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Borna Tierfriedhof Oelzschau: Ein Grab für Benji
Region Borna Tierfriedhof Oelzschau: Ein Grab für Benji
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05:12 29.08.2018
Hans Olejniczak pflegt das Grab seines Hundes Benji auf dem Tierfriedhof des Tierheimes in Oelzschau. Quelle: Claudia Carell
Oelzschau/Oellschütz

Hans Olejniczak zündet die Kerze an und stellt sie behutsam in die Laterne auf dem Grab. Helle Steinchen, rote Blümchen, ein Holzkreuz mit der Aufschrift „Benji 6.8.1999 - 19.12.2012“. Es ist eins der schönsten Gräber auf dem Tierfriedhof in Oelzschau, regelmäßig gepflegt vom 70-jährigen Hundeliebhaber aus Eula bei Borna.

Benji war einst ein Tierheimhund. Ein Mischling, den keiner mehr haben wollte. So landete er im Oelzschauer Heim. Doch dann hatte er Glück. Hans Olejniczak und seine Frau wurden auf ihn aufmerksam.

„Ich hatte schon als Kind einen Hund“, erzählt der Rentner. Lächelnd fügt er hinzu: „Einen schwarz-weißen mit Punkten, das war ein Guter.“ Von da an mochte er Tiere, hatte hin und wieder einen Hund, auch mal Chincillas.

Als seine Familie entschied, dass er als Jugendlicher bei seinem Onkel Fleischer lernen sollte, tat er dies zwar, stellte aber später fest, „das war nichts für mich“. Er sattelte um auf Schlosser und Schweißer.

Stichwort Tierbestattung

Seit etwa 12.000 Jahren wird die rituelle Bestattung toter Tiere weltweit praktiziert. Das bisher früheste Tiergrab wurde in Israel gefunden. Die Bestattung einer Katze wurde vor 10.000 Jahren auf Zypern durchgeführt, als Katzen bereits als Haustiere galten.

Ihren Höhepunkt erlebte die Tierbestattung im antiken Ägypten. Seinerzeit wurden zahlreiche Tiere, die als heilig galten, aufwändig einbalsamiert und rituell bestattet. Dazu gehörten Katzen, Krokodile, Stiere und Falken, so das Online-Lexikon Wikipedia.

Eine weitere Blüte erlebten Tierbestattungen im frühen Mittelalter, als wohlhabende Verstorbene zusammen mit ihren Pferden und (Jagd-)Hunden beigesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist das sächsische Reitergrab von Schnelsen. Bei der Pferdebestattung von Wulfsen wurden gleich drei Pferde in einem Grab beigesetzt.

Im sächsischen Gräberfeld der Siedlungskammer Rullstorf im Landkreis Lüneburg wurde sogar ein zahmer Rothirsch bestattet, der wohl auf der Jagd als Lockmittel für freilebende Hirsche genutzt wurde. Dort befindet sich mit mehr als vierzig Bestattungen das bedeutendste Pferdegräberfeld in Deutschland.

Heute findet die Haustierbestattung meist ohne den kultischen Charakter statt. Die Zahl der von einem Tierbestatter durchgeführten Bestattungen ist stark ansteigend. Heute sterben in Deutschland etwa 1,4 Millionen Katzen und Hunde im Jahr. Inzwischen stehen für die Bestattung dieser Tiere etwa 120 Tierfriedhöfe zur Verfügung, dabei gibt es auch die Möglichkeit, das Tier in einem Friedwald für Tiere bestatten zu lassen.

Es gibt deutschlandweit etwa 180 Tierbestatter. Sie bieten verschiedene Bestattungsarten an, die auch beim Menschen üblich sind, im Einzelfall sogar See- und Weltraumbestattung. Die Feuerbestattung ist jedoch die am häufigsten gewählte Bestattungsart.

Familie aus Eula entscheidet sich für Heimhund

Einen seiner Hund begrub er auf dem Tierfriedhof des Heimes in Oelzschau. Dadurch wurde er auf die Situation der Heimtiere aufmerksam: „Es ist ja schlimm, wie manche Menschen mit Tieren umgehen.“ Irgendwann entschieden die Olejniczaks, sich um einen Heimhund zu kümmern.

Sie besuchten Benji oft, machten mit ihm lange Spaziergänge. „Dann haben wir gesagt, wir nehmen ihn mit“, erinnert sich der Mann. Zehn Jahre lebte Benji bei ihnen. „Er war gern draußen, wir waren sehr viel unterwegs“, sagt sein Herrchen. „So einen Hund zu haben ist etwas Schönes.“

Es gab so manche Rituale. Wenn der Mensch abends zum Schlafanzug griff, wusste der Hund Bescheid und legte sich auf seine Matte. Vorher holte er sich noch eine Streicheleinheit.

Im Dezember 2012 besuchte die Familie ihren Sohn in Hof. Benji war wie immer dabei. Es hatte gerade geschneit und war kalt. „Plötzlich hört der Hund auf zu fressen, kam kaum noch die Treppe hoch. Drei Tage später ist er in meinen Armen eingeschlafen“, sagt Hans Olejniczak.

Regelmäßig pflegt Hans Olejniczak das Hundegrab

Er begrub ihn auf dem Tierfriedhof in Oelzschau, „ich finde das mit dem Grab für einen Hund, der so lange bei einem ist, gut“. Auch nach sechs Jahren fährt er mit dem Fahrrad noch regelmäßig hierher, „derzeit aber nur einmal im Monat, es ist ja so heiß“.

Ende 2019, sieben Jahre nach dem Tod des Tieres, kommt das Grab weg. „Nein, damit habe ich kein Problem, ist gut dann“, sagt der Rentner. Benji war sein letzter Hund: „Ich will nicht noch einen. Es hat mir gereicht, wie der gestorben ist.“

Den Tierfriedhof im Oelzschauer Heim gibt es seit vielen Jahren. Elvira Henkel gehörte zu den Initiatoren. „Damals wurde bekannt, wozu Tierkörpermehl verwendet wird“, erinnert sie sich. „Wenn man mit einem Hund 15 Jahre zusammen gelebt hat, will man nicht, dass er als Futter im Schweinetrog landet.“ Das Heim hat genügend Land. Auf einem Stück davon entstand der Friedhof.

30 Stunden pro Woche im Ehrenamt fürs Tierheim

Die heute 65-Jährige lebt für ihre Tiere. „Ich bin tierverrückt“, sagt sie lächelnd. Schon als kleines Mädchen nervte sie ihre Eltern so lange, bis sie wenigstens Hamster, Mäuse und Meerschweinchen halten durfte.

Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. Doch zu DDR-Zeiten hätte sie in diesem Beruf wahrscheinlich in einem großen Stall gearbeitet, Tierarztpraxen gab es damals nicht. Freunde rieten ihr ab: „Dafür bist du zu tierlieb.“

Sie studierte Wirtschaft, hatte jedoch immer Tiere zu Hause. Als ihre beiden Töchter Hunde aus dem Tierheim betreuten, wurde sie auf das Heim in Oelzschau zwischen Espenhain und Belgershain aufmerksam - und blieb dort kleben, wie sie sagt. Das war 2001.

Begräbnis ohne „Brimborium, aber trotzdem würdevoll“

Nicht selten arbeitete sie neben Job und Familie 30 Stunden pro Woche im Ehrenamt für das Tierheim, dabei war viel Bürokram. „Wenn ich gewusst hätte, welche Ausmaße das annimmt, hätte ich mir das nicht zugetraut.“ Heute ist sie Rentnerin, die ehrenamtlichen Stunden sind wohl nicht weniger geworden. Zudem ist sie Vorsitzende des Tierschutzvereins Leipziger Land.

Ihrer Meinung nach hat das Tier genauso ein Recht, in der Erde begraben zu werden wie ein Mensch. Allerdings hält sie wenig von einer Zeremonie. Es gibt bei ihr kein Tierbegräbnis mit Trauerrede und Musik: „Wir machen das hier ohne Brimborium, aber trotzdem würdevoll.“

Sie empfiehlt den Leuten, das tote Tier in dessen Lieblingsdecke zu wickeln. Es wird in das ausgeschaufelte Grab gelegt. Die Tierbesitzer wünschen oft, ein Weilchen für sich sein. Manche sprechen noch mal mit dem Tier, andere weinen, viele legen Blumen hin. Dann wird das Grab zugeschaufelt und später von Herrchen oder Frauchen gestaltet.

Wenig Nachfrage: Tierfriedhof in Oellschütz geschlossen

Rund 80 Reihengräber gibt es auf diesem Tierfriedhof, doch nicht einmal ein Drittel davon wird genutzt oder die Gräber sind so ungepflegt, dass es nicht erkennbar ist. „Das Interesse dafür wird weniger, viele wählen die Kremierung und vergraben die Urne im eigenen Garten“, sagt Henkel.

Aus diesem Grund wurde der Tierfriedhof des Heimes in Oellschütz bei Groitzsch vor einiger Zeit geschlossen. „Es wird kaum noch nachgefragt“, sagte Michaela Angermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins Borna.

Der Friedhof in Oelzschau soll dennoch bleiben, „es hat ja nicht jeder ein eigenes Grundstück“, so Henkel. Die Grabpflege über sieben Jahre sei problematisch. „Für viele Menschen ist es schon schwierig, auf einen normalen Friedhof zu gehen“, bei Tieren lasse das Interesse meist nach ein bis zwei Jahren nach.

„Geweint wie verrückt“ bei Brunos Begräbnis

Inzwischen nutzen viele die Möglichkeit, ihre Tiere auf der Wiese des Friedhofs zu bestatten. Das ist mit 150 Euro für einen Hund und 75 Euro für eine Katze nicht nur billiger, das Grab muss auch nicht sieben Jahre lang gepflegt werden „und die Leute wissen trotzdem, wo ihr Tier liegt“. Ansonsten kostet ein Tier-Reihengrab in Oelzschau je nach Größe zwischen 270 und 330 Euro.

Elvira Henkel hat ihren Bruno, einen Hovaward-Mischling, auch auf diesem Friedhof bestattet. Er war aus dem Heim, lebte zwölf Jahre in ihrer Familie. Die Beziehung zu dem Tier sei stark, wenn man so lange zusammen ist „es ist ein Familienmitglied“. Bei dem Begräbnis hat sie „geweint wie verrückt“. Es brauche Zeit, bis man darüber hinweg kommt.

Von Claudia Carell

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