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Wie ein Lokführer den Streik sieht

Wie ein Lokführer den Streik sieht

Manchmal wird er angepöbelt. Das muss der 48-Jährige aushalten. Er ist Lokführer und damit wohl Angehöriger der aktuell unbeliebtesten Berufsgruppe in Deutschland.

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Hut ab zum Streik: Auch in Borna traten die Lokführer in den Ausstand.

Quelle: Thomas Kube

Borna. Heiko Stadler (Name von der Redaktion geändert) hält sich mit seinen Kollegen in einem Raum auf dem Bornaer Bahnhof auf. Er steht hinter den Streikzielen der Gewerkschaft der Lokführer (GDL), deren Mitglied er ist. Und er weiß, dass die in der Öffentlichkeit keineswegs immer so rüberkommen, wie er und seine Kollegen sich das wünschen.

Damit sind weniger die fünf Prozent Lohnerhöhung und die Absenkung der Wochenarbeitszeit der Lokführer um drei Stunden sowie die Deckelung der Zahl der jährlichen Überstunden auf 50 gemeint. Stadler und seinen streikenden Kollegen geht es auch um die Behauptung der kleinen GDL gegenüber der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), sagt er. Während die EVG mit der Bahn sowohl für Zugbegleiter (von denen sie das Gros vertritt) als auch Lokführer (unter denen sie nur wenige Mitglieder hat) verhandelt und ihre Abschlüsse für beide Berufsgruppen gelten, gesteht die Bahn der GDL nur Abschlüsse für die Lokführer zu. Das aber wolle seine Gewerkschaft nicht, sagt Lokführer Stadler, der am Donnerstag an sich auf der S-Bahn-Strecke von Geithain nach Hoyerswerda unterwegs gewesen wäre. Was ihn und seine Kollegen außerdem stört: dass die Bahn der GDL zwar zugestanden hat, bei ihren Verhandlungen mit der EVG mit am Tisch zu sitzen, die GDL aber kein Stimmrecht hat. Bleibt die Frage, warum die GDL dieses Feld nicht einfach der EVG überlässt. Da hat Stadler eine klare Antwort. Die EVG sei als große Gewerkschaft weder in der Lage noch willens, die einzelnen Berufsgruppen wirkungsvoll zu vertreten. Die EVG fordere pauschal Lohnerhöhungen in einer bestimmten Höhe und kümmere sich nicht darum, dass das Einkommen der Mitarbeiter durchaus verschieden ist. Stadler: "Es ist ein Unterschied, ob jemand 1200 Euro rausbekommt oder 3000 Euro." Es sei wichtiger, zu differenzieren und für die unteren Lohngruppen andere Forderungen aufzustellen als für Besserverdienende. Für jemanden wie Stadler auch eine Frage der Solidarität.

Die hätten auch die streikenden Lokführer nötig, ist der Eisenbahner überzeugt. Auch, weil die Lokführer keineswegs für Spitzengehälter streiken. Im Schnitt kommt ein Lokführer auf ein monatliches Nettogehalt von 1800, 1900 Euro und etwa 200 bis 250 Euro Zulagen. Weshalb Stadlers Streikbereitschaft ungebrochen ist. Dabei leidet er privat unter dem eigenen Ausstand ebenso wie Hunderttausende Reisende bundesweit. Er erwartet den Besuch seines erwachsenen Sohns, und weil der, so wie es sich darstellte, auch nicht mit der Bahn zu seinen Eltern fahren kann, wird er ihn wohl mit dem Auto abholen. Und nicht nur das. Für die Streiktage bekommt Stadler nicht nur keinen Lohn von der Deutschen Bahn. "Für mich fallen auch Dienste weg", was sich in seiner Jahresarbeitszeit niederschlägt und die er deshalb nacharbeiten muss.

Dennoch wird er, sofern der Lokführerstreik nicht juristisch ausgehebelt wird, weiter streiken und dabei auch Unfreundlichkeiten verärgerter Bahnkunden in Kauf nehmen. Wobei Heiko Stadler festgestellt hat, dass sich mit den meisten Leuten reden lässt. "Und wenn wir dann unsere Probleme erklären, haben die meisten auch Verständnis dafür."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.11.2014
Nikos Natsidis

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