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Borna Tierheim Oelzschau vermittelt Hunde aus Rumänien
Region Borna Tierheim Oelzschau vermittelt Hunde aus Rumänien
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12:00 25.01.2019
Saskia Weber (l.) mit Speedy und Elvira Henkel mit Piccolo in Oelzschau. Die Hunde stammen aus Rumänien und werden in Deutschland vermittelt. Quelle: Jens Paul Taubert
Oelzschau

Beim Stichwort „rumänische Straßenhunde“ zieht Elvira Henkel die Stirn kraus. Die 65-Jährige engagiert sich seit langem für Tierschutz im Leipziger Land und baute das Heim in Oelzschau bei Espenhain mit auf. Es gehe bei weitem nicht nur um Streuner in Rumänien, die von städtischen Hundefängern in Transporter verladen und oft grausam getötet würden.

Dies sei ein generelles Problem. „Es gibt auch viele Hunde auf ganz normalen Bauernhöfen, die nicht kastriert werden“, sagt sie. Sie werfen zweimal im Jahr. Die Welpen werden entweder gleich vor Ort getötet oder ausgesetzt.

Gesetz in Rumänien erlaubt Tötung von Straßenhunden

Deutsche Tierschützer engagieren sich deshalb seit langem in dem Land, vor allem in der Smeura, dem größten Tierheim der Welt. Der Tod des kleinen Ionut im Jahr 2013 hat die Sache zusätzlich verschlimmert. Der Vierjährige wurde beim Spielen in Bukarest von einem Rudel Hunde getötet. Es seien Straßenhunde gewesen, erklärten damals Politiker und Medien in Rumänien. Wütende Demonstranten forderten darauf hin die Todesstrafe für Straßenhunde.

Schon eine Woche später wurde das Tötungsgesetz erlassen. Darin steht, dass alle Streuner in städtischen Anstalten getötet werden müssen, wenn sie nicht innerhalb von zwei Wochen abgeholt werden. Von 2014 bis 2017 sollen auf diese Weise 700.000 bis 900.000 Hunde gestorben sein, so der Verein Tierhilfe Hoffnung, der das Tierheim in Smeura betreibt.

Das Tierheim Oelzschau vermittelt pro Jahr 50 bis 60 Hunde aus Rumänien in Familien aus Deutschland.

Vierjähriger starb: Hunde-Tötungsgesetz beruht auf Irrtum

Das Tötungsgesetz blieb bestehen – auch als die rumänische Staatsanwaltschaft aufklärte, dass den kleinen Ionut Wachhunde einer Bukarester Bauentwicklungsfirma umgebracht hatten. Das Gelände sei ohne Warnschild und nicht gesichert gewesen, das Rudel vernachlässigt worden, trotz bekannter Aggressivität, soll in der Anklage des Staatsanwalts gestanden haben.

Elvira Henkel war 2008 das erste Mal in Rumänien – und war erschüttert. Die Smeura, wo kein Hund getötet wird, sei zwar eine Insel des Tierschutzes. „Es ist ergreifend, was die Leute dort alles tun, wie gut sie organisiert sind“, sagt sie. Aber anderswo sei es grauenvoll.

Hunde in Smeura, dem größten Tierheim der Welt. Quelle: privat

Das rumänische Gesetz sehe vor, dass die Tiere zumindest in den 14 Tagen Bleiberecht Futter und Wasser bekommen und danach schmerzfrei getötet werden – dafür zahle die Europäische Union 72 Euro pro Hund. Doch die Realität sei oft ganz anders.

Tiere würden vielerorts zusammengepfercht, das wenige Futter könnten sich nur die Starken erkämpfen, Wasser gebe es so gut wie nicht, wenn es nicht gerade mal regnet. Hunde würden mit Frostschutzmitteln totgespritzt, „das ist ein ewig langes schreckliches Sterben“. Oder sie würden erschlagen und erdrosselt. „Ich will das gar nicht alles erzählen, es ist so furchtbar“, sagt die Frau, die schon leidet, wenn sie in Deutschland Hunde sieht, die ihr Leben im Zwinger fristen müssen.

Kritik: EU-Gelder kommen nicht bei Tieren an

Kern ihrer Kritik: „Nach Rumänien fließen Summen von der EU, die absolut nicht beim Tier ankommen!“ Heime in Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen deshalb rumänische Hunde auf, seit zehn Jahren auch Oelzschau. Ihr ist klar: „Das Problem wird dadurch nicht gelöst. Das geht nur durch Kastration.“ Dennoch ist sie überzeugt davon, dass ihr Engagement richtig ist: „Die wichtigen Kastrationsbemühungen nutzen den Hunden, die schon auf der Welt sind, nichts mehr.“

Jedes Jahr fährt sie mit anderen Tierschützern des Leipziger Landes für eine Woche nach Smeura. Dies würde privat bezahlt und koste den Tierschutzverein keinen Cent, betont die langjährige Vereinschefin, die vor kurzem ihr Amt an die 21-jährige Saskia Weber übergab. Die junge Frau war beim letzten Smeura-Besuch mit dabei.

Rund 5500 Hunde leben in Smeura. Quelle: privat

Die Akteure packen vor Ort mit an und suchen sich außerdem etwa zehn Hunde aus, die nach Oelzschau transportiert werden. Nicht nur süße Welpen, auch alte Hunde oder Tiere mit Handicap. „Die Mischung ist uns wichtig“, sagt die neue Vorsitzende des Vereins, für die Tierschutz „schon immer ein Thema“ war. Seit ihrem Ökologischen Jahr im Heim Oelzschau engagiert sie sich intensiver. Weitere Tiere aus der Smeura kommen im Laufe des Jahres ins Heim bei Espenhain, insgesamt seien es 50 bis 60 pro Jahr.

Die rumänischen Hunde zu vermitteln sei kein Problem. „Sie sind in der Regel sehr sozial, weil sie immer mit vielen Tieren zusammen waren“, meint sie und streichelt die beiden Mischlinge Speedy und Picolo aus der Smeura, die zutraulich um sie herum wuseln.

Tierheim Oelzschau vermittelt 500 Tiere pro Jahr

Es sei berührend, wenn die Tiere in der Smeura zum Transport in den Zwinger verladen werden. „Auf der einen Seite ist es schön, weil diese Hunde nun zu uns kommen können. Auf der anderen Seite schwer, weil die anderen zurück bleiben“, sagt Elvira Henkel.

Das Oelzschauer Heim vermittelt pro Jahr rund 500 Tiere. Die Hälfte Katzen, die andere Hälfte Hunde, Nager und Vögel. Im Durchschnitt finden die Tiere nach drei Monaten eine neue Familie finden, auch die aus Rumänien, „das läuft unkompliziert“.

Die 21-jährige Saskia Weber ist die neue Vorsitzende des Tierschutzvereins Leipziger Land. Sie übernahm das Amt von Elvira Henkel. Beide reisten kürzlich zusammen ins rumänische Smeura, um Hunde zu retten. Quelle: Jens Paul Taubert

Selbst bei Hunden mit Problemen. Die Tierschützerin erinnert sich an einen kleinen rumänischen Mischling, der blind war. Nach langem Überlegen entschied sie, ihn mit nach Deutschland zu nehmen, weil sie dachte, eine Augenoperation könnte helfen. Doch dies war nicht der Fall. „Es war erstaunlich, dieser Hund hat nach kurzer Zeit eine ganz liebe Familie hier gefunden“, sagt sie.

Wovon allerdings abzuraten sei: „Man sollte sich nicht direkt aus Rumänien oder einem anderen Land einen Hund kommen lassen.“ Es sei viel besser, ihn erst mal in einem der vielen Tierheime, die mit der Smeura kooperieren, kennen zu lernen. Immer mal wieder erhält das Oelzschauer Heim einen Anruf von verzweifelten Tierfreunden, die mit ihrem ausländischen Hund nicht klar kommen, den sie sich im Internet ausgesucht haben. Das Tier kann man nicht zurück schicken.

Stichwort: Die Smeura

Das Tierheim Smeura beherbergt rund 5500 Hunde, darunter fast 500 Welpen, und gilt als größtes Tierheim der Welt. Es liegt in einem ausgedehnten Waldgebiet bei Pitesti in Rumänien, rund 120 Kilometer von Bukarest entfernt. Das Gelände ist 4,5 Hektar groß und war früher eine Fuchsfarm.

Betrieben wird Smeura vom deutschen Förderverein Tierhilfe Hoffnung. Initiiert wurde das Projekt von der inzwischen verstorbenen Tierschützerin Ute Langenkamp, die gegen die Massentötung von Hunden in Rumänien etwas unternehmen wollte.

Rumäniens Politiker haben zigtausende von Hunden auf bestialische Art und Weise ermorden lassen, ohne dass die Massentötungen jemals zu einer Reduktion der Straßenhunde geführt hätten“, teilte der Förderverein mit. In der Smeura würden die Tiere „vor dem Zugriff der städtischen Hundefänger-Mafia und somit vor Massentötungen gerettet, gefüttert, medizinisch versorgt und kastriert“.

Ausschließlich das Kastrieren könne das Problem langfristig lösen und verhindern, dass nicht kastrierte Hunde aus den Dörfern in die Stadt nachrücken, sich wieder vermehren und alles von vorne beginnt. Durch die Kastrationsaktionen von der Smeura konnte laut dem Verein in dieser Region der Bestand von 33.000 nicht kastrierten Hunden auf 4.500 kastrierte freilebende Hunde reduziert werden.

Wesentlich sei außerdem die Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung, vor allem in Schulen, „um einen Mentalitätswechsel und ein Umdenken der nachfolgenden Generationen zu bewirken“.

Die Smeura werde durch Spenden finanziert und bekomme keine öffentlichen Gelder. Das größte Tierheim der Welt braucht nach eigenen Angaben jeden Tag 2,7 Tonnen Futter für die Tiere. Viele rumänische Hunde werden von Tierheimen nach Deutschland, Österreich und der Schweiz geholt und dort vermittelt. Das Projekt erhält massive Unterstützung, hat aber auch Kritiker.

Für Elvira Henkel vom Tierschutzverein Leipziger Land gilt in Rumänien noch ein anderes Zeitalter in punkto Tierschutz. „Bei uns war vor 40, 50 Jahren auch noch vieles anders“, sagt sie. Diese Entwicklung brauche Zeit und werde in Rumänien zum Beispiel durch Aufklärungskampagnen des Vereins in Smeura voran getrieben.

Von Claudia Carell

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