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Borna Statt Freundschaft wieder Guten Tag
Region Borna Statt Freundschaft wieder Guten Tag
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14:06 19.05.2015

Albrecht Bemmann, 25 Jahre seinerzeit Wahl-Bornaer, Berufsschullehrer, der Zimmerleute, Mauer, Maler ausbildet (Dachdecker als Vorstufe zu Generalsekretären und Staatsratsvorsitzenden allerdings keineswegs!). Bemmann, einer von versammelten 500, sich plötzlicher Sprachmacht bewusst. Der drei Minuten sich nimmt, um seine Bedrückung auf den Punkt zu bringen, das Befreiende, das Visionäre.

Albrecht Bemmann, Wahl-Bad Lausickerer mittlerweile, sitzt heute am Küchentisch in seinem Eigenheim nahe dem Kurpark. Der Rentner, der hier lebt mit seiner Frau Helga, hat einen grünen Band vor sich: "Aufrecht, wie es Menschen Art ist", eine Chronik der Bürgerbewegung Neues Forum in Borna. Mehr als 200 Seiten Dokumente, die die Umbrüche 1989 und ihre Vorbeben illustrieren, und eine CD mit Ton- und Filmsequenzen. "Meine Tochter hat gesagt: Vater, ich spiel' dir mal was vor", sagt Albrecht Bemmann. Was er zu hören bekommt, ist er selbst im November 1989. "Erstaunt war ich, was ich gesagt habe. Heute spüre ich so etwas wie Genugtuung, dass ich dabei war." Er sehe sich bestätigt, denn was er und die vielen neben ihm wollten, "ist im wesentlichen eingetreten".

"Nie wieder kuschen, nie wieder ducken, nie wieder Angst haben. Wir üben uns jetzt im freien Sprechen, auch ich hier, und im aufrechten Gang." O-Ton Albrecht Bemmann damals auf dem Bornaer Markt. Vor ihm hat Hartmut Rüffert, ein Kopf des Neuen Forums, gesprochen, grundsätzliches, und auch andere greifen sich das Mikrofon. Chor der Stimmen, der Stimmungen, der Themen. Die LVZ berichtet am 28. November in nie erlebter Ausführlichkeit.

Rückkehren zu einer lange vermissten Normalität, zu "den menschlich normalen Normen", es ist ein bodenständiger Wunsch, den Bemmann formuliert, und einer doch, der Lenin-gleich an den Schlaf der Welt rührt, "als wäre ein Wunder geschehen". Das Fach Staatsbürgerkunde abgesetzt in seiner Berufsschule, der Weg frei, statt dessen "Sozialkunde, Umweltkunde, Friedenskunde" auf den Schild zu heben. Die vormilitärische Ausbildung gestrichen. Und selbst das ein Einschnitt: Mit Guten Morgen und Guten Tag einander grüßen anstelle des jugendorganisatorisch apostrophierten Freundschaft. Ehrlicher Umgang plötzlich miteinander auf allen Ebenen. Arbeit statt Anarchie. Und die Früchte der Arbeit selbst genießen, dafür "das Pflänzchen der Erneuerung gießen". Hierbleiben. Zusammenstehen. Es anpacken, das ist Bemmanns Maxime - und die vieler der 500 Menschen vor ihm auf dem Platz, die zuhören, die zwischenrufen, klatschen, vor allem, als er sagt: "Wir wollen nicht aus Borna weg. Aber wir wollen in Borna weniger Dreck."

Ein Widerstandskämpfer sei er mitnichten gewesen, sagt Albrecht Bemmann, der 74-Jährige. Ein Angepasster auch wie so viele. Nebenberuflich als Conferencier, als Büttenredner etwa bei den Faschingsveranstaltungen im Gewerkschaftshaus habe er rhetorisch Grenzen ausgelotet, sie zu überschreiten aber vermieden. Zu tief sitzt die Erfahrung von elf Monaten Knast 1961, weil er die Republikflucht eines Mitschülers nicht verhindert. Er beherrscht sich forthin. Ein dunkles Bonmot, das ihm auf der Bühne immer Lacher beschert: "Borna, die Stadt, wo man beim zweiten Husten ein Brikett in der Hand hält." Anpassen sei nicht anbiedern, sagt er, und: "Anpassen musst du dich auch in einer Demokratie, sonst wirst du zum Außenseiter." Vier Jahre im ersten frei gewählten Kreistag als Abgeordneter der SPD, dann der Rückzug aus der Politik, aber nicht einfach aufs Altenteil. "Was 1989 geschah, für mich ist es ein Geschenk", resümiert er, froh, Anteil zu haben daran: "Helden aber, das sind wir nicht."

© Kommentar

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.11.2014
Ekkehard Schulreich

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