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Borna Stiftung will Anerkennung für Psychiatrieopfer
Region Borna Stiftung will Anerkennung für Psychiatrieopfer
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12:28 20.04.2018
Brigitte Schneider Quelle: privat
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Landkreis Leipzig

 Brigitte Schneider sieht sich und ihren behinderten Sohn als Opfer der Psychiatrie zu DDR-Zeit und kämpft seit Jahrzehnten um Rehabilitierung und Entschädigung. In der Stiftung Anerkennung und Hilfe, die es seit diesem Jahr gibt, sieht sie einen ersten Erfolg. „Es wurden damals so viele Leben verpfuscht“, sagte die Seniorin, die viele Jahre in Altenbach bei Wurzen lebte. „Es wird höchste Zeit, dass sich dafür mal jemand interessiert.“

Bei seiner Geburt 1974 habe ihr Sohn wegen Sauerstoffmangels eine Behinderung erlitten. Er sei viel in der Klinik gewesen. Später besuchte er in Leipzig die Sprachheilschule und die Körperbehindertenschule, er wohnte im Internat. Sie selbst sei schon zu DDR-Zeit aufwieglerisch gewesen, habe deshalb nicht studieren dürfen und Friseuse gelernt. Nach vielfältigen Schwierigkeiten, auch familiärer Art, sei sie wegen Verleumdung angeklagt und gegen ihren Willen in die Psychiatrie zu einer Langzeitbehandlung eingewiesen worden. Sie beschwerte sich darüber beim damaligen Rat des Bezirkes und wurde wieder entlassen. Danach stellte sie einen Antrag auf Ausreise in die BRD, erzählte sie.

Was schwerer wog: „Man nahm mir meine Kinder weg.“ Neben dem Sohn, der damals zwölf war, hatte sie noch eine vier Jahre jüngere Tochter. Sie schrieb nach eigenen Aussagen jede Menge Anträge, klagte vor Gericht, um das Erziehungsrecht wiederzubekommen – ohne Erfolg.

Nach ihrer Scheidung wurde das Haus in Altenbach verkauft. Sie zog nach Leipzig, um in der Nähe ihres Sohnes zu sein. Wollte, dass er nicht mehr im Internat lebt, berichtete sie. Doch sie bekam das Sorgerecht für ihn nicht zurück. Erst als er volljährig war, sah sie ihn wieder. Zwischenzeitlich sei auch ihr Sohn in der Psychiatrie gewesen und leide bis heute an den Folgen falscher Behandlung, meint seine Mutter. Zu ihrer Tochter, die inzwischen in Westdeutschland lebt, habe sie keinen Kontakt, was sie „sehr schmerzt“.

Gleich nach der Wende engagierte sie sich in der Arbeitsgruppe Psychiatriemissbrauch beim Neuen Forum. „Mein Sohn wurde als geistesgestört und ich als paranoid abgestempelt. Immer wieder berief man sich auf falsche Daten“, sagte sie. „Aber es geht nicht nur um unsere Familie, es gibt so viele schlimme Schicksale, um die sich keiner kümmert. Das muss aufgearbeitet werden.“ Die Stiftung Anerkennung und Hilfe geht von 97 000 Frauen und Männern aus, die als Kind oder Jugendliche Opfer in Behinderten- oder Psychiatrieeinrichtungen wurden.

Vor allem behinderte Kinder, die damals Unrecht erlitten, hätten keine Stimme. Die Stiftung sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. Schneider will, dass die längst erwachsenen Opfer wie ihr Sohn einen Antrag stellen. „Ich versuche den Leuten zu sagen: Resigniert nicht, gebt nicht auf. Es braucht Geduld, sich über eine lange Zeit zu wehren.“

Bei der Ausbildung als Sozialversicherungsangestellte nach der Wende habe sie viel über Sozialrecht und Rentenrecht gelernt, dies würde ihr bei der ehrenamtlichen Arbeit nützen. Bis heute gibt es eine Arbeitsgruppe zum Psychiatriemissbrauch in Leipzig, in der sie sich engagiert.

Sie selbst charakterisiert sich als hartnäckig: „Es gab viele Rückschläge, aber ich gebe nie auf. Wenn die mich rausschmeißen und sagen, ich wäre paranoid, gehe ich kurze Zeit später durch die Hintertür wieder rein.“ In vielen Ämtern und Institutionen sei sie daher schon ein rotes Tuch, aber das würde sie nicht stören.

Stiftung Anerkennung und Hilfe

Seit Anfang dieses Jahres ist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales Träger der Stiftung Anerkennung und Hilfe. Gemeinsam mit den Bundesländern und christlichen Kirchen wurde dieses Hilfesystem für Menschen geschaffen, die als Kinder oder Jugendliche von 1949 bis 1990 in der DDR oder von 1949 bis 1975 in der BRD in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben.

Ziel der Stiftung sei, die damaligen Verhältnisse und Geschehnisse öffentlich anzuerkennen und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Außerdem soll durch Gespräche individuell das erlittene Leid anerkannt werden. Zudem kann eine finanzielle Hilfe beantragt werden. Die einmalige Zahlung liegt zwischen 3000 und 9000 Euro. Es wird geschätzt, dass deutschlandweit 97 000 Frauen und Männer antragsberechtigt sind.

In Sachsen ist Ansprechpartner der Kommunale Sozialverband Sachsen, Tel. 0341 / 1266 440, E-Mail: stiftungauh@ksv-sachsen.de. Mehr Infos unter http://www.stiftung-anerkennung-und-hilfe.de

Von Claudia Carell

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