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Tag der Menschen mit Behinderungen – Jens Merkel mahnt zu gelebter Inklusion

3. Dezember Tag der Menschen mit Behinderungen – Jens Merkel mahnt zu gelebter Inklusion

Zum Welttag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember spricht der Behindertenbeauftragten des Landkreises Leipzig, Jens Merkel von fehlendem Praxisbezug bei der Inklusion. Der 47-Jährige, der selbst im Rollstuhl sitzt, sieht Nachholbedarf, wie die UN-Menschenrechtskonvention von 2009 im Kreis Leipzig umgesetzt wird.

Jens Merkel, Behindertenbeauftragter des Landkreises Leipzig, kämpft für die Inklusion.

Quelle: Andreas Döring

Grimma. Zum Welttag der Menschen mit Behinderungen am heutigen 3. Dezember sprachen wir mit dem Behindertenbeauftragten des Landkreises Leipzig, Jens Merkel.

Frage: Sie sind seit diesem Jahr der Behindertenbeauftragte des Landkreises Leipzig. Mit welchen Problemen wandten sich bisher Menschen an Sie?

Jens Merkel: Vor allem ging es um Fragen der Teilhabe am Arbeitsleben, das Thema Assistenz, Reha-Leistungen sowie Fördermöglichkeiten.

Worauf sind Sie besonders stolz, was Sie als Behindertenbeauftragter mit ins Rollen bringen konnten?

Als eine Anlaufstelle für Menschen mit Behinderungen konnte ich einige Anfragende beispielsweise an den Integrationsfachdienst mit Sitz in Wurzen weitervermitteln. Dort erhalten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer Unterstützung, ob es nun bei einer Suche nach einer Arbeitsstelle oder um Fördermöglichkeiten geht. Doch auch Kommunen wie Grimma sind offener für Anliegen von Menschen mit Behinderung geworden. So konnte von heute auf morgen eine Klingel an der Stadtinformation angebracht werden. Netzarbeit ist auch hier sehr wichtig.

Sie erhielten 2013 die Annenmedaille. Hat sich dadurch ihre Arbeit verändert?

Die Auszeichnung war für mich Ansporn, noch mehr zu tun, damit noch mehr Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft tätig werden können. Gerade Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, will ich helfen, dass sie wie ich ihr Leben selbst bestimmend gestalten können.

Am 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Wo sehen Sie die größten Probleme, die im Landkreis Leipzig noch zu bewältigen sind?

Ich habe eine Sommertour durch den Landkreis unternommen. Es gibt positive Dinge wie in Naunhof. Dort ermöglicht der Angelverein, dass auch Rollstuhlfahrer das Hobby ausführen können. Das größte Problem stellt die Barrierefreiheit dar. Während zum Beispiel . beim Schulanbau in Borsdorf darauf geachtet wurde, dass Barrierefreiheit herrscht, ist das beim zweiten Bauabschnitt des Freien Gymnasiums in Naunhof nicht der Fall. In Naundorf ist man der Ansicht, dass es dort keine Menschen mit Behinderung gibt, die die Schule besuchen wollen. Doch das ist ein Trugschluss.Es geht um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen. Ich kenne beispielsweise eine Mutter, die im Rollstuhl sitzt und deren Kinder dort zur Schule gehen. Auch sie möchte zum Beispiel einmal zum Elternabend gehen. Doch auch in puncto Mobilität für alle Menschen mit Behinderungen gibt es noch Nachholebedarf. Ein erster Schritt in die Richtung ist das ÖPNV-Konzept „Muldentaldreieck“.

Sie machen sich stark für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Wie sieht es damit im Landkreis aus?

Seit 2009 gilt die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen. In Grimma ist schon einiges auch aufgrund der Flut 2013 ins Rollen gebracht worden. Doch auch hier gibt es Bauprojekte, wie das Alte Seminar, die nur teilweise barrierefrei sind. Oder denken wir nur an den Bahnhof in Grimma. Dort sind nicht alle Bahnsteige barrierefrei. Jetzt avisiert die Bahn 2018 oder 2019 an, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn wir jedoch nicht immer wieder nachgefragt hätten, würde selbst dieser Termin noch nicht stehen. Für die Belange von Menschen mit Behinderung muss die Öffentlichkeit mehr sensibilisiert werden. Inklusion muss mehr in die Köpfe hinein. So kann es nicht sein, dass wenn ich mit meinem Assistenten eine Gaststätte betrete, er und nicht ich gefragt werde, was ich essen möchte.

Was können die Behindertenverbände und die Selbsthilfegruppen im Landkreis leisten?

Eine Verzahnung erfolgt bereits durch die Kreisarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände. Die Verbände und Gruppen müssen dafür sorgen, dass die Verwaltung und der Kreistag besser hinsichtlich der Probleme der Menschen mit Behinderung beraten werden. Es ist wichtig, Förderungsprojekte auszuschöpfen. Ich denke nur an das Investitionsprogramm barrierefreies Bauen „Lieblingsplätze für alle“.

Wofür wollen Sie sich als nächstes einsetzen?

Mir geht es um einen barrierefreien Internetauftritt inklusive eines umfassenden Informationsangebotes für alle Menschen mit Behinderungen im Landkreis Leipzig. Wir haben 2013 angefangen, eine Seite mit barrierefreien Tourismusangeboten zu veröffentlichen. Jetzt sind wir im Gespräch mit dem Landkreis, diese auszubauen. So geht es unter anderem um Assistenzangebote, barrierefreie Arztpraxen und ÖPNV. Doch auch das Angebot des Landkreises muss barrierefreier werden, damit zum Beispiel auch blinde Menschen davon profitieren.

Wo sehen Sie den Landkreis in zehn Jahren in punkto inklusive Gesellschaft?

Ich wünsche mir, dass er ein Aushängeschild in Sachsen wird. Dabei möchte ich alle Menschen mit und ohne Behinderung auf den Weg für eine gerechtere, nein inklusive Umweltgestaltung im Landkreis Leipzig, mitnehmen. Denn Inklusion bietet auch Chancen. Menschen mit Behinderung sollten zum Beispiel in Regelschulen künftig keine Ausnahme mehr sein, sondern gelebte Praxis.

Bundesweite Aktionswoche zur Inklusion

Die Agentur für Arbeit Oschatz und das Jobcenter Nordsachsen beteiligen sich an der bundesweiten Aktionswoche der Menschen mit Behinderung vom 30. November bis 4. Dezember, um verstärkt auf die Beschäftigungspotenziale von Menschen mit Handicap aufmerksam zu machen. Die Arbeitsvermittler sprechen dabei gezielt Unternehmen an. Auch intern rückt die Arbeitsagentur das Thema in den Fokus. Verschiedene Informationsveranstaltungen verdeutlichen Barrieren des Alltags (etwa bei hörgeschädigten Menschen). In Borna besuchten zum Wochenbeginn Agenturmitarbeiter die Werkstatt für behinderte Menschen.

Eine Behinderung ist für viele Menschen ein Hindernis auf dem Weg in den Job. Die Barrieren des Alltags meistern sie in der Regel ohne fremde Hilfe. Dort, wo sie auch beruflich ihr Können unter Beweis stellen möchten, sind sie zunächst darauf angewiesen, die Chance dafür zu bekommen. „Gehandicapt heißt nicht automatisch leistungsgemindert“, betont Agenturchefin Cordula Hartrampf-Hirschberg. Schließlich, so die Agenturchefin weiter, können die meisten Einschränkungen mittlerweile organisatorisch oder durch moderne Technik ausgeglichen werden.

Eine wichtige Rolle im Rahmen der Beschäftigungs- und Betreuungsangebote spielen die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). In der WfbM Borna werden insgesamt 300 behinderte Menschen beschäftigt. Die Aufgabenpalette reicht von Näh- und Wäschereidienstleistungen über diverse Verpackungsarbeiten bis hin zur Stanzerei, wo nichtrostende Stahl- und Kupferfolien bearbeitet werden. „Daraus werden später gelötete Wärmetauscher gefertigt, die dann beispielsweise in Klimaanlagen verbaut werden“, erläutert WfbM-Werkstattleiter und Geschäftsführer Uwe Drechsler eine besondere Dienstleistung seiner Einrichtung.

Von Cornelia Braun

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