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Suchtarbeitskreis: Möglichst früh vorgehen gegen zunehmende "Kamikaze"-Mentalität

Suchtarbeitskreis: Möglichst früh vorgehen gegen zunehmende "Kamikaze"-Mentalität

Alkohol, Drogen, Medikamente, Computerspiele - die Bandbreite möglicher Abhängigkeiten ist groß. Süchte betreffen Heranwachsende aller sozialen Schichten, und immer früher beginnt der Einstieg.

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Quelle: dpa

Borna. Prävention, Aufklärung vor allem, setzt dem der Suchtarbeitskreis entgegen, der seit zwei Jahrzehnten im Landkreis aktiv ist. Von Sozialpädagogen, Medizinern, Therapeuten bis hin zu Rechtsanwältin und Apothekerin arbeiten in ihm viele Professionen mit - ehrenamtlich.

„Informationen geben und Jugendliche stark machen, damit sie in einer schwierigen Situation die richtige Entscheidung treffen, das ist die einzige Chance, die wir haben", sagt Gunar Rietzsch. Er ist einer von drei speziell geschulten Mitarbeitern des Gesundheitsamtes im Landkreis Leipzig. Mit „wir" meint der Sozialpädagoge den Suchtarbeitskreis, der sich einmal monatlich trifft, um sich auszutauschen und präventive Strategien zu entwickeln. Die bestehen vor allem in Gesprächen in den Schulen, aber auch in Beratungslehrerkonferenzen.

In der Mittelschule Regis-Breitingen und im Bornaer Gymnasium sind Ehrenamtliche dieser Runde regelmäßig zu Gast. Das Gymnasium Groitzsch lädt bei solchen Veranstaltungen sogar in den Kinosaal ein, um Eltern die Teilnahme zu ermöglichen. Vor wenigen Tagen stand die Paul-Guenther-Schule Geithain auf dem Terminplan. Mitunter bringt der in Borna praktizierende Arzt Lothar Ritter, der sich im Suchtarbeitskreis engagiert, junge Leute mit, die über ihre Suchtkarriere berichten. Sie sprechen darüber, wie sie meist unmerklich in diesen Abgrund gerieten und welche Mühen es kostet und welche Wege es gibt, sich wieder herauszuarbeiten.

„Authentisch zu sein, das ist unser großer Vorteil", sagt Rietzsch, der den Arbeitskreis stellvertretend seit diesem Jahr leitet. Und er bezieht das Attribut ausdrücklich auch auf die Zusammensetzung der Gruppe. Da viele Berufe an einem Tisch säßen, habe man zudem Informationen aus erster Hand, kenne einander und schaffe so eine Vertrauensbasis. „Darauf können wir aufbauen, wenn Hilfesuchende zu uns kommen", sagt Diplomsozialpädagogin Ellen Schüler, die bei der Diakonie in Borna soziale Beratung anbietet. Die Frohburger Rechtsanwältin Cindy Harzendorf sieht sich in ihrer beruflichen Praxis mit den Problemen Abhängiger konfrontiert. Diese Erfahrungen bringe sie gern in den Suchtarbeitskreis ein und helfe zudem, den rechtlichen Hintergrund abzustecken. „Wichtig ist es, die Arbeit in den Schulen zu forcieren", meint Margitta Koch, die die Barmer-GEK in der Runde vertritt. Vorbeugung sei eine entscheidende Aufgabe, und sie müsse früh beginnen. Für Karl-Heinz Dallmann, Mölbiser Pfarrer im Ruhestand, haben Süchte viel mit ethischen Fragen zu tun: „Wir dürfen nicht erst eingreifen, wenn es zu spät ist."

Dieser Verantwortung stelle sich der Suchtarbeitskreis seit Jahren, und durchaus mit Erfolg, resümiert Dr. Claudia von Rein, Inhaberin der Stadtapotheke Borna. „In Prozenten lässt sich das nicht ausdrücken, aber wir setzen Impulse und erreichen damit gewiss den einen oder anderen." Sonja Döhler, viele Jahre Beratungslehrerin an der Dinter-Mittelschule Borna und als Rentnerin weiter aktiv, kennt positive Beispiele, wohl wissend, dass in vielen Fällen es kaum nachhaltig gelingt, Menschen von Drogen abzubringen. Ein Jahr lang habe sie als Lehrerin ein schwerst drogenabhängiges Mädchen betreut, das schließlich Schulabschluss und Studium gepackt habe, erzählt sie. Das habe sie bewogen, den Arbeitskreis zu unterstützen: „Pädagogen sind ohnehin am Nächsten an diesen Problemen dran."

„Am Anfang, nach 1990, hatten wir vor allem mit Alkoholismus zu tun. Die Drogen kamen erst ab Mitte der neunziger Jahre immer stärker dazu", schätzt Brigitte Schmidt ein, gemeinsam mit ihrem Mann, dem damaligen Amtsarzt Dr. Klaus Schmidt, das erste Gründungsmitglied des Arbeitskreises. Dass der sich über die beiden Jahrzehnte einen Namen gemacht habe, freut die Sozialtherapeutin. Dass sich die Ehrenamtlichen dieser großen Herausforderung immer wieder neu stellen müssten, sei allen bewusst, sagt Gunar Rietzsch. „Die Möglichkeiten, die der Markt bietet, sind breit gefächert, und sie verändern sich permanent." Zudem gebe es eine hohe Dunkelziffer. Insgesamt sei die Zahl der Suchtabhängigen in den vergangenen Jahren kaum gestiegen. Doch der Alkoholkonsum zum Beispiel beginne früher und arte aus zu etwas, das in der Szene Druckbetankung heiße: möglichst schnell möglichst viel Alkohol zu schlucken. Insgesamt breite sich, auch bei Drogen wie Cannabis und chemischen Substanzen, auch in Kombination mit Alkohol, eine „Kamikaze-Mentalität" aus, so Rietzsch: „Der Verantwortung, der wir uns als Suchtarbeitskreis stellen, wird keinesfalls geringer."

Ekkehard Schulreich

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