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Auf Pokémon-Jagd durch Delitzsch

Handy-Spiel Auf Pokémon-Jagd durch Delitzsch

Was Maria und David Delitzsch spielen, ist die neue Handy-App „Pokémon Go“. Seit 13. Juli ist sie kostenlos erhältlich. Es ist die erste Outdoor-App, die nicht in den eigenen vier Wänden, sondern nur in der Natur und an öffentlichen Plätzen gespielt werden kann. Und das passiert, wenn in Delitzsch die Jagd beginnt.

Mit dem Handy geht es auf Pokémon-Jagd durch Delitzsch.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Und plötzlich stehen sie da – einfach mitten in der Zscherngasse. Marias und Davids Handys vibrieren heftig. Goldini und Evoli, zwei Standardpokémons, hüpfen in der schattigen Straße auf und ab. Schweißperlen tropfen den Delitzschern von der Stirn. Es ist 17 Uhr und verdammt schwül. Mit aufgeregten Wischbewegungen „werfen“ die beiden Pokébälle. Die Blicke ruhen angespannt auf den Displays. Können Maria und David es schaffen, die Pokémons einzufangen?

Bei David geht es flott, bei Maria bricht es wieder aus. Wenn das passiert, ist es schwieriger, das Pokémon zu bändigen. Nervöses Wischen mit dem Zeigefinger. Erst beim vierten Anlauf klappt es. Nun ist Goldini in ihrem Besitz.

Was Maria (17) und David (19) – wie viele andere Jugendliche und Erwachsene – in Delitzsch spielen, ist die neue Handy-App „Pokémon Go“. Seit 13. Juli ist sie im Google Play Store und Apple App Store kostenlos erhältlich. Es ist die erste Outdoor-App, die nicht in den eigenen vier Wänden, sondern nur in der Natur und an öffentlichen Plätzen gespielt werden kann. Sie lockt so manchen Stubenhocker vor die Tür. David bestätigt: „Den Nico habe ich seit zwei Jahren nicht mehr draußen gesehen, aber erst kürzlich lief er umher, um Pokémons zu sammeln.“

Täglich fünf Stunden und fünf Kilometer

„Es sind Sommerferien“, begründet Maria die Begeisterung, „da weiß man eh nicht, was man machen soll.“ David und sie widmen dem Spiel täglich fünf Stunden. Das Pärchen ist ständig auf der Jagd nach den begehrten Tierchen – lieber gemeinsam als allein, oft mit Fremden aus dem eigenen roten Team, den „Wagemutigen“.

Fünf Kilometer legen sie im Schnitt täglich zurück („PokéWalks“), um neue zu finden oder gesammelte Pokémons im Brutkasten zum Schlüpfen anzuregen.

Da der Volumenstrom nach vier Stunden aufgebraucht ist, haben sie sich einen portablen Akku („Powerbank“) gekauft, um unterwegs problemlos weiter spielen zu können. „Pokémon Go“ ist nicht nur ein Strom-, sondern auch Zeitfresser. 151 verschiedene Pokémons enthält die App vom Entwickler Niantic. Das sind genauso viele wie in der Zeichentrickserie, die 1996 über die Fernsehbildschirme flimmerte. Inhaltlich baut die App auf Nintendos-Franchise auf, das früher auf dem Gameboy gezockt wurde. Die Handy-Variante scheint allerdings so zeitintensiv wie ein Haustier oder Tamagotchi zu sein – nur mit GPS-Standorterkennung und massenhaftem Datensammeln. Trotz ihres Konsums teilen Maria und David die Bedenken von Verbraucherschützern. „Es ist fürchterlich, aber welche App macht das nicht“, kommentiert David, Maria unterstreicht: „Facebook und WhatsApp fangen noch viel mehr Daten ab. Jeder ist so durchsichtig im Netz.“

Obwohl sie ihren Spielkonsum im Vergleich zu anderen Spielern nicht übertreiben, möchten sie den Trend mitmachen. David schaltet also beispielsweise auf Arbeit sein Handy nebenbei an.

Eierschlüpfen beim Treppensteigen

Der 19-Jährige liefert Pakete aus und lässt während des Treppensteigens zum Beispiel drei Pokémons schlüpfen. Sein wertvollstes im eigenen Sammelverzeichnis „PokéDex“ ist Aquana mit 1100 Wettkampfpunkten (WP). Das ist kostbar, aber in Delitzsch nicht genug. Davids Kumpel besitzt Relaxo (1900 WP) und gewinnt die meisten Wettkämpfe in den Arenen. Dieser läuft auch jeden Tag 25 Kilometer und gibt pro Woche 20 Euro im Pokéstop aus. David findet aber: „Es geht auch ohne In-App-Zukäufe.“ Der 19-Jährige habe ihn trotzdem schon einmal besiegt.

„Wenn wir alles erledigt haben, gehen wir aus dem Haus, um zu spielen, aber wir richten nicht den gesamten Tag danach aus“, stellt seine Freundin Maria klar. Ihr stärkstes Pokémon ist Blitza mit 678 WP. „Die Pokémons sind so süß“, gesteht sie. David hat sich in den 1990ern die Zeichentrickserie im Fernsehen angeschaut und die Sammelkarten auf dem Schulhof getauscht. Maria spielt es vor allem, „weil es alle spielen“. Manchmal brauchen die beiden für ein Ei fünf Kilometer – nur, um dann festzustellen, dass es sich bei dem geschlüpften Pokémon nicht um jenes seltenes, sondern ein ganz gewöhnliches handelt, das sie bereits besitzen.

Der Pokéstop ist wie ein Supermarkt

Eine halbe Stunde später wirbelt die blaue Raute wild durch die Luft. Der Pokéstop in der Commerzbank-Filiale in der Breiten Straße ist wieder aufgefüllt. Was in der realen Welt der Supermarkt ist, ist in der digitalen der Pokéstop. Und nachdem Maria und David so viele Pokémons eingefangen haben, brauchen sie wieder Nachschub an Lockmitteln.

Schon gegen eine Glastüre geknallt

Die beiden halten ihr Handy hoch und folgen dem virtuellen Ruf – ohne die Augen vom Display abzuwenden. Beinahe wäre Maria kürzlich gegen eine Laterne gelaufen und David ist deshalb tatsächlich schon gegen eine Glastüre geknallt. „Das Spiel für Kinder ab sechs Jahren freizugeben, halte ich für falsch“, finden beide daher. Man müsse älter dafür sein.

Bei der Raute angekommen, wischen beide übers Display. Sie wird zum Kreis und dreht sich. Die reale Delitzscher Umgebung ploppt auf und es purzeln rot-weiße Pokéballe, grüne Eier, Beeren und Zaubertränke aus ihr heraus. So ergiebig ist die Heimat. Marias und Davids Zeigefinger huschen blitzschnell übers Display, um die neuen Güter in ihrem Poké-Dex-Vorrat abzuspeichern. Dies wird die Wettkampffähigkeiten ihrer Pokémons verstärken. Der Abend ist schließlich noch jung. Es ist gerade einmal 18 Uhr.

Maria und David haben schon Level 5 erreicht. Sie dürfen in Arenen kämpfen und erhalten exquisite Hilfsmittel wie Zaubertränke und Beeren in den Pokéstops. Kein Anfangsstadium also mehr. Diese Pokéstops und Arenen gibt es überall, sowohl in der Großen Kreisstadt Delitzsch als auch auf dem Land. Die Spieler gehören entweder zum roten („Wagemut“), blauen („Weisheit“) oder gelben Team („Intuition“). David und Maria sind Wagemutige. In Delitzsch spielen die meisten Blau. Via Facebook kommunizieren die Teammitglieder, schicken sich Selfies mit Pokémons und verabreden sich für die Arenen. Dort kämpfen sie gegen andere Teams. Gelb gibt es in Delitzsch nicht oft. Blau hingegen besetzt die meisten Arenen, denn gewinnt einer aus dem Team, geht die Arena in den Besitz des gesamten Gruppe über.

Pinker Rauch am Markt

Pinker Rauch steigt am Delitzscher Marktplatz auf. Jemand muss ein Lockmodul ausgebracht haben, es riecht nach Kampf. Zielstrebig machen sich Maria und David auf den Weg zur Arena. Doch dort angekommen, ist der Platz wie ausgestorben. Gähnende Leere. Gewöhnlich hocken hier bis zu 60 Spieler – manchmal bis Mitternacht.

Die Sonne knallt immer noch herunter. Es ist Zeit fürs Abendbrot. Vielleicht ist deshalb keiner da, vermuten Maria und David. Auch sie bekommen langsam Hunger. Da der Lockstoff nach 30 Minuten verschwunden ist und keine Pokémons auftauchen, beschließt das Pärchen, auch etwas zu essen. Und danach? „Ich brauch noch 900 Meter für zwei Eier“, sagt Maria. „Die kriegen wir nachher auch noch weggelaufen“, unterstützt sie David. Abwarten also, was sich heute noch so jagen lässt.

Von Melanie Steitz

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