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Unbemerkt schwanger – Landkreis-Projekt „Frühe Hilfen“ hilft jungen Familien beim Start

Landkreis Leipzig Unbemerkt schwanger – Landkreis-Projekt „Frühe Hilfen“ hilft jungen Familien beim Start

Das Angebot ist freiwillig und kostenlos: Familienhebammen und Sozialpädagoginnen besuchen junge Familien, die Hilfe und Rat brauchen. Annika und Enrico Rohland aus Otterwisch haben es dankend angenommen – sie wurden quasi über Nacht Eltern.

Plötzlich zu dritt: Annika und Enrico Rohland mit Söhnchen Elias. Zum Start half ihnen das Projekt Frühe Hilfen.

Quelle: Thomas Kube

Landkreis Leipzig. Am 15. August vergangenen Jahres ging Annika Rohland arbeiten wie immer – auf dem Bau. Plötzlich bekam sie solche Rückenschmerzen, dass sie ihren Mann Enrico anrief und er mit ihr in die Klinik fuhr. Nach einigen Untersuchungen sagten die Ärzte der jungen Frau, sie soll gleich dableiben – sie bekommt ein Kind, 36. Schwangerschaftswoche. „Ich war geschockt und sprachlos“, erinnert sich die 22-Jährige. Mediziner erklärten ihr, dass es an der Lage des Kindes gelegen hätte, dass nie etwas gemerkt habe. Ohne einen runden Bauch brachte sie ihr gesundes Baby Elias zur Welt, 2600 Gramm schwer. Unbemerkte Schwangerschaften sind nicht selten, in Deutschland soll dies im Jahr 1300 Mal vorkommen. 270 Frauen davon erfahren es, wie Annika Rohland, erst am Tag der Geburt.

Die Situation sei erst mal nicht einfach gewesen. Normalerweise können sich werdende Mütter auf das Ereignis monatelang vorbereiten. Daher empfahl die Klinik den Eltern das Projekt „Frühe Hilfen – Schritt für Schritt“. Familien können sich dort auf Wunsch Rat und Hilfe bei Fachfrauen holen. So kam Sozialpädagogin Ines Ring zu Beginn einmal in der Woche, später seltener, zu Rohlands nach Hause, gab dem Paar Tipps und half den beiden, sich mit Elias einzugewöhnen. „Es war einfach jemand da, den man fragen konnte, das war gut“, sagt die junge Mutter dankbar. Zumal sie und ihr Mann kein familiäres Umfeld vor Ort haben, wo sie Hilfe erwarten könnten.

„Es war einfach jemand da, den man fragen konnte, das war gut“ Annika Rohland, junge Mutter

„Es hat wunderbar geklappt“, meint Ines Ring und lobt, wie sich die Eltern aus Otterwisch flugs auf das neue Leben einstellten. Annika Rohland stillte Elias sechs Monate voll, das Paar kam rasch mit dem Baby-Rhythmus klar, veränderte die Wohnung entsprechend. „Normalerweise hätten wir uns gar nicht kennen gelernt, in dieser Familie verläuft alles sehr harmonisch“, so die Sozialpädagogin. Wegen der unbemerkten Schwangerschaft sei die Hilfe jedoch sinnvoll gewesen. Schön fand sie auch, wie der Vater sich einbrachte.

Immer wieder stellt sie fest, wie wesentlich es für Frauen ist, wenn sie das Kind und die Verantwortung für eine Weile mal weiter geben können – idealerweise an den Vater. „Es ist wichtig, dass eine junge Mutter auch auf sich selbst achtet und sich eine Auszeit gönnt“, sagt die 56-Jährige, die sich als „Begleiterin für eine gewisse Zeit“ sieht.

Derzeit betreut sie 14 Familien bei den Frühen Hilfen, quer durch alle sozialen Schichten. Nur in drei Familien lebt der Vater mit im Haushalt. Alleinstehende Frauen, oft mit mehreren Kindern, seien häufig überfordert. Die Pädagogin versucht ihnen zu helfen, den Alltag besser zu strukturieren, zu überlegen, wer wann mit helfen kann. „Sortieren ist ein Lieblingswort von mir“, sagt sie. Auch bemühe sie sich, junge Eltern stark zu machen, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Der Einfluss der Medien sei so gewaltig, es gebe jede Menge Ratgeber und Meinungen – aber am Ende würde dies manchen mehr verunsichern als wirklich helfen.

„Ein Vorteil ist, dass wir oft schon mit Schwangeren arbeiten“ Ines Ring, Sozialpädagogin

Die Arbeit bei den Frühen Hilfen bezeichnet sie als die „schönen Fälle“, hier gehe es nicht um Problemfamilien. Vielmehr werde versucht Unterstützung anzubieten bevor es wirklich zu Schwierigkeiten kommt. „Ein Vorteil ist außerdem, dass wir oft mit Schwangeren arbeiten“, betont sie. In dieser Zeit könnten viele Fragen und aufkommende Probleme vorab geklärt werden, was Mutter und Kind sehr gut tun würde.

Seit 2013 betreut Anke Thomas, Koordinatorin des Netzwerks für Kinderschutz und Frühe Hilfen, das Projekt. Die 35-Jährige betont, dass dieses Angebot rein freiwillig ist. Im Laufe der Jahre sei es immer bekannter geworden und werde gut angenommen. Familien melden sich zunehmend selbst, oft erhalten sie den Kontakt von Beratungsstellen oder Kliniken. Der Landkreis arbeitet hier mit drei Sozialpädagogen und zwei Familienhebammen vom Internationalen Bund, einem freien Träger, zusammen. Es gibt eine hundertprozentige Förderung von der Bundesregierung. 63 Familien werden derzeit betreut, zwölf stehen auf der Warteliste, so Thomas. Sie brauche für das Projekt keine Werbung, wünsche sich aber trotzdem, dass Kinderärzte doch noch mehr Eltern darüber informieren, denen eventuell der Besuch einer Fachfrau gut tun würde.

Maximal anderthalb Jahre werden Familien in dem Projekt betreut, schon in der Schwangerschaft und bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Die Resonanz sei gut. Auf Fragebögen sagen Mütter zum Beispiel, dass sie selbstbewusster und überhaupt sicherer geworden sind. Beispiel: „Wir gehen nicht immer gleich wegen jedem ,Wehwehchen’ zum Arzt beziehungsweise ins Krankenhaus – nur noch im Notfall.“ Auf die Frage, warum sie sich für das Projekt entschieden haben, schrieben Mütter zum Beispiel: „Da es mein erstes Kind ist und ich die Hilfe sehr gut gebrauchen konnte.“ – „Da ich Angst hatte, ob ich das mit einem Kind durchstehe.“ Oder: „Ich und mein Partner waren uns nicht immer einig, was das Kind anging.“

Kontakt Projekt „Frühe Hilfen – Schritt für Schritt“: Anke Thomas, Koordinatorin Netzwerk für Kinderschutz und Frühe Hilfen, Landratsamt Landkreis Leipzig, Außenstelle Grimma, Haus 2, Zi. 2.314, Karl-Marx-Straße 22, Telefon 03437 / 984 23 52, Mail: anke.thomas@lk-l.de

Von Claudia Carell

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