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Soll die Kirche im Dorf bleiben? Expertin befragt Bewohner und erstellt Studie

Religion Soll die Kirche im Dorf bleiben? Expertin befragt Bewohner und erstellt Studie

Wie viel Kirche brauchen die Menschen im Landkreis? Die Arbeitsgruppe Kirche auf dem Land hat eine Studie in Auftrag gegeben zur Wahrnehmung der Kirche in den Dörfern. Eine vorläufige Antwort ist: Frömmigkeit ist verbreitet, aber die Kirche ist nicht zwangsläufig dazu notwendig.

Matthias Weismann.

Quelle: Günther Hunger

Kohren-Sahlis. Die Kirche im Dorf lassen: Der Volksmund meint dies sprichwörtlich. Selbstverständlich ist es nicht, nicht mehr. Was sagen die Menschen auf dem Land tatsächlich über Kirche, Christen, Kirchenferne, Atheisten? Wie unverzichtbar ist Kirche für sie, die Institution, das Bauwerk, die verbindende Kraft des Glaubens, die Gemeinschaft der Werte, das Kulturgeschichtliche?

In Zeiten struktureller Umbrüche, in denen sich die sächsische Landeskirche längst befindet und die weiter Fahrt aufnehmen werden, suchen die Verantwortungsträger präzise, belastbare, weisende Antworten.

Arbeitsgruppe regt Studie an

Eine Arbeitsgruppe „Kirche auf dem Land“, zu der Pfarrer und Superintendenten – so Matthias Weismann vom Kirchenbezirk Leipziger Land und Arnold Liebers aus Leisnig/Oschatz – gehören, regte eine Befragung an, eine ins Detail gehende Draufsicht einer Außenstehenden.

Juliane Stückrad, Ethnologin und promovierte Völkerkundlerin, hat deshalb im Zeitraum eines Jahres immer wieder mit Menschen dreier nordsächsischer Dörfer gesprochen. Die Studie, die aus diesem Material entsteht, wird sie im November in Kohren-Sahlis vorstellen. Eine Studie, die exemplarisch sein soll – nicht nur für die Situation und die Wahrnehmung von Kirche in Dörfern Sachsens.

„Frömmigkeit gibt es durchaus, aber dazu brauchen die Menschen nicht unbedingt eine Kirche. Viele haben ein Grund-Gottvertrauen“, sagt die Ethnologin, die ein kleines Büro für angewandte Kulturforschung betreibt. Seit dem Frühjahr 2016 pflegte sie intensiven Kontakt zu drei Orten, die bewusst ungenannt bleiben: einem Dorf mit Pfarrsitz, einem, dessen Pfarrstelle seit einem Jahrzehnt vakant ist, einem, in dem es seit einem Jahrhundert keinen Pfarrer mehr gibt. „Die Mentalität ist so, dass man leicht ins Gespräch kommt. Die Leute sind offen, viele bereit, ein Stück ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Das berührt mich sehr, und es hat die Forschung sehr erleichtert.“ In größerer Runde, auf Dorffesten, aber auch in der heimischen Stube, protokollierte die 41-Jährige an die 100 Gespräche, beobachtete, fertigte zwei Dutzend ausführlichere Mikrostudien: wie wichtig ist das Kirchengebäude für das Heimatempfinden, die Anwesenheit eines Pfarrers im Dorf, wie wichtig sind Traditionen, die mit Kirche verknüpft sind, welche Brüche und Verletzungen resultieren aus den mindestens distanzierten DDR-Jahrzehnten.

„Es gibt nicht wenige Leute, die können mit Kirche gar nichts mehr anfangen“, sagt Stückrad. Und: „Die Beurteilung der Institution Kirche wird ähnlich kritisch beurteilt wie das staatspolitische Geschehen.“ Nach wie vor – oder gar wieder wachsend – sei das Bestreben, die Gemeinschaft auf dem Land neu zu formieren, enger werden zu lassen. Dabei habe Kirche eine nicht zu unterschätzende Bindekraft, der sie sich stärker bewusst sein sollte, die Potenzial habe.

Juliane Stückrad, die ihre Doktorarbeit über die „Ethnografie des Unmuts“ im ebenfalls ländlichen Elbe-Elster-Kreis schrieb, wertet bis zum Herbst das umfangreiche Material aus.

Theologische Stellungnahmen

Untersetzt wird ihre Studie durch eine theologische Stellungnahme, die Kathrin Mette, Pfarrerin in Schmannewitz am Südrand der Dahlener Heide, und Dirk Mütze, Leiter der Evangelischen Heimvolkshochschule wie auch besagte Arbeitsgruppe, formulieren. „Uns war bewusst geworden, wir reden viel über das, was Menschen von Kirche denken und erwarten, aber wir haben sie nie wirklich gefragt“, sagt Mütze. Dieses Manko werde durch die Studie, die die Landeskirche finanziert, vermutlich behoben. Vorgestellt wird sie auf einem Symposium in Kohren-Sahlis am 2. November.

Von Ekkehard Schulreich

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