr 1914, jenem Zeitpunkt, bis zu dem es mit der Stadt aufwärts ging.

© Standpunkt Seite 33

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..
Nikos Natsidis

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