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„Warum Konzerte abgesagt wurden, müssen Orchester selbst beantworten“

Nordsachsens Landrat Emanuel im Interview „Warum Konzerte abgesagt wurden, müssen Orchester selbst beantworten“

Es ist kein Geheimnis, dass das Interesse am Erhalt der Kulturraumorchester in den Kreisen Leipzig und Nordsachsen unterschiedlich stark ist. Der Torgauer Landrat Kai Emanuel (parteilos) zu den Problemen bei der Finanzierung von Leipziger Symphonieorchester und Sächsischer Bläserphilharmonie.

Die Diskussion um die Finanzierung des Leipziger Symphonieorchesters (im Bild) und der Sächsischen Bläserphilharmonie dauert an.

Quelle: Andreas Döring

Torgau/Borna. Es ist kein Geheimnis, dass das Interesse am Erhalt der beiden Kulturraumorchester in den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen unterschiedlich stark ist. Das dürfte am Donnerstag auch bei der Sitzung des Kulturkonvents des Zweckverbands Kulturraum Leipziger Raum deutlich werden, dessen Mitglieder die zwei Landkreise sind. Der nordsächsische Landrat Kai Emanuel (parteilos, CDU-Mandat) äußert sich im LVZ-Interview zu den Problemen bei der Finanzierung des Leipziger Symphonieorchesters (LSO) und der Sächsischen Bläserphilharmonie.

Wie stehen die Chancen, dass der ausgehandelte Kompromiss in Sachen Orchesterfinanzierung – und Finanzierung der Musikschulen mit den jeweiligen Landkreismitteln – in Nordsachsen doch noch eine Mehrheit findet?

Dies kann ich nicht beantworten. Im Übrigen handelt es sich hierbei weniger um einen Kompromiss als um eine Finanzierungsvariante. Die grundsätzliche Frage, wie viel und welche Kultur wir in unserem gemeinsamen Kulturraum zukünftig unterstützen wollen, treffen die Kreisräte beider Landkreise. Gerade hierzu sehen unsere nordsächsischen Kreisräte weiteren Gesprächsbedarf. Alle sind gewillt, eine Lösung zu finden. Wie diese aussehen wird, das vermag ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu beantworten.

Werden Sie sich als Landrat, dem wie Ihrem Kollegen Henry Graichen 18.000 Unterschriften für den Erhalt der beiden Orchester übergeben worden sind, persönlich für die beiden Ensembles stark machen?

Landräte haben die Aufgabe, die Entwicklung ihrer Landkreise zum Wohle der Einwohner voranzutreiben. Kultur ist dabei wesentlich, und dafür engagiere ich mich auch! Sicherlich ist die Übergabe von 18000 Unterschriften für den Erhalt der Orchester ein starkes Bekenntnis. Allerdings haben beide Landkreise zusammen fast eine halbe Million Einwohner, von denen sich sehr viele in Kulturvereinen und Projekten in allen Städten und Gemeinden ehrenamtlich engagieren, die auch gefördert werden. Für mich steht es deshalb außer Frage, dass auch diese eine Stimme haben, ohne Unterschriften gesammelt zu haben. Ich denke deshalb, dass es viel zu kurz gegriffen ist, wenn wir immer nur über die Orchester sprechen. Diese haben einen Stellenwert, und deshalb werden diese auch im Gesamtkontext betrachtet.

Gibt es Punkte, mit denen die beiden Orchester selbst in Nordsachsen für sich werben können?

Wenn wir mit öffentlichen Steuermitteln Kulturschaffende unterstützen, muss diese Kultur die Einwohner unseres Kulturraumes erreichen. Die Frage, warum in Nordsachsen Konzerte wegen mangelnden Interesses abgesagt werden mussten, müssen die Orchester in erster Linie selbst beantworten! Bei diesen liegt die Verantwortung für deren Arbeit, auch deren Marketing und Werbung! Ich kann nur sagen, dass die nordsächsischen Bühnen und Kulturhäuser jederzeit buchbar und bespielbar sind. Gern unterstützen wir im Rahmen des Machbaren!

Könnten Sie es verantworten, dass im schlimmsten Fall 40 Berufsmusiker arbeitslos werden, die schon aus Altersgründen kaum noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben?

Wir entscheiden nicht über die Schließung oder Nichtschließung eines Orchesters, das möchte ich ausdrücklich noch einmal betonen! Und deshalb kann diese Frage nicht im Mittelpunkt unserer Entscheidungen stehen. Es ist unser tägliches Geschäft, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen. Dabei sind sowohl die politische Dimension als auch die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen zu berücksichtigen. Es ist eine Abwägung, die nicht immer leicht ist und deren Ergebnis auch nicht immer allen gefällt! Es geht um die Mittel aller – das gilt es immer zu berücksichtigen.

Orchester-Streit: Kreistagsfraktionen im Norden gegen Kompromiss

Um Geld gehts am Donnerstag reichlich in der 3. Sitzung des Kulturkonvents im Zweckverband Kulturraum Leipziger Land. Ab 16 Uhr steht in Grimma (Landratsamt, Haus 2, Karl-Marx-Straße) unter anderem der Haushaltplan 2016 auf dem Programm. Nicht jedoch die strittige Finanzierung der zwei Kulturraum-Orchester ab 2017. Weil Nordsachsens Kreistag das brisante Thema von der Tagesordnung der heutigen Sitzung gestrichen hat. Die Vorlage ging nach kontroverser Diskussion im Kreisausschuss zurück in den Schul- und Kulturausschuss.

Etwa 700.000 Euro will der Landkreis Leipzig zusätzlich für das Leipziger Symphonieorchester (Sitz Böhlen) und die Sächsische Bläserphilharmonie (Sitz Bad Lausick) locker machen. Nordsachsen soll 300000 Euro dazugeben. Die Haken dabei: Der Kreis- tag beschloss schon im Vorjahr, den aktuellen Betrag nicht zu überschreiten. Und die Zuga- be ist schon verplant für die Kreismusikschule; deren Finanzierung aus dem normalen Kreisetat ist den Kreisräten zu heiß.

Doch lässt sie offenbar nicht nur das Geld kritisch mit dem Thema Orchester umgehen. „Ein Produkt, das nicht nachgefragt wird, gehört nicht auf den Verkaufstresen“, sagte der Doberschützer Bürgermeister Roland Märtz. In Bad Düben musste ein Kulturraum-Orchester-Konzert abgesagt werden, weil keine Karten verkauft wurden, fügte der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Kreistag hinzu. Wichtiger sei es, die kleinen Kulturangebote auf dem Land am Leben zu erhalten. Diese für Orchester zu gefährden, die niemand hören wolle, hält er für falsch. Michael Reinhard, Chef der Freien-Wähler-Fraktion, übte Kritik an den Sitzgemeinden der Orchester. Die würden weniger zur Finanzierung beitragen, als es der Sitzgemeindeanteil eigentlich vorsieht. Auch Heiko Wittig, Vorsitzender der Fraktion SPD/FDP/Grünen, betonte, wie wichtig es ist, mit den Kulturraumgeldern die vielen kleinen lokalen Angebote am Leben zu erhalten. Er regte einen neuen Blick auf die Dinge an. Schließlich werde ja nicht gekürzt – die Orchester hätten einen höheren Finanzbedarf signalisiert. „Man muss schauen, was geändert werden kann, damit das Geld reicht.“ Ein klares Bekenntnis zu beiden Orchestern forderte dagegen Die Linke im Kreistag. „Sie sind für Nordsachsen regional bedeutsam, auch wenn die Präsenz in Nordsachsen und die Besucherzahlen stark ausbaufähig sind“, erklärte Fraktionschef Michael Friedrich.

Trotz der Absage im Kreistag wird emsig hinter den Kulissen gesprochen. Ende Juni ist ein Orchester-Gipfel geplant.

Von Nikos Natsidis

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