Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Sterbebegleitung: Beistand bis zum letzten Atemzug
Region Borna Sterbebegleitung: Beistand bis zum letzten Atemzug
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:13 26.02.2018
Alexandra Hornisch (42), ausgebildete Hospizhelferin, berichtet über ihre Erfahrungen in der Sterbebegleitung. Quelle: Andreas Döring
Deutzen

Es war ein Geburtstagsgeschenk ihres Chefs: Ein Kurs als ehrenamtliche Hospizhelferin bei der Caritas. Na, schönen Dank auch. „Da dachte ich erstmal – Willst du das? Willst du den Tod so nah an dich heranlassen.“ Der Chef meinte, die Begleitung sterbender Menschen am Ende ihrer Lebensphase passe zu Alexandra Hornisch. An Menschenkenntnis scheint es dem Mann nicht zu fehlen – es passte.

Bei der Geburt ist niemand allein – beim Sterben sollte es niemand sein

Ein eigenes Schicksal, das auf den schmalen Grat zwischen Leben und Tod fiel, lehrte der 42-Jährigen die Fähigkeiten, die es braucht, um den Tod als ein Teil des Lebens zu verstehen. „Beim Sterben passiert etwas Ähnliches wie bei der Geburt – nur in die andere Richtung. Bei der Geburt ist niemand allein. Beim Sterben sollte das auch keiner sein – allein.“ Damals, vor 15 Jahren, war Alexandra Hornisch allein. Der Verzweiflung näher als der Lebensfreude suchte sie nach Gesprächspartnern. Und fand im Austausch den Trost und die Zuversicht. „Das Gefühl, doch nicht allein zu sein, im Austausch mit anderen stehen zu können, hat mir damals sehr geholfen.“ Da hat sie angefangen zu lernen, „das Wichtige von dem Unwichtigen zu trennen.“

Nach jeder Begleitung erhalten die Hospizhelfer des Caritasverbandes eine Rose. Getrocknet werden sie in Gefäßen gesammelt. Nach 15 Jahren sind es mittlerweile rund 1100 Rosenköpfe geworden. Quelle: Andreas Döring

Dass damit der Grundstein für ihre ehrenamtliche Aufgabe als Hospizhelferin gesetzt war, ahnte sie damals nicht. „Aber das ist mein Hintergrund. Darauf baute sich meine innere Überzeugung auf, dass Menschen in den schwierigsten Phasen ihres Lebens nicht einsam sein sollten.“ Der Tod gehört zu diesen Phasen. „Niemand möchte allein sterben. Niemand.“ Seit der Grundausbildung zum Hospizhelfer folgt sie ihrem Antrieb, Dankbarkeit zu geben und – Dankbarkeit zu empfangen. „Nicht nur die Sterbenden sind dankbar, wenn jemand bei ihnen ist und ihnen die Angst nimmt. Auch die Angehörigen sind es, wenn ihnen die Unsicherheit im Umgang mit dieser besonderen Situation genommen wird“, ist die Böhlenerin überzeugt. Und das Schönste für sie selbst ist, „wenn ich diese Dankbarkeit zurück bekomme“. Es sei ein „wunderbares Gefühl“, wenn in der Todesanzeige eines Menschen, der von den Helfern der Caritas begleitet wurde, geschrieben steht: Danke an den Ambulanten Hospizdienst für die Unterstützung. „Dann bin ich glücklich.“

Entscheidung für einen Perspektivwechsel

Die gelernte Immobilienmaklerin dachte sich vor ein paar Jahren, dass sich in ihrem Leben etwas verändern müsste. „Ich wollte etwas tun, womit ich Menschen etwas geben kann.“ Ihre ausgeprägte Empathie besonders für ältere Menschen führte sie in ein Pflegeheim. „Drei Tage nach meinem ersten Gespräch habe ich dort angefangen.“ Als Sozialbetreuerin hat sie jeden Tag mit Pflegebedürftigen, Senioren und deren Angehörigen zu tun. „Der Umgang mit Älteren und die Intensität der Gespräche mit Menschen, die ein ganzes Leben hinter sich haben, füllt mich aus.“

Um als Sterbebegleiter aktiv werden zu können, braucht es mehr. „Wer das machen will, muss empathisch sein. Er muss sich die Frage stellen, ob er sich bewusst mit dem Tod auseinandersetzen möchte und so stabil auf beiden Füßen steht, dass er einen gesunden Umgang mit sehr emotionalen Momenten finden kann“, sagt die Frau mit einer offensichtlich weichen Persönlichkeit, die dennoch gefestigt wirkt. Ein Kontrast, der sich auch in ihrem Gesicht wiederfindet: Die warmen Augen blicken vertrauenswürdig durch eine kantige Brille mit schwarzen Rändern. Man kann sich gut vorstellen, wie Alexandra Hornisch am Sterbebett eines alten Menschen sitzt und dessen Hand hält. Vielleicht etwas vorliest oder einfach nur die Tränen mit jemandem teilt, der gerade ein letztes Mal einschläft.

Leben bis zuletzt ermöglichen

Die Erfahrungen und die Aufgaben eines Hospizhelfers sind mitnichten eng an das Lebensende geknüpft. „Manche Begleitungen dauern sehr lange und beginnen im besten Fall zu einer Zeit, in der das Sterben noch gar keine Rolle spielt. Wenn es uns erlaubt ist, Menschen über eine längere Zeit kennenlernen zu dürfen, ist natürlich auch der Abschied emotionaler. Aber es ist auch ein Geschenk für beide Seiten, wenn man weiß, was dem anderen wichtig ist.“ Die 42-Jährige erinnert sich an eine Frau, die unheilbar an einem Hirntumor erkrankt ist und der der Mut fehlte, mit ihrer Familie über das Begräbnis zu sprechen. Das Ende zu planen... „Ihr sehnlichster Wunsch war es, noch einmal das Meer zu sehen.“ Unmöglich. Sie fanden einen anderen Weg. Mit dem Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes wurde es möglich, eine Ausfahrt auf dem Markkleeberger See zu organisieren. „Für die Frau wurde ein Traum wahr. Danach begann sie, ihre Beerdigung vorzubereiten.“

Drei Begleitungen macht Alexandra Hornisch derzeit – parallel zu ihrer Arbeit im Heim. „Aber da kann, darf und sollte jeder sein eigenes Maß finden. Manche machen eine Begleitung im Jahr und brauchen danach wieder etwas Abstand. Da gibt es keine Vorgaben oder Erwartungen. Jeder Begleiter ist selbst verantwortlich, das Maß zu finden, das einem selbst gut tut.“

Dankbarkeit ist der schönste Lohn für eine Sterbebegleitung. Quelle: Andreas Döring

Alexandra Hornisch freut sich „auf jede neue Begleitung“. Weil sie wieder neue Menschen mit wieder neuen Geschichten, Ängsten und Charakteren kennenlernt. Weil sie wieder herausfinden wird, was dem Sterbenden besonders wichtig war in seinem Leben. Weil sie wieder fragen kann „Wie geht’s?“ und aufrichtig auf eine ehrliche Antwort warten wird. „Wie oft stellen wir uns im Alltag diese Frage beiläufig und erwarten gar nicht mehr, dass der andere reagiert?“. Weil sie den Angehörigen wieder ein Stück von der Unsicherheit nehmen kann, wenn der Tod eingetreten ist, und viele nicht wissen, ob sie den Angehörigen noch einmal berühren dürfen. Und weil sie wieder sagen kann, was sie immer sagt, wenn sie bei den Sterbenden klingelt: „Ich bin einfach da.“ Nur darum geht es ihr. Zeit zu schenken, „ist das Wertvollste, was man geben kann. Für mich ist es immer wieder eine Ehre, dass ich für unbekannte Menschen in einer Ausnahmesituation da sein darf, und mir der Sterbende sowie die Angehörigen ihr Vertrauen schenken. Ich erwarte dabei nichts – es soll sich für sie alles gut und richtig anfühlen.“

Tod ist immer noch ein Tabi-Thema

Sie selbst habe keine Angst vor dem Tod. „Aber ich weiß, dass der Tod immer mit Angst verbunden ist. Beim Sterbenden selbst, der gerade sein Leben verliert und alles zurücklassen muss. Bei den Angehörigen sind es die Verlust- und Berührungsängste. Der Tod ist in unserer Zeit ausschließlich mit negativen Gefühlen verbunden. Deswegen ist es immer noch ein Tabu, das wir bewusst ausklammern. Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass man in Einsamkeit stirbt. Niemand da ist, der diese Ängste nimmt. “

Ausbildung

Der Caritasverband Leipzig mit dem Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst im Landkreis Leipzig sowie der Ambulante Hospizdienst der Diakonie Leipziger Land bilden freiwillige Hospizhelfer aus, die in einem mehrtägigen und mehrteiligen Kurs vermittelt bekommen, worauf es bei der Begleitung von Sterbenden ankommt.

Der Caritasverband Leipzig startet dazu am 2. März einen Weiterbildungskurs, für den sich Kurzentschlossene noch anmelden können. Die Caritas orientiert sich dabei am Celler Modell (siehe Kasten). Das Angebot richtet sich an alle, die beruflich oder privat mit sterbenden und schwerkranken Menschen zu tun haben oder sich auf diesem Gebiet engagieren und weiterbilden wollen: ehrenamtlich Tätige, Ärzte/Studierende, Mitarbeitende in der Pflege/Auszubildende, Sozialarbeiter/Sozialpädagogen, interessierte Bürger. Die Weiterbildung ist zertifiziert.

Ziel des Kurses beim Caritasverband ist die vertiefte Auseinandersetzung mit eigenen Verlusten und der eigenen Sterblichkeit als Grundvoraussetzung, sich Menschen in ihrer Sterbephase vorurteilsfrei zuwenden zu können. Diese Zeit soll als noch gestaltungsfreie Phase des Lebens begriffen und das „Leben bis zuletzt“ ermöglicht werden.

Um am Kurs teilnehmen zu können, ist ein vorheriges Gespräch mit einer der Koordinatoren notwendig.

Die Teilnahmegebühr beträgt 30 Euro für zukünftige Ehrenamtliche. Beziehungsweise 125 Euro für Teilnehmer, die den Kurs privat beziehungsweise dienstlich nutzen wollen.

Die Weiterbildung umfasst drei Kursteile: drei Schulungsblöcke im Grundkurs (2. März von 16 bis 20 Uhr, 3. März von 9 bis 16 Uhr; 9. März von 16 bis 20 Uhr, 10. März von 9 bis 16 Uhr und 16. März von 16 bis 20 Uhr, 17. März von 9 bis 16 Uhr); ein 30-stündiges Praktikum zwischen April und August sowie drei Schulungsblöcken im Vertiefungskurs im September). Die Weiterbildungen finden bei der Caritas am Wasserturm in Deutzen statt.

Ansprechpartner der Hospizdienste im Landkreis Leipzig:

Ambulanter Hospiz- und Palliativberatungsdienst Landkreis Leipzig Caritasverband Leipzig Am Wasserturm 7 04575 Neukieritzsch Martina Satzke und Rosmarie Bauer Telefon: 03433/24 86 926 Telefax: 03433/20 46 90 Mail: hospiz.leipziger-land@caritas-leipzig.de Internet: www.caritas-leipzig.de

Diakonie Leipziger Land Ambulanter Hospiz- und Palliativberatungsdienst Haus der Diakonie Bockenberg 3 04668 Grimma Gudrun Günther und Sandy Naumann Telefon: 03437/92 50 25 Email: hospizdienst@diakonie-leipziger-land.de Internet: www.diakonie-leipziger-land.de

Von Thomas Lieb

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Caritasverband Leipzig arbeitet mit knapp 50 ehrenamtlichen Hospizhelfern im Leipziger Land zusammen. Zu wenig für den Bedarf, den es an Sterbebegleitung gibt. Anfang März beginnt ein neuer Kurs. Hospiz-Koordinatorin Rosmarie Bauer (62) erklärt, worauf es ankommt.

24.02.2018

Faschingsvereine aus Groitzsch und Plauen laden am Sonnabend zum achten Wettbewerb für Männerballetts ein. Im Vogtland treten sieben Teams beim Säx-Men-Dance-Contest im Kampf um den Siegerpreis „Goldene Männerwade“ an. Dabei geht es nicht um Rüschen und Tutus.

26.02.2018

Spielhallen haben derzeit einen schweren Stand. Weil seit dem Vorjahr strengere Regeln gelten, müssen auch im Landkreis Leipzig Spielotheken schließen – allein fünf in Borna. Betreibern, die sich widersetzen, drohen hohe Bußgelder.

26.02.2018