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Borna Warnstreik mit Torte in Borna: Lehrer frühstücken, Schüler spielen
Region Borna Warnstreik mit Torte in Borna: Lehrer frühstücken, Schüler spielen
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17:46 19.05.2015
Die Lehrer der Grundschule Borna West beim Streikfrühstück. Sabine Döge (2. v. r.) hat Kuchen gebacken - mit der Forderung in Sahne obendrauf. Quelle: Jakob Richter

Stille im Gebäude. Kein Kindergeschrei füllt die Flure. Im Lehrerzimmer eine Kaffeerunde. Wie sonst auch, nur länger. Kein Stundenklingeln treibt die Kollegen hoch. Sie schenken sich nach, schmieren Brötchen. Kunstlehrerin Sabine Döge schneidet einen gelb-grünen Kuchen an. Die Streiktorte. 6,5 steht mit Sahne auf das Gebäck geschrieben, ein Pfeil zeigt nach oben. Irgendjemand hat chinesische Glückskekse mitgebracht. Anett Walther, Lehrerin der 2a, packt einen aus und liest auf dem Zettel: "Alles ist machbar". Die Runde ist sich einig: Das kann als Motto des Tages so stehen bleiben.

Dieser Montag an der Grundschule Borna West ist ein Streiktag. Wie in allen anderen Schulen Bornas und des Schulbezirkes Leipzig auch. Viele Kollegen sind morgens mit Bussen nach Dresden gefahren, um vor dem Finanzministerium für ihre Forderungen zu demonstrieren. Die Lehrer von Borna West frühstücken gemeinsam. Sie sind noch etwas vorsichtig. Nicht die routinierten Arbeitskämpfer. "Wir streiken zum ersten Mal", gesteht Anett Walther. Viele haben bisher aus Rücksicht auf die Schüler verzichtet. Nun frühstücken sie. Arbeitskampf mit Torte. Zehn der zwölf Kollegen bleiben dem Unterricht fern. Acht sitzen im Lehrerzimmer, zwei sind mit nach Dresden gefahren.

"Ich bin froh, dass so viele Eltern eine eigene Betreuung für ihre Kinder gefunden haben", sagt Schulleiterin Waltraud Voigt. Von 180 Schülern aus neun Klassen müssen nur 13 betreut werden. Das hätte die Chefin notfalls auch übernommen. Doch zwei nicht streikende Kollegen und zwei Referendarinnen sind genug. Waltraud Voigt sitzt in ihrem Kämmerlein und arbeitet Sachen auf, die an normalen Tagen liegen bleiben. Kurz sieht sie in den Klassenraum, in dem betreutes Spielen auf dem Plan steht. Zwei Jungs haben ihre Matchbox-Autos auf einem Tisch aufgereiht. Mädchen malen, ein Junge klickt auf einer Spielekonsole. Andere simulieren mit Star-Wars-Figuren den Krieg der Sterne. Von draußen, vom sonnigen Schulhof klingen einzelne Kinderstimmen. Zwei Jungs wollten an die Luft, werden beaufsichtigt von zwei Lehrern. Was für ein Verhältnis.

Auch darum geht es den Lehrern mit ihrem Ausstand. Doch zunächst stehen da mal die 6,5 Prozent mehr Gehalt. "Unsere Schüler bringen bei vielen Leistungsvergleichen die besten Leistungen, wir verdienen aber bundesweit am wenigsten", sagt eine Kollegin. Mit 28 Wochenstunden arbeiten Sachsens Grundschullehrer aber so viel, wie sonst keine Kollegen. Dazu Unterrichtsvorbereitung, -nachbereitung, Und dann diese willkürliche Eingruppierung in die Tarifgruppe. Das sei völlig unakzeptabel. "Wir liegen drei Gehaltsgruppen unter den Bayern", weiß einer aus der Runde. Gabriele Gruber hat mal in Leuna, also in Sachsen-Anhalt, unterrichtet - "da habe ich einige hundert Mark mehr bekommen". Ihr Kollege Olaf Kämpfner verweist auf die Nähe der Bornaer zu Thüringen: "Zehn Minuten Fahrzeit von hier Richtung Altenburg und schon wird man als Lehrer ein Beamter." Empörung mischt sich in das Frühstücksklima. Die Arbeit werde immer umfangreicher. Manche Lehrer unterrichten an drei Grundschulen gleichzeitig. Nun werden noch zwölf Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf betreut. Fachkräfte gibt es keine dafür. Ein Murren auch nicht. Sie kümmern sich darum. Weil es nötig ist.

Sie bestehen auf der Gehaltserhöhung auch, weil sie eine Anerkennung für ihre Arbeit wollen. Nachträglich. "Lehrer leben von ihrem Status", erklärt Olaf Kämpfner. Der sei nicht der beste. Das wirke sich auf den Umgang mit Schülern und Eltern aus. Und es führe dazu, dass Lehramtsabsolventen nicht in Sachsen bleiben. Weil sie es anderswo besser haben. Petra Wagenknecht kämpft deshalb auch um bessere Konditionen für junge Lehrer. Sie wird einundsechzig, unterrichtet seit vierzig Jahren an der Schule und streikt nun zum ersten Mal. Damit die jungen Kollegen es mal besser haben. Sie war immer gerne Lehrerin und versuchte sogar schon, ihre Enkel für den Beruf zu begeistern. "Was Omi, an einer Schule sollen wir arbeiten?", haben die zurückgefragt und erklärt: "Lehrer wollen wir nicht werden. Das ist doch nicht schön."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.03.2013

Andreas Friedrich

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