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"Was soll denn noch passieren?"

"Was soll denn noch passieren?"

Das schönste Frühsommer-Wetter gab es am Freitag in Pegau. Bei der Einfahrt über die Leipziger Straße in die Innenstadt deutete kaum etwas auf die dramatische Flutsituation der vergangenen Tage hin.

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Pegaus Bürgermeister Peter Bringer (M.) informiert sich bei den Aufräumarbeiten in der Ratsziegelei.

Quelle: Mathias Bierende

Pegau. Allerdings steht auf umliegenden Flächen weiter das Wasser, ist in Teilen der Stadt noch längst kein normaler Zustand eingekehrt. "Zumindest ist seit dem Mittag wieder eine nahezu stabile Trinkwasserversorgung für die Probsteisiedlung und die Ratsziegelei hergestellt", sagte Bürgermeister Peter Bringer (62, parteilos) im LVZ-Interview über die von der Weißen Elster ausgelösten Katastrophe.

Frage: Herr Bringer, Sie scheinen in den vergangenen Tagen kaum geschlafen zu haben.

Peter Bringer: Das könnte sein. Wie viele andere auch.

Gab es einen Zeitpunkt, seit am Freitag der Vorwoche die Hochwassergefahr stark anstieg, wo Sie Angst um die Familie hatten?

Ich hatte richtig Angst um die ganze Stadt, als am Montag gegen 2 Uhr der Pegel seinen Höchststand erreichte. Als der Krisenstab von der Feuerwache in die höhergelegene Mittelschule umziehen sollte. Als uns die Stromabschaltung für die gesamte Stadt angekündigt wurde. Man hängt doch an jeder kleinen Sache. Die Leute haben doch mit Herzblut so viel geschaffen. Und dann kommt solch eine Welle auf die Stadt zu. So ein Hochwasser hat es in Pegau noch nie gegeben.

Welche Bereiche der Stadt hat es am schlimmsten erwischt?

Die Bundesstraße 2 wurde überspült. Das Wasser lief vor allem östlich der Elster in den Bereich Ratsziegelei, Töpfergasse und Auenstraße, dann auf der westlichen Seite in die Probsteisiedlung. Dort fehlten nur wenige Zentimeter bis zur einer Gasleitungsbrücke. Später schwappte es über den Deich in die Ortsteile Weideroda und Wiederau. Nur gut, dass der Deich verteidigt werden konnte. Außerdem trat der Elstermühlgraben in der Stadt über die Ufer. Unter anderem stand der Keller des Rathauses unter Wasser, so dass unsere Computerserver ausfielen; wir sind erst seit Donnerstag wieder am Netz. Das Zentrum war weitgehend trocken. Aber die Stadt war bis auf eine Zufahrt aus Werben komplett vom Verkehr abgeschnitten.

Hätte es eine frühere Warnung für die Bevölkerung geben müssen?

Wir hatten am Freitagmittag noch eine Wasserstandsmeldung der Landeshochwasserzentrale erhalten, die auf nichts Derartiges hinwies. Doch anhand der Pegelstände von Gera und Zeitz, wo in der Spitze dann bis zu 640 Kubikmeter Wasser pro Sekunde registriert wurden, mussten wir mit einem dramatischen Anstieg der Elster bei uns rechnen. Deshalb forderte ich das Landratsamt zur sofortigen Unterstützung und zur Ausrufung des Katastrophenalarms auf. Dort wurde zunächst auf Grimma verwiesen. Als ich erklärte, dass die Weiße Elster verrücktspielt, ging doch alles recht schnell. Nur so konnte noch Schlimmeres für unsere Stadt und Ortsteile verhindert werden.

Wie wurde auf die Zuspitzung der Lage reagiert?

Es gab eine enorme Einsatzbereitschaft der Bevölkerung, von Feuerwehren, Mitarbeitern der Stadt, dem Technischen Hilfswerk, von DRK und anderen Organisationen. Viele Freiwillige kamen von außerhalb, um uns zu unterstützen. Ich möchte ein herzliches Dankeschön an alle Einsatzkräfte und ehrenamtlichen Helfern für ihr unermüdliches Wirken aussprechen. Auch den Transport- und Baufirmen der Region, aber ebenso Bäckern, Fleischern und Gastronomen, die sich um die Versorgung von Betroffenen und Helfern kümmern, gilt mein großer Dank. Auch dass ein Fernseher zu den Evakuierten in die Schlosshalle gestellt wurde, hat geholfen.

Nennen Sie, bitte, einige Beispiele, wie Freiwillige geholfen haben?

Da gab es zahlreiche Aktionen. So haben die Einwohner eigenverantwortlich Durchlässe zur Stadt mit Sandsäcken und mehr geschlossen, etwa am "Engel". Sonst hätten wir das Elsterwasser auch direkt in der Innenstadt gehabt. Am Volkshaus haben junge Leute einen Damm gebaut, die Karnevalisten haben ihr Tanzsportzentrum am Schützenplatz gesichert. Und am Weiderodaer Deich waren etwa 250 Menschen und haben geholfen, obwohl der Zugang eigentlich massiv von der Polizei gesperrt war. Das waren auch vor allem Junge, die sich über Facebook verständigt hatten. Das widerlegt den Spruch, dass die Jugend heute nichts mehr taugt. Es macht Mut, wie die Menschen zusammenhalten und Nachbarschaftshilfe leisten.

Wie lief aus Ihrer Sicht die Koordination der Einsätze?

Ich denke, dass es im Großen und Ganzen gut funktioniert hat. Auch wenn es angesichts der Vielzahl von Brennpunkten und der großen Schar Freiwilliger, die dorthin verteilt werden mussten, nicht immer so wirkte. Aber die Entscheidungen, vor allem zur Evakuierung, waren richtig. Trotz Freischaltung war in vielen Häusern noch Strom, das war gefährlich. Rund 1200 Menschen mussten ihre Gebäude verlassen, etwa 600 in den Dörfern Weideroda, Großstorkwitz und Wiederau, weil der Damm zu brechen drohte, und die andere Hälfte in Pegau bis zur Elsterbrücke. Was nicht immer einfach war, viele wollten zu Hause bleiben. Da musste reichlich Überzeugungsarbeit geleistet werden, wobei auch der persönliche Kontakt des Bürgermeisters half.

Wie ist die aktuelle Lage?

Die Situation hat sich entspannt. Die Menschen durften ab Mittwoch in ihre Grundstücke zurückkehren. Der Strom konnte zwar noch nicht überall zugeschaltet werden. Zumindest ist seit dem Freitagmittag (gestern, d. A.) wieder eine nahezu stabile Trinkwasserversorgung für die Probsteisiedlung und die Ratsziegelei hergestellt. Das halte ich bei den jetzigen Temperaturen für sehr wichtig. Aber es wird in den nächsten Tagen noch viel Hilfe in Pegau benötigt. Nicht nur in der Ratsziegelei, wo die Häuser tief im Wasser standen und Öl aus einem KFZ-Betrieb auslief, müssen einem ersten Arbeitseinsatz von Freiwilligen weitere folgen. Am Sonnabendvormittag soll im Schulhort, dem am schwersten betroffenen kommunalen Objekt, mit dem Aufräumen begonnen werden. Das Ausweichquartier für die Hortkinder ist die Schule.

Sollen sich Helfer in der Stadtverwaltung melden?

Das ist sicherlich möglich, aber vielleicht ist es sogar günstiger, gleich zu den Betroffenen zu gehen. Das gilt auch für die Abgabe von Sachspenden. Firmen, die Unterstützung geben wollen, sollten sich ans Rathaus wenden.

Welche nächsten Aufgaben sehen Sie, für die Stadtverwaltung und darüber hinaus?

Da auch meine Mitarbeiter in den vergangenen Tagen sich nur um die Hochwasserprobleme gekümmert haben, müssen die Verwaltungsarbeit wieder aufgenommen und die Einrichtungen wieder in Betrieb genommen werden. Dazu gehört jetzt unbedingt unbürokratische Hilfe für die betroffenen Bürger, etwa die Auszahlung der Soforthilfe, die die Stadt erst mal vorschießt, ehe das Geld vom Bund kommt. Ganz wichtig ist mir aber auch, dass eine tiefgründige Auswertung des gesamten Ablaufs der letzten Tage erfolgt und die richtigen Schlüsse gezogen werden.

An welche denken Sie konkret?

Es müssen endlich die zwei lange geplanten Sperrwerke in der Region gebaut werden. Ein Wehr für den Elstermühlgraben vor Elstertrebnitz und eins an der Elster für Pegau. Die werden wir eindringlich fordern. Es gibt schon zig Analysen und Pläne bei der Landestalsperrenverwaltung, nun müssen endlich die Finanzierung und die Umsetzung her. Die Bürger haben kein Verständnis mehr, dass die Probleme hier nicht energisch angegangen werden. Die Weiße Elster hat bisher leider nicht den Hochwasserstatus genossen wie Mulde und Elbe. Das Ergebnis sehen wir jetzt. Was muss denn noch passieren? Der Freistaat muss zeigen, ob ihm Pegau und die Umgebung wichtig sind. Das Hochwasserschutzkonzept für unsere Region muss umgehend umgesetzt werden. Dazu gehört auch, dass die Dämme, die noch aus den 60er Jahren stammen, ertüchtigt werden. Nur gut, dass sie gehalten haben. Etwa von damals stammen auch die Pläne für ein Rückhaltebecken, das bisher nicht gebaut wurde. Und vor allem gilt es, beim Hochwasserschutz länderübergreifend zu arbeiten. Das Wasser macht nicht vor der Landesgrenze halt.

Letzte Frage: Wird es ein Fest unter dem Motto "Es ist geschafft" geben?

Gleich am ersten Tag habe ich aus dem Gefühl heraus im Notquartier Schlosshalle gesagt: Wenn das alles vorbei ist, machen wir ein Fest und sagen Danke. Noch ist es jedoch dazu viel zu früh. Und jetzt ist es genug: Ich muss wieder raus. Die Lage in Pegau lässt mir einfach keine Ruhe. Es gibt noch viel zu tun.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.06.2013

Olaf Krenz

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