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Von Frohburg getrieben: Guntram Vesper und seine unendliche Lesereise

Literatur Von Frohburg getrieben: Guntram Vesper und seine unendliche Lesereise

Die vierte Auflage liegt in den Buchhandlungen. Verleger Klaus Schöffling ist in Verhandlung über Auslandslizenzen. Guntram Vesper, der Autor des „Frohburg“-Romans ist vom Erfolg überwältigt. Im September soll ein Band mit Prosa von Vesper erscheinen.

Guntram Vesper liest in der Frohburger Bau- und Möbeltischlerei Graichen vor Hunderten Menschen aus seinem Roman „Frohburg“.

Quelle: Jens Paul Taubert

Frohburg. Die vierte Auflage liegt in den Buchhandlungen. Verleger Klaus Schöffling ist in Verhandlung über Auslandslizenzen. Guntram Vesper, der Autor, reist mit seinem „Frohburg“-Roman, seine Frau Heidrun an der Seite, quer durch Deutschland, um zu lesen. Dass seine Lesungen zweifellos überall gut besucht, mitunter sogar ausverkauft sind, ist für den 76-jährigen Romancier ein ungekanntes Glück, eine Motivation.

Ein gutes Jahr nach Erscheinen des mehr als 1000 Seiten starken und vielbeachteten Werkes, das über Frohburg und symbolisch über atemlose, an Brüchen reiche deutsche Geschichte erzählt, kommt Vesper dazu, innezuhalten, zu sichten. Und hat vom Schwung, den der Preis der Leipziger Buchmesse für „Frohburg“ verlieh, noch immer zehrend, längst Neues in den Blick genommen: die Edition seiner gesammelten Prosa und Lyrik. Erstere erscheint im September. Auf dem Titel erneut eine Zeichnung von der Hand des Autors: den Blick aus dem Kinderzimmer am Frohburger Markt hinüber zur Michaeliskirche. Denn Frohburg ließ ihn nie los.

„In Wien kamen nicht alle, die es eigentlich wollten, zur Lesung hinein. Autogramm-Jäger lauerten draußen auf mich. Das habe ich noch nie erlebt.“ Das Staunen in Guntram Vespers Stimme ist deutlich zu hören, wenn er über den Erfolg seines Romans „Frohburg“ spricht. Über einen Erfolg, der ihn mehr als 65 Mal öffentlich lesen ließ aus diesem Konvolut von Geschichten und Geschichte, einmal vor mehreren Hundert Zuhörern vergangenen Jahres unmittelbar am Dreh- und Angelpunkt seiner Biografie und dieser literarischen Zeitnahme.

Im Sommer 2009 hatte er – ausdrücklich für sich selbst – sein Lebens-Werk zu fügen begonnen, hatte erst 2014 Verleger Klaus Schöffling ins Vertrauen gezogen. Hatte mit ihm – in plötzlicher Dynamik des Geschehens – die vielleicht 1400 Blätter auf rund 1000 konzentriert. Die Auszeichnung des Romans nach der Premiere auf der Leipziger Buchmesse im vorigen Jahr krönte diesen Prozess. Mit dem Erich-Loest-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig kam eine Auszeichnung hinzu, die Vesper auch emotional nahe geht, war er doch mit dem Leipziger Autor befreundet – und lässt ihn als einst jungen Schriftsteller in „Frohburg“ lesen.

Die 350, vielleicht 400 Seiten, die ungedruckt blieben – „ich habe nie wieder angeschaut, was der Verleger gestrichen hat“, sagt er im LVZ-Gespräch. So wie er für die Niederschrift des Romans kaum auf die Frohburg-Protokolle zurückgriff, die er – längst schon im Westen – in den siebziger Jahren nach Gesprächen mit den Eltern notierte, wohl in Hast und der Furcht zu vergessen.

Was er statt dessen nutzte, waren Briefwechsel, die er vor allem in den achtziger Jahren mit Menschen in Frohburg und der Region unterhielt, Menschen, die seine Recherchen begleiteten und sich dafür – das wurde später offenbar – Einträge in Dossiers einhandelten, die die Staatssicherheit anlegte. Für diese Unterstützung ist Vesper dankbar. Sie schloss Lücken, die ihm – der als Jugendlicher 1957 mit seinen Eltern die DDR verließ – zu füllen nur schwer möglich gewesen wäre.

Unter den Hunderten Briefen, die den Autor in den vergangenen Monaten in seinem Wohnort Göttingen erreichten, waren einige aus Frohburg, aus dem Landstrich zwischen Leipzig und Chemnitz. Alle zu sichten, gar zu beantworten, sei ihm nicht gelungen, sagt er. Was ihn überrasche und bestätige: Verrisse habe er in diesen Reaktionen nicht gefunden. Vielmehr fanden Leser Anknüpfungspunkte zur eigenen Biografie. Dass ein In-Beziehung-Setzen eines Gedichtes von Peter Huchel und ihm selbst es in Sachsen und anderen Bundesländern zu einer Abiturprüfung brachte, verdutzte ihn dann doch.

„Wie viele Exemplare von Frohburg verkauft wurden – ich weiß es nicht, frage da auch nicht nach, damit ich mich nicht darauf fixiere“, sagt er. Dass er nach Lesungen inzwischen Hunderte verkaufte – „bei der Dicke und dem Preis“ –, nimmt er als Zeichen dafür, dass sein Roman als literarischer Kosmos begriffen wird: „Zwischen den Reaktionen in Ost und West spüre ich da keine relevanten Unterschiede.“

„Nördlich der Liebe, südlich des Hasses“, unter dem Titel des 1979 erschienenen Romans, fasst Schöffling jetzt Guntram Vespers Prosa zusammen. Der Band soll im September vorliegen. Für 2018 ist die gesammelte Lyrik in Vorbereitung. Dass in beiden Büchern Frohburg und das Süd-Leipziger Umland immer wieder aufscheint, kann nicht überraschen.

Von Ekkehard Schulreich

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