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Borna Verwachsen mit der Heimat
Region Borna Verwachsen mit der Heimat
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00:18 03.04.2017
Fritz Leistner ist einer der letzten Zeitzeugen, die über das Dorf der bekannten Feldgemüsebauer erzählen können – der 88-Jährige tut dies gern und hat dazu viele Fakten und Anekdoten gesammelt. Quelle: Andreas Döring
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Borna

Jede Straße, jedes Haus, jeder Name in seinem Dorf atmet für Fritz Leistner Erinnerung und Geschichte. Der 88-Jährige steht an einem verfallenen Grundstück der Leipziger Straße. Als er ein kleiner Junge war, sah es hier ganz anders aus. „Da sind sie mit ihren Pferdegespannen raus gefahren, irgendwie hat man das alles immer vor sich.“

Altstadt Borna und Wenigenborn

Die Stadt Borna bestand ursprünglich aus drei Siedlungskernen. Das war neben der 1228 erstmals erwähnten planmäßig angelegten Marktniederlassung Borna (seit 1264 Stadt) die östlich des Mühlgrabens gelegenen Orte Altstadt Borna und Wenigenborn. Letzgenanntes, in der Frühzeit auch als Wendisch-Born bezeichnet, ist die älteste der drei Siedlungen. In dem Ort existierte zwischen 936 und 1307 ein Augustiner-Chorherrenstift.

Seit dem 16. Jahrhundert bildeten die durch den Saubach getrennten Orte Altstadt Borna und Wenigenborn eine rechtliche Einheit, die dem Amt Borna unterstand. Im Ort befand sich das Amtsgefängnis. Im 18. und 19. Jahrhundert bezeichnete man Altstadt Borna auch als Vorstadt, die vor allem bekannt war durch ihren Feldgemüseanbau. In den 1930er-Jahren wurden beide Orte dann nach Borna eingemeindet. Der Ortsteil Abtei, der zu Wenigenborn gehörte, wurde in den 1960er-Jahren wegen des Tagebaus ausgesiedelt und abgebaggert.

Er wuchs in einer Familie mit fünf Kindern auf. Die Großeltern hatten eine kleine Landwirtschaft. Viehkastrierer, Jungviehhändler und Hausschlächter hießen die Berufe von Vater, Großvater und Onkel. Sie arbeiteten eng mit den Bauern zusammen, die den Ort bekannt machten. Fünf bis zehn Hektar gehörten einst zu jedem der Gehöfte. Feldgemüse wurde vor den Toren Bornas angebaut, vor allem Zwiebeln. So kam es zum Namen Zwibbel-Borne. Aber auch Möhren, Gurken, Meerrettich, Kohlrabi und rote Rüben wuchsen zahlreich. Großhändler siedelten sich an, die Eisenbahn transportierte sogar Mengen von Gemüse in die Ferne.

Männer von auswärts hatten bei Altstädter Mädchen kaum eine Chance

Als „Schulmeester“ arbeitete Leistner jahrzehntelang. Er kannte nahezu alle Familien im Dorf und lobt heute noch: „Die Altstädter waren schulfreundlich. Sie kamen vorbildlich zum Elternabend. Und beim Elterngespräch zu Hause war der Lehrer immer willkommen, auch wenn’s mal um unangenehme Dinge ging.“ Als er in Rente ging, begann er die Geschichte seines Ortes, die sich so rasant änderte, aufzuschreiben.

Der Tagebau hatte viele Felder der Bauern geschluckt, die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) beendete die Existenz der Kleinbetriebe. Damit änderte sich das Leben im Dorf grundlegend. Bauerngehöfte und Handwerksbetriebe schlossen, Menschen verließen die Heimat, Großfamilien lebten nicht mehr zusammen. Über die Feldgärtner erzählt auch eine Ausstellung im Bornaer Stadtmuseum. Sie zeigt alte Feldgeräte und berichtet über den „Kult um die Zwiebel“. 2002 veröffentlichte der Heimatverein Bornaer Land Fritz Leistners umfangreiche Recherche „Altstädter Erinnerungen“.

Seitdem hat er weiter gesammelt, aufgeschrieben und erzählt gern davon. In der vergangenen Woche stand er beim Themenabend des Heimatvereins im Goldenen Stern am Rednerpult. Der Saal war voll, die Altstädter neugierig auf die Geschichten. Diesmal ging es um Namen. Es war im Dorf üblich, dass die Mädchen und Burschen ihre Partner fürs Leben nicht sonst wo suchten, sondern in Altstadt Borna. „Männer von außen hatten selten eine Chance“, sagt der Heimathistoriker. So kam es, dass „die halbe Altstadt untereinander verschwägert“ war und es oft die gleichen Namen gab.

Post-Schulze, Ochsen-Kluge und „Bläker“

Einst zählte man zehn Familien mit dem Namen Ludwig. Auch Schulze, Kluge, Seifert, Brause und Müller kamen oft vor. Um die vielen Leute mit gleichem Namen auseinander zu halten, fügten die Bewohner etwas Charakteristisches hinzu: Brause in der schwarzen Gasse, Nordstraßen-Ludwig, Park-Seifert, Ochsen-Kluge, Post-Schulz, Bahn-Pertermann. Auch gab es den „Bläker“, weil er so laut war, oder den „Pieper“, weil er eine hohe Stimme hatte.

Die einst typischen Namen schrumpften, einige sind schon ausgestorben. Der Altstädter bedauert jeden Fall in den vielen Familiengeschichten, die er kennt: „Es ist schon traurig, wenn der einzige Bauernsohn im Krieg bleibt und die Tochter woanders hin heiratet, dann gibt es den Namen im Dorf nicht mehr.“ Er leidet mit jedem Haus, das verfällt, „da fühlt sich keiner verantwortlich, leider“. Er schimpft auf die verkehrsreiche und laute Straße, die seine einst so ruhige Siedlung durchschneidet: „Das ist ein Alptraum, wir sind Autobahnzubringer geworden!“

Trotzdem: Die „Bornsche Altstadt“ entlang der Leipziger Straße in Richtung Zedtlitz ist seine Heimat, damit ist er fest verwachsen, und darüber lässt sich noch viel erzählen. Einen nächsten Vortrag bereitet Leistner derzeit vor. Darin soll es um die Sprache der Feldgemüsebauern gehen, „hier wurde typisch Altstädtisch gesprochen“. Zum Beispiel bedeutet „alleweile“ zur Zeit und „funschens“ völlig. Auch eine amüsante Kuchenränderstory vom einstigen Lieblingsbäcker soll die Zuhörer erheitern.

Das gilt ebenso für sein Theaterstück, das er für die Mundartbühne Borna geschrieben hat, deren Leiterin im Dorf lebt. Fünf Szenen gibt es bereits. Keine Fiktion, sondern amüsante Begebenheiten aus seiner Kindheit in sächsischer Mundart. Dabei geht es zuweilen deftig zu. Fritz Leistner feixt, er ist gespannt, wie seine eigene Geschichte und damit die des Dorfes Altstadt Borna auf die Bühne kommt.

Von Claudia Carell

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