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Borna Wiederau – „Das weihnachtlichste Dorf“ im Landkreis Leipzig hat 37 Adventsfenster
Region Borna Wiederau – „Das weihnachtlichste Dorf“ im Landkreis Leipzig hat 37 Adventsfenster
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20:00 16.12.2015
Dieses Adventsfenster mit Frau Holle und der Goldmarie gestaltete Familie Pauli. Quelle: Jens Paul Taubert
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Wiederau

„Mami, guck mal, hier ist eine Barbie – ganz mit Gold!“ Das kleine Mädchen, warm angezogen und gut gelaunt, hüpft aufgeregt vor dem Adventsfenster auf und ab. Es ist die Nummer 14. Der verglaste Schaukasten zeigt neben dem goldenen Püppchen eine alte Frau, die ihre Betten ausschüttelt. Darunter steht eine Apfelbaum, die roten Früchte sind sorgsam in einen Korb gepackt. Auch liegen die Brote schon neben dem Backofen. „Das ist das Märchen von Frau Holle“, weiß das Mädchen schnell. Dann saust es mit den anderen Kindern auf den Hof von Doris und Gerd Pauli, die an diesem Abend in Wiederau zum Adventsfensterweg einladen.

Der Hausherr kümmert sich ums Feuer, das seine Gäste wärmen soll. Unter dem Carport stehen neben einem Weihnachtsbaum zwei Tische, geschmückt mit Tanne und Weihnachtssternen. Darauf dampfen Glühwein und Kinderpunsch, es gibt Fettbemmen, Leberwurstschnitten, saure Gurken und Schoko-Kugeln. Die ersten Besucher sind schon kurz nach 17 Uhr da, stehen beisammen, nippen am warmen Wein, schwatzen und lachen. „Ja, das ist eine schöne Tradition“, sagt Gerd Pauli. „Man sieht sich und redet. Sowas schweißt das Dorf zusammen.“ Der 62-Jährige zeigt lachend auf einen neuen Gast, der gerade in den Hof spaziert, und meint: „Der Erfinder!“

Dieter Frankenberg: „Das ist hier eine tolle Gemeinschaft, einer ist für den anderen da.“

Es ist Dieter Frankenberg. Vor zwölf Jahren wanderte er im Sommer durch ein 1200 Meter hoch gelegenes Bergdorf in der Schweiz. Da fiel ihm ein mit Eiszapfen geschmücktes Fenster auf. „Was ist denn das?“, wollte er wissen. So erfuhr der Wiederauer vom Adventsfensterweg, bei dem Familien im Ort vom 1. bis 24. Dezember ein Fenster schmücken und zum kleinen Umtrunk einladen. Schnell kam er auf die Idee, dies in seinem Dorf zu Hause zu probieren. „Ich dachte, wenn zehn oder zwölf Familien mitmachen und man sich alle zwei Tage trifft, wäre das doch schön“. Doch es gab gleich im ersten Jahr mehr als 24 Bewerber. So entstand die Tradition.

37 Familien gestalten diesmal in Wiederau je ein Fenster. Deshalb besuchen die Dorfbewohner an vielen Abenden zwei Häuser. Ein Höhepunkt war wieder der zweite Advent, als Karin Kalisch und die Kegelfreunde einluden. Sie bauten kleine Hütten auf, wo es viele Leckereien gab. Die Steppkes freuten sich über Puppentheater mit Pittiplatsch. Der Erlös des Abends ist für neue Spielgeräte im Dorf gedacht. Der Erfinder kann nicht genug loben: „Das ist hier eine tolle Gemeinschaft, einer ist für den anderen da.“ Es sei doch wunderbar, dass so viele Bewohner jeden Abend im Dezember einander besuchen. Überhaupt: Seiner Meinung nach sei Wiederau das „weihnachtlichste Dorf im Landkreis“. In der Tat glitzert und funkelt der Ort, fast jedes Haus ist aufwendig geschmückt.

Hannelore Weigel: „Man muss sich abends von der Couch erheben, kommt raus, macht ein Schwätzchen – ist doch schön!“

Knapp 350 Einwohner hat das Dorf. Hannelore Weigel kennt viele von ihnen. Dreißig Jahre lang arbeitete sie in der Kinderkrippe und fütterte so manchen kleinen Wiederauer, der nun schon lange erwachsen ist und selbst Kinder hat. Auch sie mag den Adventsfensterweg: „Man muss sich abends von der Couch erheben, kommt raus, macht ein Schwätzchen – ist doch schön!“ Fettbemmen, Pizza, Waffeln, Gehacktes-Schnittchen vom Grill – es gebe unterschiedliche Leckereien. Ihre Familie ist schon lange dabei. „Einmal“, so erinnert sie sich, „hat der Glühwein nicht gereicht, da mussten wir noch mal los und neuen holen.“ Der Grund war eine Sportgruppe von außerhalb, die spontan vorbei kam. „Ja, wer kann das ahnen?!“

Die Seniorin findet solche Veranstaltungen wichtig, genau wie die schönen Feste im Dorf oder das Engagement der Vereine. Sie selbst ist beim DRK. Die Mitglieder des Ortsvereins besuchen ältere Bewohner, denen es nicht so gut geht, oder organisieren Krankentransporte. All das gehöre doch zu einer Dorfgemeinschaft dazu. Weihnachten sei dabei eine besondere Zeit, „mit dem Adventsfensterweg und dem Heiligabend, wenn die Kirche voll wie nie ist und die Kinder das Krippenspiel zeigen“.

„Nomal!“ Der anderthalbjährige Toni lernt gerade sprechen und weiß ganz genau, was er will. Er schwenkt seine Nuckelflasche durch die Luft. „Nomal, nomal!“ Will heißen: Noch einen von diesem feinen warmen Kinderpunsch. Der muss ihm wirklich schmecken, es ist schon das dritte Fläschchen. Die Familie des Kleinen gehört zu den Neu-Wiederauern. Vor vier Jahren zogen sie ins Dorf, erzählt seine Mutter Nadine Meyer. „Es hat uns gleich gefallen, das Beste, was uns passieren konnte“, meint die 31-Jährige. Trotz Arbeit und Familienstress mit zwei kleinen Kindern engagiert sich das Paar, sie im Kulturverein, ihr Mann als Jugendwart bei der Feuerwehr. Beim Adventsfensterweg sei sie mindestens jeden zweiten Abend mit dabei, denn: „Das ist ein schöner Anlass, sich einfach mal zu treffen und zu reden.“

Von Claudia Carell

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