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Borna Wurzen ist die Wiege des Oberleitungsbusses
Region Borna Wurzen ist die Wiege des Oberleitungsbusses
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09:00 06.12.2018
Schiemann & Co: Die Wagenkolonne biegt in den Wurzener Mühlenhof an der „Waage“ ein. Quelle: Privat
Wurzen

 In ihrer Wanderausstellung zur traditionsreichen örtlichen Industrie würdigte die Standortinitiative Wurzen vor zehn Jahren auch Max Schiemann und dessen gleislose elektrische Bahn. Dass kurzfristig sogar noch ein metallenes, mit Hartgummi beschlagenes Rad beigesteuert werden konnte, war einem Tüftler zu verdanken, der es in der heimischen Garage wie seinen Augapfel hütete.

Wurzen ist die Wiege der Oberleitungsbusse. Max Schiemann baute vor 100 Jahren ein richtiges Netz der „gleislosen“ Bahnen auf – und exportierte seine Busse in die ganze Welt.

Ulrich Heß vom Vorstand des Vereins kann sich rückblickend ein Lachen nicht ganz verkneifen: „Als die Ausstellung im wohltemperierten Industriemuseum Chemnitz gezeigt wurde, krabbelten aus diesem Rad tausende Käfer – zum Entsetzen des Personals an der Kasse.“

Max Schiemann hätte wohl seinen Spaß gehabt. Wer dem früh ergrauten Mann in die Augen schaut, erkennt darin jenes Funkeln, das sonst nur Spitzbuben in Wilhelm Buschs Bilderbüchern eigen ist. Ja, ja die Käfer im Museum erinnern tatsächlich an tolldreiste Streiche rund um Witwe Bolte, Schneider Böck und Co. Schiemann würde sagen: Seht her, meine Bahn lebt! Und ob sie lebt: Noch heute fahren die Nachfolger seiner elektrischen Kutschen auf allen Kontinenten. Die weit verzweigten Netze der Oberleitungsbusse gehen nicht zuletzt auf ihn zurück – Max Schiemann, den Pionier, Visionär, Erfinder.

Elektrifizierung des Verkehrs in Wurzen durch Schiemann

Wer sich die gewitzte Reklamezeichnung seiner Gesellschaft für gleislose Bahnen anschaut, der ahnt: Für Schiemann muss die Elektrifizierung des Verkehrs in Wurzen bei aller Ernsthaftigkeit auch ein Abenteuer gewesen sein, mindestens so spannend wie die Fahrt zum Mond. Heimatforscher und Stadtführer Wolfgang Ebert weiß: „Wurzen lockte ab 1890 viele kluge Köpfe an. Die Stadt mitten im Herzen des Reiches und direkt an der wichtigen Eisenbahnlinie bei Leipzig platzte aus allen Nähten.

Die Einwohnerzahl explodierte, stieg in nur 100 Jahren von 3000 auf 20.000. Drahtseilwerk, Teppichfabrik, Maschinenbau, mehrere Gießereien – eine derartige Dichte an Industrie war in einer Kleinstadt damals mehr als bemerkenswert.“

Leipzigs e-Bus

Auf der Linie 89 – vom Bahnhof durch die Innenstadt, über Ferdinand-Rhode- und August-Bebel-Straße bis zum Connewitzer Kreuz – fährt Leipzigs derzeit einziger e-Bus.

In diesen industriellen Boom hinein kam der legendäre Auftrag der Wurzener Kunstmühlenwerke und Biscuitfabriken: Schiemann, der mit seiner gleislosen Bahn bereits im Biehlatal für Achtungszeichen sorgte, sollte den innerstädtischen Transport von Getreide zur Mühle beziehungsweise des Mahlgutes zum Bahnhof revolutionieren. Er kleckerte nicht – er klotzte. Am 3. Oktober 1904 begann Schiemann mit der Installation der Oberleitung, teils an Häusern, teils an eigens aufgestellten Masten.

Wurzen hatte das erste städtische Oberleitungsnetz

Schiemann siedelte mit seiner Familie in das Städtchen an der Mulde über. Bis 1924 wohnte er in der ehemaligen Schönertschen Villa. In der Dresdener Straße 71 errichtete er seine Fabrik, die sowohl ein eigenes Kraftwerk als auch die Fahrzeugproduktion unterhielt. Wurzen-Kenner Ebert: „Sicher, 1882 fuhr der erste Oberleitungsbus auf dem Berliner Kurfürstendamm.

Eher punktuell und als Versuch. Wurzen dagegen kann mit Fug und Recht sagen, eines der ersten städtischen Oberleitungsnetze gespannt zu haben.“ Denn zusätzlich zur gut zwei Kilometer langen Pendelstrecke sei noch im Mai 1905 ein annähernd gleich langer Abzweig bis zum König-Albert-Schacht hinzugekommen. Dort förderte die Firma Zachmann von 1902 bis 1914 Braunkohle. Genau auf die setzten unter anderem auch die Mühlenwerke.

Im April wurde die Genehmigung für den Dauerbetrieb in Wurzen erteilt

In seinem im Sax Verlag erschienenen Buch „Die Wurzener Industrie 1797 bis 2002“ schreibt der inzwischen verstorbene Wurzener Ehrenbürger Richard Klinkhardt über die ministerielle Vorprüfung vom 25. März 1905 und den drei Tage später stattgefundenen Besuch des sächsischen Königs Friedrich August III.

Zur Huldigung seiner Majestät hatte man Boote mit Wurzener Ruderern zu Wasser gelassen. „Als weitere Attraktion fuhr am anderen Ufer ein Zug der neuen elektrischen Industriebahn vorbei, bestehend aus blumen- und girlandengeschmückten Motorwagen und drei Anhängerwagen.“ Am 7. April wurde die Bahn offiziell abgenommen und die Genehmigung für den Dauerbetrieb erteilt.

Im Crostigall gab es ein starkes Gefälle

Für die Wurzener, die bislang vor allem Pferdefuhrwerke kannten, waren die mit Gütern beladenen, lärmenden Wagenkolonnen ein echter Hingucker. Elektrischen Strom empfanden sie beinahe als Zauberei. Die Schuljungs liefen begeistert neben der gleislosen Bahn her.

Spannend war die Passage besonders im Crostigall, der ein erhebliches Gefälle aufweist. „Im Maschinenhaus steuerte der Fahrer den Motor. Ein Kollege begleitete den Tross und bediente zusätzlich die Bremse, die sowohl bergauf als auch bergab gezogen und gelockert werden musste“, sagt Wolfgang Ebert.

Gleislose Bahnen System Schiemann von der Lizenzfirma in London

Dundee (Großbritannien) 1912-1914

Mexborough & Swinton (Großbritannien) 1915-1961

Ramsbotton (Großbritannien) 1913-1930

Rhondda (Großbritannien) 1914-1915

Rotherham (Großbritannien) 1912-1965

Cuneo-Peveragno (Italien) 1909-1957

Shanghai (China) 1914

Merill (USA) 1913

New Brandford (USA) 1914

Bloemfontein (Südafrika) 1915-1937

Boksburg (Südafrika) 1914-1925

Quelle: Die Wurzener Industrie 1797 - 2002, Richard Klinkhardt, Sax Verlag

Der Erfolg von Max Schiemann und seines Geschäftsführer-Kollegen Fritz Momber war phänomenal. Laut Klinkhardt konnten sie bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 33 Linien von etwa 200 Kilometern Gesamtlänge und mit 100 Fahrzeugen einrichten. Der Krieg und auch die folgenden Jahre markierten eine entscheidende Wende. Von nun an ging es nur noch abwärts. Galoppierende Inflation und Wirtschaftsblockaden brachten die Produktion gleisloser elektrischer Bahnen in Wurzen zum Erliegen.

Weltweiter Siegeszug der Obusse

Wurzens Heimatforscher weisen zudem auf den Umstand hin, dass Schiemann seine Patente leichtfertig nicht verlängert hatte und diese von der ausländischen Konkurrenz sogar umgangen wurden. Fortan bauten die Engländer, Franzosen und Italiener ihre gleislosen Bahnen selbst. Und trugen damit zum weltweiten Siegeszug der Obusse bei.

Gleislose Bahnen aus Wurzen

Mühlenbahn Großbauchlitz bei Döbeln 1905-1914

Lyon-Charbonnieres/ Frankreich 1905-1907

Neuenahr-Ahrweiler-Walporzheim 1906-1917

Mühlhausen/Elsaß 1908-1918

Pirano-Portorose bei Triest 1909-1912

Drammen/Norwegen 1909-1967

Blankenese bei Hamburg 1911-1914

Altona bei Hamburg 1911-1949

Leeds/England 1911-1928

Bradford/England 1911-1972

Quelle: Die Wurzener Industrie 1797 - 2002, Richard Klinkhardt, Sax Verlag

Für Max Schiemann, den mutigen Erfinder mit dem spitzbübischen Lächeln, muss die Entwicklung bitter gewesen sein. Zwar stellte er kurzfristig auf batteriebetriebene Fahrzeuge für Kurzstreckenbetrieb um, doch es half nichts. Am 11. Januar 1926 wurde die Produktion eingestellt.

Gut zwei Jahre später, am 23. Oktober 1928, trat die Gleislose in Wurzen ihre letzte Fahrt an. Nach Einstellung des Kohleabbaus (1914) und Bau des neuen Gleisanschlusses (1925) war sie überflüssig geworden. Max Schiemann, 1866 in Breslau geboren, starb 1933 in Wurzen. Die Stadt würdigte ihn erst spät. 1994 wurde eine Straße im Gewerbegebiet nach ihm benannt.

An die gleislosen Bahn erinnert in Wurzen nichts mehr

An die gleislose Bahn erinnert in Wurzen auf den ersten Blick nichts mehr. Es heißt, an manch älterer Fassade finde sich noch ein Haken für die ehemaligen Oberleitungen. Was sicher ist: Das Hauptgebäude des einstigen Firmensitzes ist noch erhalten. Matthias Deckwerth führt dort einen Handwerksbetrieb, der sich auf Fahrzeug- und Anhängerbau spezialisiert hat.

Der 63-Jährige verweist nicht ohne Stolz auf eine Firmentradition in vierter Generation: Sein Sohn Sebastian ist bereits Juniorchef. Gründerzeitfliesen, Bodenbeläge und die Stahlrichtplatte sind im Original zu bestaunen. Und nicht nur das: „Ich besitze noch Briefbögen von Max Schiemann.“ Sein Großvater, Paul Deckwerth, habe das Grundstück 1927 erworben, sagt Matthias Deckwerth. Nach der Wende hätten ihn sogar Max Schiemanns Enkel und Urenkel besucht.

Von Haig Latchinian

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