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"Wir sind alle überrascht worden"

"Wir sind alle überrascht worden"

Böhlen. Momentan ist für ihn nichts wie es war: Bis in die Nachtstunden sitzt Tomoshige Oikawa an seinem Rechner, um via Internet die furchtbaren Nachrichten aus der Heimat zu verfolgen.

. Und schon morgens vor der Arbeit telefoniert er mit seinen Verwandten. Der Japaner ist Solooboist im Westsächsischen Symphonieorchester. Unbeschwert Musik zu machen ist diesen schwierigen Tagen keine einfache Sache.

Was seine unmittelbaren Angehörigen angeht, gibt es zum Glück nur positive Nachrichten. Der Bruder seiner Frau wohnt in Sendai – einer besonders betroffenen Region. Nur acht Kilometer von der Küste entfernt. „Er lebt und auch das Haus ist in Ordnung", erzählt der in Leipzig lebende Musiker. Nur ein paar Kilometer weiter starben viele Menschen.

„Wir telefonieren täglich", sagt Oikawa. Auch der Kontakt zu seinen Schwiegereltern, die in der Hauptstadt Tokio leben, ist in diesen Tagen besonders eng. „Wir sind alle überrascht worden", sagt der Japaner und meint die zerstörerische Naturgewalt, die unerbittlich wütete. Und offenbar vor nichts Halt macht.

Die Atomkraftwerke beispielsweise seien in Japan, ein Land, das nicht auf eigene Ressourcen zurückgreifen kann, nie ernsthaft in Frage gestellt worden. Im Gegenteil. Sie galten als sicher. Sein Schwiegervater habe an einem Atomkraftwerk in Fukushima mitgebaut und immer betont, dass es nicht explodieren werde. „Ich hoffe, dass es so wird", sagt der 44-Jährige ernst. An die absolute Katastrophe, wenn die Reaktoren komplett zerstört würden, mag er nicht denken. Vielleicht werde man abstellen und umdenken, sinniert Oikawa in Anbetracht einer immer wahrscheinlicher werdenden atomaren Katastrophe. Tatsache ist: Auf Alternativen ist Japan nicht vorbereitet. Mit Windenergie könne es schwierig werden, habe er gehört. Ob die Informationsquellen japanischer Sender zuverlässig sind, weiß er natürlich nicht.

Seit vielen Jahren gehört Oikawa zum festen Stamm des Orchesters. Er würde gern in der Heimat helfen, aber momentan gehe das nicht. Anfang Juli wird der Japaner mit seiner Frau, die als Dolmetscherin arbeitet, in die Heimat fliegen und die Familie besuchen. Viel Zeit bleibe nicht, denn im August gibt der Oboist Solokonzerte in Yokohama und Tokio. Da muss vorher geübt werden.

Aus der Ferne kann er momentan nicht viel tun. „Wir sind traurig", sagt ein Mann, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet. Und dennoch an die Heimat denkt. Hochkonzentriert saß er gestern in der Probe für ein Schülerkonzert, das heute im Gewandhaus Leipzig stattfindet. Äußerlich ruhig und diszipliniert. Eine mentale Stärke der Japaner, wie die Bilder aus den Notunterkünften belegen. Sie ertragen das Schicksal in bewundernswerter Weise.

Als Ausgleich zum Job betreibt der kleine zierliche Mann Kampfsport. Beim Kendo – dem Kampf mit dem Bambusschwert – versucht er sich abzulenken.

 

Trotz der katastrophalen Meldungen, die seit Tagen aus Japan kommen: Tomoshige Oikawa wirkt relativ ruhig und gefasst. „Erdbeben gibt es bei uns jedes Jahr", erzählte der 44-Jährige gestern in einer Probenpause im Kulturhaus Böhlen. „Ich habe keine Angst davor." Schon von Kindheit an sei trainiert worden, wie man sich verhalten muss, wenn die Erde bebt. Dazu gehört beispielsweise, die Fenster zu öffnen und Schutz unter dem Tisch zu suchen. Er hat selbst mehrere Erdbeben erlebt, aber keines von dieser Stärke. Dass es dabei nicht blieb und ein Tsunami weitere Verwüstungen anrichtete, konnte niemand ahnen. „Der Tsunami ist wirklich schlimm", sagt er und ist in Gedanken vermutlich wieder in der Heimat. Er stammt aus einer Gegend, die verschont wurde.

Saskia Grätz

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