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Starke Frauen in der Backstube

Starke Frauen in der Backstube

"Ohne das Engagement der Frauen unserer Familie wäre die Bäckerei niemals Hundert Jahre alt geworden", sagt Bäckermeister Lothar Pöhner aus Löbnitz-Bennewitz - und erzählt zum großen Jubiläum eine bewegende Familiengeschichte.

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Ein Blumenmeer, und viele Präsentkörbe und herzliche Glückwünsche erhielten Evelin und Lothar Pöhner mit ihrer Tochter Cathleen zum 100. Jubiläum der Bäckerei.

Quelle: Privat

Löbnitz-Bennewitz. Seine Großeltern kauften 1912 das Grundstück im Dorf Bennewitz bei Groitzsch. Ursprünglich stammen Pöhners aus Eythra. Neun Söhne und eine Tochter gehörten zur Familie. Die Männer gingen fast alle ins Baugewerbe, sie wurden Maurer, Zimmermann, Glaser - und halfen gern ihrem Bruder Hermann, der mit seiner Hedwig in Bennewitz ein Wohnhaus mit Bäckerei baute. 1913 zogen die beiden ein und begannen Brot, Brötchen und Kuchen zu backen.

Doch schon ein Jahr später musste der junge Hermann in den Ersten Weltkrieg ziehen - und fiel 1916 in Frankreich. Seine 21-jährige Frau stand mit den beiden kleinen Söhnen Herbert und Manfred, zwei und drei Jahre alt, sowie einer Bäckerei allein da. Doch die junge Frau packte an. Gemeinsam mit ihrer 19-jährigen Schwester hielt sie den Betrieb aufrecht. Die beiden backten meistens Brot, mehr Zutaten gab es nach dem Krieg nicht.

Der jüngere Bruder des gefallenen Hermann, Albert mit Namen, hatte auch Bäcker gelernt. Ob es Liebe oder eher Vernunft war, wissen die Nachfahren nicht genau, wie auch immer: Hedwig und Albert heirateten. Es wurde eine glückliche Ehe, aus der zwei Töchter hervorgingen. Und die beiden Jungen hatten wieder einen Vater.

Herbert und Manfred lernten ebenfalls Bäcker. Sie waren noch Gesellen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und sie sofort eingezogen wurden. Herbert gilt bis heute als vermisst bei Stalingrad. Obwohl die Familie alle Hebel in Bewegung setzte, fand sie nichts über sein Schicksal heraus. Manfred geriet in russische Gefangenschaft und kam erst 1949 zurück, er wog noch 49 Kilo bei seinen 1,80 Meter.

In den schwierigen Nachkriegsjahren hatten seine Eltern schon Manfreds Freundin Gertraud aus Chemnitz nach Bennewitz geholt. Die beiden heirateten. Bald darauf wurde der heutige Bäckermeister Lothar geboren.

Krieg und Gefangenschaft hatten Manfred Pöhner so stark zugesetzt, dass er bereits 1965 starb. Sein Sohn, damals 15 Jahre alt, erinnert sich, wie er an einem Sonnabend aus der Schule geholt wurde - der Vater war vorm Backofen zusammengebrochen.

Und wieder stand eine Frau der Pöhners mit zwei Kindern, Lothar und seiner Schwester, sowie einer Bäckerei allein da. Damals war schon Kurt Gräber Bürgermeister und er sagte zur Bäckersfrau: "Wir machen aus eurer Bäckerei erst mal eine Konsumverkaufsstelle, wo es Brot und Brötchen gibt." Gesagt, getan. Gertraud bekam 350 Mark als Verkäuferin und 15 Mark Ladenmiete. Das war nicht üppig. Als sie bald darauf jemand aus dem Dorf fragte, ob sie für ein Fest eine schöne Obsttorte machen könnte, sagte sie gern ja. Es dauerte nicht lange, da hatten Gertraud und ihr Sohn Lothar Stress: Sobald der Junge aus der Schule kam, stand er mit seiner Mutter in der Küche und kreierte Erdbeer-Torten und Frankfurter Kränze.

Eigentlich wollte Lothar Pöhner Abitur machen und Lebensmittelchemie studieren, aber es gab ja eine Bäckerei im Elternhaus. Also lernte er nach der zehnten Klasse beim Bäckermeister Gerhard Müller in Groitzsch. Doch dieser erkrankte nach einem halben Jahr und fiel für lange Zeit aus. Weil Lothar in der Backstube groß geworden war und seinem Vater immer viel geholfen hatte, zudem nun auch Torten recht gut konnte, half er der Bäckerei Müller gut über diese schwierige Zeit. Als sein Meister wieder gesund war, hatte er für ihn ein besonders Dankeschön: Er machte sich dafür stark, dass Lothar ein halbes Jahr eher auslernen konnte.

Doch um die Familienbäckerei übernehmen zu können, brauchte er so schnell wie möglich seinen Meisterbrief. Nach anderthalb Jahren Armee und der Meisterschule erhielt er das ersehnte Schriftstück am 4. August 1971 - und war mit 21 Jahren der jüngste Bäckermeister der DDR.

Es war die Zeit der Verstaatlichung. Lothar Pöhner rannte von Pontius zu Pilatus, erhielt aber keinen Gewerbeschein. Bürgermeister Kurt Gräber schrieb bis an den DDR-Ministerrat, keine Chance. Doch der Bürgermeister wollte einen Bäcker im Ort - und wandte sich an LPG-Chef Walther Mahlig. Der half aus der Patsche und sagte: "Ich regle das." So wurde Pöhners Geschäft zur LPG-Bäckerei. Wenn es mal wieder keine Mandeln gab und Pöhner rief: "So kann ich keine Stollen backen!", regelte auch dies Walther Mahlig. Der Bäckermeister hatte auf 25 Kilogramm Mandeln gehofft - vier Tage später standen sechs Säcke á 47 Kilo vor seinem Geschäft! So ging das bis zur Wende.

Im vereinten Deutschland hatte seine Bäckerei zunächst eine "sehr gute Zeit". Es gab in den 1990er Jahren jede Menge zu tun: Zwischenzeitlich arbeiteten zwölf Angestellte im Zweischicht-System im Betrieb, zwei Filialen wurden eröffnet, ein Verkaufswagen war in den Dörfern unterwegs. Gern erzählt der 63-Jährige eine Brötchen-Anekdote. Kurz nach der Wende sagten seine Kumpels in der Dorfkneipe zu ihm: "Gucke mal, wie die drüben die Brötchen machen, da musst du dir was einfallen lassen!" Kein Problem, meinte der Bennewitzer. Er bestellte sich die Pülverchen und hatte von nun an aufgeplusterte Brötchen. Das ging nicht lange gut, denn bald sagten alle: "Backe bloß wieder die Brötchen wie früher!" Das tut er bis heute. Neben seinem Sauerteigbrot ohne irgend welche Zusätze, leckeren Torten, Eclairs und Kaffeeschüsseln - auch wenn für kleine Bäckereien das Klima heute rauer geworden ist.

Nach wie vor fängt Lothar Pöhner um Mitternacht in seiner Backstube an. Er steht aber nicht allein auf. "Meine Frau Evelin hilft mir bis drei Uhr morgens, dann schläft sie noch ein wenig, geht zur Arbeit, sie ist Sportlehrerin in der Schule, und wenn sie wieder zu Hause ist, bereitet sie mit mir alles für den nächsten Tag vor und kümmert sich noch um die Büroarbeit. Hut ab!" sagt der Bäcker und ist stolz auf die starken Pöhner-Frauen Hedwig, Gertraud und Evelin.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.09.2013

Carell-Domröse, Claudia

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