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Borna Zehn Jahre nach der Kreisreform: Eine Bilanz
Region Borna Zehn Jahre nach der Kreisreform: Eine Bilanz
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13:26 11.07.2018
Da lief der Kampf um den Kreissitz im heutigen Landkreis Leipzig noch. Das ist jetzt zehn Jahre her. Quelle: Leipzigreport
Landkreis Leipzig

Wer zehn Jahre nach der Kreisreform in Sachsen Bilanz ziehen will, dürfte nur bedingt in Jubelstürme ausbrechen. Dass die Vergrößerung der damaligen Landkreise und damit auch der Zusammenschluss von Muldentalkreis und Leipziger Land keineswegs der große Wurf war, steht für die beiden damaligen Landräte, Petra Köpping (Borna/SPD) und Gerhard Gey (Grimma/CDU) fest. Auch die seinerzeitigen Rathauschefs der beiden damaligen Kreisstädte haben mit Blick auf die Kreisreform nicht unbedingt Freudentränen in den Augen. Immerhin: Sowohl der damalige Bornaer Oberbürgermeister Bernd Schröter (Bürger für Borna) als auch Grimmas OBM (damals wie heute) Matthias Berger (parteilos), sehen ihre Städte seither gut entwickelt.

Köpping: „Die Kreisreform war aus heutiger Sicht ein Fehler“

Köpping, die in der Wahl des Landrates für den neuen Landkreis gegen Gey unterlag, findet, „dass die Kreisreform aus heutiger Sicht ein Fehler war“. Zudem seien Landräte angesichts der Größe der heutigen Landkreise mittlerweile viel zu weit entfernt von den Bürgern, um sich noch in klassischer Weise kümmern zu können. Gey sieht darin ebenfalls ein großes Problem. Dass er nach der Kreisreform als Landrat nicht mehr den Kontakt zu Feuerwehren und Vereinen pflegen konnte, wie er das im Muldental gewohnt war, musste er als Chef des neuen Landkreises Leipzig erleben.

Berger: „Es erfüllt mich nach wie vor mit Bitternis“

Der Grimmaer Oberbürgermeister Berger war vor zehn Jahre wie eine Furie. Der Mann, der bei Wahlen in Grimma mittlerweile nicht einmal mehr einen Gegenkandidaten hat, lässt auch heute noch keinen Zweifel daran, dass er die Entscheidung für den Kreissitz Borna nicht nachvollziehen kann. „Das erfüllt mich nach wie vor mit einer gewissen Bitternis.“ Weil die Entscheidung für Borna schlichtweg „unfair“ gewesen sei. Denn Grimma und eben nicht Borna seien dem Landesentwicklungsplan zufolge „das einzige echte Mittelzentrum“ gewesen, Borna hingegen nur Ergänzungszentrum.

Schröter: „Alles andere wäre schlecht gewesen“

Ein Umstand, den Bergers damaliger Bornaer Amtskollegen Schröter bestätigt. Deshalb sei es wichtig gewesen, sich dafür stark zu machen, dass eben genau das geändert wurde. Was Borna auch gelang, „denn alles andere wäre schlecht gewesen“. Schröter: „Da hätten wir beim Kampf um den Kreissitz keine Chance gehabt.“

Die hätte die einstige Bergbaustadt nach Überzeugung von Berger ohnehin nicht haben dürfen. Schließlich habe seinerzeit der Grundsatz gegolten, „dass Stärken gestärkt werden sollten“. Dass ihm intern bestätigt wurde, dass es Borna ohne den Kreissitz nicht schaffen würde, fuchst den Grimmaer Oberbürgermeister nach wie vor. Immerhin habe Grimma mit einer Einwohnerzahl von nahezu 30 000 auch nach dem Verlust des Kreissitzes eine gute Entwicklung genommen. Ob der Kreissitz für Borna den erwünschten Effekt hatte? „Naja, die Stadt ist nach meinem Kenntnisstand nicht untergegangen.“ Ob sich Borna gut entwickelt hat, „das müssen Sie die Bürger von Borna fragen.“

Borna profitiert noch heute von der Entscheidung

Hat es, sagt Bernd Schröter. Jedenfalls so weit, wie es ohne Kreissitz schlichtweg nicht möglich gewesen wäre. „Das Amtsgericht ist geblieben und die Polizei auch“, was ohne Kreissitz wohl anders wäre. Dass es zu einer Kreisreform kommen würde, hatte Schröter schon recht früh „gerochen“. Bereits 2003/4 sei ihm klar geworden, „dass sich da etwas tut“. Grimma sei in der Frage des Kreissitzes wohl etwas zu zuversichtlich gewesen, glaubt Schröter. Und er betont, dass die damalige Landrätin Köpping „eine gute Rolle“ beim Kampf um den Kreissitz Borna gespielt habe. „Ich wüsste nicht, wo sie sich nicht für uns eingesetzt hätte.“ Borna profitiere jedenfalls heute noch von der Kreissitz-Entscheidung, die der Dresdner Landtag schließlich im Januar 2008 traf. Schröter „Für die Gewerbetreibenden wäre es ohne Kreissitz jedenfalls schwer geworden und die Grundstückswerte wären schnell gefallen“.

Positiv auch die Bilanz des Grimmaer Oberbürgermeisters. „Das Amtsgericht ist geblieben, und das Finanzamt im Landkreis hat seinen Sitz ebenfalls an der Mulde.“ Und weiter: „Grimma schafft es auch ohne Kreissitz.“

Die Kreissitz-Lieder

Als vor einem Jahrzehnt der Kampf um den Kreissitz im heutigen Landkreis Leipzig tobte, wurden bisweilen schwere Geschütze aufgefahren. Es gab aber auch andere Facetten der Auseinandersetzung zwischen Grimma und Borna, mit teilweise originellen Ergebnissen. Nicht nur die beiden Initiativen „Pro Grimma“ und „Pro Borna“ sorgten für eine gewisse Stimmung. Im Sommer 2007 kam sogar Musik in die Sache.

Aufgekommen war die Idee nach dem zweiten bis dritten Ouzo bei einem guten Griechen in Leipzig. Dort landeten auf einer Papierserviette die Zeilen „Borna, Borna, der Kreissitz, der bleibt da“, zu singen auf die Melodie des Steigerliedes, dieses jedes Bergmannsherz erwärmende Musikstück, das ursprünglich aus dem Raum Zwickau stammt. Die Idee fand in Borna Zustimmung, und „Pro Borna“ rief zu weiteren Textvorschlägen auf. Aus denen wählte am Ende eine Jury die besten aus, die zu einer quasi-offiziellen Bornaer Kreissitz-Hymne zusammengefasst wurden. Dazu gehörten die Zeilen von Uta und Peter Finke, in denen es hieß: „Wenn wir allüberall zusammensteh´n, wird’s mit Borna als Kreissitz auch vorwärts gehen“. Auch Wolfgang Fuchs, der Bornaer Volksschriftsteller, beteiligte sich mit einem Textvorschlag.

Davon hörte später auch Gerhard Gey. Der musisch begabte seinerzeitige Grimmaer Landrat, ein guter Gitarrist, griff daraufhin zur Feder und schrieb einen Text zum bekannten Rudi-Carrell-Titel „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Im Grimma-Lied heißt es: „Grimma muss unsere Kreisstadt bleiben, die Fakten sprechen eindeutig dafür.“ Aber auch: „Es geht nicht gegen Borna und die Nachbarn, im Gegenteil, wir steh´n für die Region.“ Der spätere Landrat mit Dienstsitz Borna sang das Lied auch vor dem Dresdner Landtag, als es dort um die Kreisreform und den künftigen Kreissitz ging.

Die Bornaer konnten sogar jemanden gewinnen, ihr Lied zu singen, der jahrzehntelang in Funk und Fernsehen zu den Dauergästen gehörte. Lutz Jahoda („Mit Lutz und Liebe“), damals, 2007, bereits rüstige 79 Jahre alt, ließ es sich nicht nehmen, auf der LVZ-Pressefestbühne das Bornaer Kreissitzlied zu singen – und Hunderte Besucher davor fielen mit ein.

Von Nikos Natsidis

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