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Borna Schöne Eiche in Borna wird gefällt
Region Borna Schöne Eiche in Borna wird gefällt
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17:07 16.01.2019
Anwohner sind traurig und wütend: Die letzten Stunden dieser Eiche in Borna-Nord sind angebrochen. Quelle: André Neumann
Borna

Seit Mittwoch wird in der Semmelweisstraße in Borna-Nord einer der vielleicht schönsten Bäume von Borna gefällt. Die Eiche mit einem Stammdurchmesser von rund zwei Metern und einer außerordentlich weit ausladenden Krone muss zwei Stadtvillen weichen, die die Bornaer Wohnbau- und Siedlungsgesellschaft (BWS) hier ab dem Frühjahr bauen will.

Die Mitarbeiter des Bad Lausicker Gartenbauunternehmens Scholz, die schon in den vergangenen Tagen auf dem Areal mehrere kleinere Bäume gefällt haben, spüren den Ärger der Anwohner. Sie wurden angesprochen und fanden einen Zettel an der Eiche, der auf die besondere Schönheit diese Baumes hinwies.

Die Bornaer Wohnbau- und Siedlungsgesellschaft (BWS) lässt seit Mittwoch Bornas vielleicht schönsten Baum fällen

Gartenbauer müssen Baum stückweise zersägen

„Schade, dass dieser Baum weg muss wegen ein paar Parkplätzen“, sagt sogar einer der Arbeiter, der unter dem Baum Äste und Zweige auf einen Haufen schichtet. Denn diesem Baum ist nicht mit einem Schnitt durch den Stamm beizukommen. Aus dem vergleichsweise kurzen Stamm ragen in alle Richtungen selbst wieder baumstarke Äste empor. Die werden einzeln und stückweise gekürzt, ehe die Säge an den mächtigen Stamm angelegt werden kann. Bis Freitag hat die Firma Zeit.

Stück für Stück wird die mächtige Eiche herunter geschnitten. Quelle: André Neumann

Christa Reichmann muss einen Tag nach ihrem 82. Geburtstag zuschauen, wie der „Traum von einem Baum“, wie sie sagt, gefällt wird. Sie war 1961 eine der ersten, die in die damals neuen Wohnblöcke einzog und sagt, „uns blutet das Herz“. Auch Brigitte Kupper wohnt seit 59 Jahren in der Semmelweisstraße. „Die Leute kamen aus der Stadt, um diesen Baum zu fotografieren“, sagt sie, mehr entrüstet als traurig. Eine Nachbarin sei so entsetzt, dass sie jetzt am liebsten ausziehen würde.

Anwohnern kommen die Tränen

Nicht nur die alteingesessenen Bewohner verstehen nicht, wieso dieser Baum gefällt wird. Eine Frau, die seit zwei Jahren hier wohnt, fragt auf der Straße schluchzend, ob die Eiche jetzt wirklich wegkomme. „Ich finde das so furchtbar“, sagt sie, und dabei kommen ihr die Tränen. Marcel Limbecker, der seit zwei Jahren regelmäßig bei seiner Lebensgefährtin in der Semmelweisstraße lebt, berichtet: „Jeder, der uns besuchte, bestaunte diesen Baum.“

Derweil machen wilde, unbestätigte Spekulationen die Runde. Der Baum soll tatsächlich nur weichen, weil Platz für Parkplätze gebraucht werden. Limbecker habe gehört, dafür sollen dann die Parkplätze an der Straße wegfallen. Was für viele Bewohner von Blöcken der Bornaer Wohnungsgenossenschaft (BWG) besonders ärgerlich ist: Der Baum steht nur knapp vor der Grenze zum BWG-Grundstück, dort hätte die BWS ihn nicht fällen lassen dürfen.

Eines der letzten Bilder des noch unversehrten Baumes. Quelle: André Neumann

Seitens des Bauherren und Auftraggebers BWS räumt Geschäftsführer Jan Czinkewitz ein, dass es sehr schade um den Baum sei. Er begründet die Notwendigkeit mit einer Abwasserleitung, die direkt an den Wurzeln entlang laufe und deswegen in Gefahr sei.

Landratsamt rechtfertigt das Vorgehen

Aus Sicht des Landratsamtes gebe es keine Möglichkeit, gegen die Fällung vorzugehen. Laut Behördensprecherin Brigitte Laux sei ein Gutachten angefertigt worden, wonach keine artenschutzrechtlichen Bedenken bestehen würden, wie das etwa bei einem Höhlenbaum oder Nistplätzen für Fledermäuse der Fall wäre. Der BWS bescheinigt sie, sich hinsichtlich des Umweltschutzes sehr korrekt verhalten zu haben. Weil die Stadt Borna keine Baumschutzsatzung habe, habe das Unternehmen sich frühzeitig wegen des Baumes an das Landratsamt gewandt.

Kommentar: „Man muss Bäume wollen“

Von André Neumann

Es trifft immer die Schwachen. Bäume sind schwach, sie können sich nicht wehren. Wem sie im Weg stehen, der kann sie einfach umhauen. In den meisten Fällen muss nicht mal jemand gefragt werden.

Noch leichter wurde das Bäume fällen in Sachsen seit 2010. Der Landtag liberalisierte damals den Umweltschutz in der Weise, dass Grundstückseigentümer fortan leichter genehmigungsfrei die Säge ansetzen durften. Etliche Kommunen stampften daraufhin gleich ihre Baumschutzsatzungen ein.

Die Stadt Borna hat ein solches Regelwerk nicht. Gäbe es das, womöglich wären die Hürden, die weit ausladende, geliebte und bewunderte Eiche in der Semmelweisstraße für ein paar Parkplätze zu fällen, höher gewesen. Ob er gerettet worden wäre, steht in den Sternen.

Das fehlende Regelwerk ist auch gar nicht das Problem. Schlimm ist die leider verbreitete – und durch die damalige Gesetzesänderung schleichend forcierte – Denkweise, wonach ein Baum immer entbehrlich ist, wenn es um Häuser, Parkplätze, Straßen und so weiter geht.

Warum werden die Prioritäten nicht anders gesetzt? Dieser Baum hier war mindestens ortsbildprägend, für viele gehörte er zur Wohn- und Lebenskultur. Anderswo werden solche Bäume in Parks und Gärten als Sehenswürdigkeit gepriesen. Kann es nicht sein, dass die künftigen Bewohner der Millionen teuren Villen einen solchen Baum samt Vögel vor dem Balkon sogar geschätzt hätten, auch wenn der Weg zum Auto dafür ein paar Meter weiter gewesen wäre? Findigen Planern wäre gewiss eine Variante eingefallen, bei der dieser Schatz nicht nur bewahrt, sondern integriert worden wäre.

Doch das muss man wollen.

Von André Neumann

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