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Tagebauröhre verwandelt sich in Konzertsaal

Tagebauröhre verwandelt sich in Konzertsaal

Normalerweise gelangen Musikfreunde zu einem Konzert des Leipziger Symphonieorchesters (LSO) so: Ticket kaufen, und auf kurzem Wege gelangt man zum Sitzplatz im Konzertsaal.

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Ungewöhnlicher Konzertort: In einer Tunnelröhre im Tagebau spielte das LSO.

Quelle: Ulrike Wolf

Neukieritzsch/Groitzsch. Anders am Sonntag. Wer Tschaikowski, Grieg oder Smetana hören wollte, musste per Mannschaftstransportwagen in den Mibrag-Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Auf der etwa zehnminütigen Reise zum Klangerlebnis in einer Tunnelröhre ging es vorbei an Förderbändern, Baggern und Bandanlagen. Mehr als 240 Gäste machten sich auf die Reise zu dem ungewöhnlichen Konzert in der kargen Tagebaulandschaft. Sie wurden belohnt mit erstaunlich guter Akustik, einem kühlen, schattigen Sitzplatz und gewohnt anspruchsvollen Klängen der 40 Musiker mit Dirigent Wolfgang Rögner.

Durch die Tunnelröhre, in der Musiker und Zuhörer saßen, werden normalerweise Abraummassen befördert. Doch für das Konzert wurde vorgestern die Vormittagsschicht abgesagt, das Förderband und Bagger 1528 standen still. "Für ein Konzert ist das ein tolles Ambiente. Erst ab 14 Uhr geht es mit der Mittelschicht weiter", sagte Tagebauleiter Torsten Wenke.

Während die Ouvertüre zu "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber erklang, fuhren Autos und Radfahrer über die Tunnelröhre, denn sie unterquert die Bundesstraße 176. Die Sonne brannte auf die kahlen Sandflächen des Tagebaus, Grillen zirpten. In der Tunnelröhre war der Klang erstaunlich gut. "Ich bin beeindruckt", sagte LSO-Geschäftsführer Hans-Ulrich Zschoch. Am Morgen, um 8 Uhr, war bereits geprobt worden. "Alle Musiker waren von der außergewöhnlichen Spielstätte begeistert", erzählte Zschoch. Nach der Probe waren auch seine Bedenken weggefegt. "Wir hatten die Befürchtung, dass es in der Röhre ein Echo gibt, doch die Wellen des Bleches, die Bestuhlung und der Teppich nahmen den Hall", so der LSO-Chef. Der Tunnelausgang hinter der Bühne wurde zudem mit einer Plastikplane verhangen.

Die Idee, klassische Musik im Ambiente eines Tagebaus erklingen zu lassen, hatte einst die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Mibrag, Angelika Diesener. In Schleenhain erklang jetzt bereits das dritte Konzert, erstmals aber zwischen Wellblech. Der musikalische Genuss diente einem guten Zweck. Das Eintrittsgeld sowie die Erlöse aus Speis und Trank kommen der Hohendorfer Kirche zugute. Zwei Glocken hängen im Kirchturm, die dritte war im Krieg zerstört worden und soll nun in Lauchhammer neu gegossen werden. "Allein das Gießen kostet fast 8000 Euro", weiß Gitta Graichen vom Kirchenvorstand. Die Hilfe der Mibrag sei enorm, so die 70-Jährige. Auch die beiden anderen über 200 Jahre alten Glocken sowie der Glockenstuhl müssen repariert werden. Seit mehr als sieben Jahren bemühen sich die Hohendorfer darum.

Eine ungewöhnliche Konzertstätte, Musik für einen guten Zweck und die unterhaltsame Moderationen von LSO-Freund Rainer Mlynarczyk, das kam bei den Besuchern gut an. "Es war ein besonderes Konzert, mal was anderes", sagte Christine Schulze. "Es waren musikalische Filetstücke, sehr angenehm", so die Böhlenerin. Raus aus dem Konzertsaal, das fand auch Christa Brummer gut. "Vielleicht könnte es auch mal im Park am Böhlener Kulturhaus ein Konzert geben", regte sie an. "Die Fahrt hierher war ein Erlebnis", betonte Sven Kertscher aus Leipzig, 34 Jahre alt. "Wenn das Konzert woanders gewesen wäre, wären wohl nicht so viele junge Leute gekommen", ergänzte der 32-jährige Leipziger Ralf Rothe.

"Wir bedauern, dass so ein Konzert eine einmalig Sache ist. Wir Musiker könnten uns eine Tunnelkonzertreihe durchaus vorstellen", merkte LSO-Geschäftsführer Zschoch an, als der letzte Ton verklungen war.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.09.2014
Ulrike Wolf

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