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Delitzsch Ausgebildete Lehrer fehlen: Immer mehr Quereinsteiger an Nordsachsens Schulen
Region Delitzsch Ausgebildete Lehrer fehlen: Immer mehr Quereinsteiger an Nordsachsens Schulen
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08:00 17.08.2017
Immer wieder fallen Unterrichtsstunden aus. Quelle: dpa
Nordsachsen

„Zum Schulstart haben wir es besser hingekriegt, als wir es zu Ferienbeginn noch dachten“, beschreibt Roman Schulz die Personalsituation an den Schulen. Er ist Pressesprecher der auch für den Landkreis Nordsachsen zuständigen Leipziger Regionalstelle der Sächsischen Bildungsagentur (SBA). 343 Neueinstellungen gab es in der Stadt Leipzig und den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen, die meisten an Grund- und Oberschulen. Das ist auch gelungen, weil es immer mehr Seiteneinsteiger vor allem an Grund- und Oberschulen gibt. Hier fehlen ausgebildete Lehrer.

Sachsenweit wurden für das neue Schuljahr bereits mehr Quereinsteiger eingestellt als Lehrer, im Bereich der Leipziger Bildungsagentur liegt ihr Anteil bei 41 Prozent. „Der Lehrermarkt ist leer. Die Alternative zu Seiteneinsteigern ist Ausfall“, so Schulz. Den kann es trotzdem geben, denn die 143 Quereinsteiger starten erst nach einem Vierteljahr Ausbildung in den Schuldienst. Bis frühestens Oktober müssen sich die Schulleiter etwas zur Überbrückung einfallen lassen.

Musikerin aus Kanada als Glücksgriff

Dass sich das Warten auf diese Verstärkung durchaus lohnen kann, bestätigt Katrin Kirchner, Leiterin der Grundschule Zschortau. Im letzten Jahr hatte sie solch eine Quereinsteigerin für Englisch und Musik. Die ausgebildete Musikerin und als Kanadierin Muttersprachlerin, die für eine krank gewordene Kollegin einsprang, erwies sich als Glücksgriff. Leider wechselte sie die Stammschule, so dass Schulleiterin Kirchner für die 23 Unterrichtsstunden nun wieder ein Lehrer fehlt. Mit ihren fünf Lehrerinnen, sich selbst eingeschlossen, und einer Referendarin könne sie zwar sicherstellen, dass jede Klasse einen Klassenlehrer habe und auch die Englischstunden abgedeckt werden, dennoch erfordert es auch Kompromisse: Abstriche machen muss Kirchner bei den Musikstunden wie auch bei den Integrationsstunden für Kinder mit Förderbedarf. „Diese eineinhalb Stunden für einen Lehrer pro Kind kann ich nicht absichern“, so Kirchner. Obwohl diese Stunden in der Ausfallstatistik nicht erfasst werden, seien sie gerade wichtig, um manche Kinder sprachlich, sozial und emotional zu fördern. Abgefedert wird die Situation in ihrer Schule durch eine Inklusionsassistentin, die durch die Nähe zum Kinder- und Jugendheim und zum therapeutischen Kinder- und Jugendhaus der Volkssolidarität in Biesen, ab diesem Schuljahr an der Grundschule zugegen sein wird. Ebenso sorgt eine Schulabgängerin, die ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Schule verbringt, für Entlastung. „Für jemanden, der noch nicht weiß, ob der Lehrerberuf etwas für ihn ist, kann ich das nur empfehlen“, so Kirchner. Zu den Kindern entstehe ein anderes Vertrauensverhältnis, wenn jemand auf sie zugehe, der einmal nicht „der Lehrer“ ist. Ebenso könnten Lehrer auch von Seiteneinsteigern profitieren, die mit einem unbefangenen Blick in den Beruf starten, dafür aber erst lernen müssten, mit den Kindern umzugehen.

Kritik an Einstellungspraxis

Insofern sieht Kirchner die Quereinsteiger weniger negativ, dafür kritisiert sie jedoch die Einstellungspraxis. Da der Amtsweg bis nach Dresden geht, gehe zu viel Zeit ins Land. Statt diesen Behördenweg auf sich zu nehmen und nach Aktenlage zu entscheiden, fände sie es besser, den Schulleitern zuzutrauen, jemanden auf Probe einzustellen und vielleicht im Nachgang diese Gespräche zu führen. Eigentlich hätte sie für ihre freie Stelle eine Kandidatin, die zwar Lehrerfahrung habe, aber nicht das erforderliche Referendariat. „Es ist mir unerklärlich, warum sie kein Angebot bekommen hat“, so Kirchner.

Dieses etwas umständliche Verfahren kennt auch Anke Tauchnitz, Leiterin der Grundschule Eilenburg-Ost. Zwar könne sie Leute empfehlen, aber über eine Einstellung entscheide letztlich die Behörde. Zwar hatte sie in diesem Jahr keinen Bedarf, aber das ändere sich in den nächsten drei Jahren schon wieder, wenn Kollegen aus dem Schuldienst ausscheiden. Sie könne sich vorstellen, dass es gerade für ihre Schule schwierig sei, ausgebildete Lehrer zu begeistern, da der Osten Eilenburgs doch schon etwas weiter weg ist vom Leipziger Zentrum. Daher fände auch sie es gut, in den Auswahlprozess einbezogen zu sein. Mit den Quereinsteigern, die sie aus den Vorjahren schon hat, hat sie gute Erfahrungen gemacht. Allerdings stammten die auch aus dem pädogischen Bereich und hatten Erfahrungen mit Kindern im Kita-Alter.

Chemikerin wird Lehrerin

An der Oschatzer Grundschule „Zum Bücherwurm“ wird der Unterricht in diesem Jahr ebenfalls mit Quereinsteigern abgesichert. „Ohne diese Hilfe wäre der Grund- und Integrativschulbedarf nicht zu 100 Prozent zu leisten“, sagt Leiterin Anke Wiesner. Die nicht pädagogisch geschulten Kräfte sind jedoch nicht erst seit diesem Jahr im Kollegium und hätten sich als wahre Glücksgriffe erwiesen. „Sie haben sich gut eingearbeitet und wissen, worauf es im Umgang mit den Kindern ankommt“, schätzt Wiesner ein.

Auch an der Oberschule „Robert Härtwig“ in Oschatz kann in diesem Jahr nicht auf einen Seiteneinsteiger verzichtet werden: Dort mussten zwei Lehrerinnen, die in Ruhestand gingen, ersetzt werden, aber auch ein Quereinsteiger, der erkannte, die Anforderungen an den Beruf doch nicht bewältigen zu können. Neben zwei ausgebildeten Lehrern stößt nun eine studierte Chemikerin zum Kollegium hinzu. Ab September absolviert sie zunächst eine dreimonatige pädagogische Fortbildung. „In dieser Zeit gilt die Vereinbarung, Freiräume für die Arbeit an der Schule zu nutzen – beispielsweise zum Hospitieren. Denn schauen, wie es andere machen, kann niemals schaden“, betont Schulleiterin Kerstin Wasiak.

Von Manuel Niemann

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