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"Bald ein Fall fürs Museum"

"Bald ein Fall fürs Museum"

Delitzsch, Irgendetwas anderes zu machen, das kann sich Helmut Kulf beim besten Willen nicht vorstellen. „Ich bin auf der Werkbank groß geworden, habe schon als Kind mit Fellstücken gespielt", erzählt der Delitzscher Kürschnermeister.

. Doch seinen Nachkommen würde er dieses Handwerk nicht mehr empfehlen. „Dieser Beruf wird schon bald ein Fall fürs Museum." Und wäre es wohl schon, wenn nicht die vielen Stammkunden kämen.

Das Ladengeschäft der Familie Kulf am Rande des Marktes ist in der Delitzscher Altstadt fast eine Institution. Seit 1885 wird in der Breiten Straße mit Pelzen gehandelt, und mehr als hundert Jahre lang sind sie dort in der Dachwerkstatt genäht, veredelt und in Form gebracht worden. Der Familienbetrieb ist so langlebig wie die Produkte, die er anbietet. „Man kann viele Felle immer wieder verwenden", sagt Helmut Kulf. „Wenn sie nicht mehr als Schmuck taugen, eignen sie sich immer noch als Futter."

Vorausgesetzt, die Verarbeitung stimmt. Helmut Kulf beherrscht sein Handwerk seit inzwischen fast vier Jahrzehnten. Nach Lehre, Gesellenzeit und Meisterbrief bei der PGH übernahm er 1992 das Geschäft des Vaters, setzte fort, was der Urgroßvater einst begonnen hatte.

Die Werkstatt unterm Dach nutzt der heute 55-Jährige allerdings nicht mehr. Mit Pelz-, Klopf- und Ledermaschine, mit Zwecktafel und Kürschnermesser ist Helmut Kulf nach Kertitz gezogen, wo er zuvor bereits sein Eigenheim baute. Auf rund 30 Quadratmetern kümmert er sich dort um Kundenwünsche. „80 Prozent meiner Arbeit besteht aus Restaurierungen. Die Kunden bringen mir zum Beispiel Fellkappen oder Handschuhe zum Auf- und Umarbeiten."

Der Rest sind eigene Anfertigungen. Früher, erzählt der Kürschnermeister, sei sein Vater noch nach Halle gefahren, um auf Zuteilung Lamm- oder Fuchsfelle zu besorgen. Die Nutriafelle aus der eigenen Zucht mussten in Leipzig beim VEB Edelpelz abgegeben werden – sie wurden für Exportprodukte gebraucht. Heute kauft Helmut Kulf beim Großhändler, etwa in Frankfurt/Main – Schaf, Lamm, Ziege, Kaninchen. „Wir verarbeiten fast ausschließlich, was der Fleischer schon gesehen hat, also das, was als Überbleibsel sonst vergraben werden müsste." Mit den oft angeprangerten Abschlachtungen von Tieren zur Pelzgewinnung habe er nichts zu tun, auch nichts mit der sogenannten Schickeria. „Meine Kunden sind ganz normale Leute."

Interessenten, die inzwischen aus einem Umkreis von 100 Kilometern kommen. „Kürschner sind selten

geworden. In Delitzsch bin ich der

einzige, in Leipzig gibt es vielleicht

zwei oder drei." Die Stammkunden sichern dem Betrieb das Überleben. Gerade in der Zeit vor Weihnachten haben Pelze Konjunktur, weiß Helmut Kulf. Lammfell-Schuhe sind bereits ab September gefragt. Ab Juni hingegen herrsche für etwa drei Monate Saure-Gurken-Zeit.

Um das Ladengeschäft in der Breiten Straße kümmert sich vor allem Ehefrau Jutta Kulf. Sie hält die Stellung, wenn der Kürschnermeister in der Werkstatt ist. Und die Kinder? Der Sohn hat Elektromonteur gelernt, die Tochter ist Diplom-Sozialpädagogin. Das Kürschnerhandwerk hatte die beiden nie gelockt. Helmut Kulf nimmt ihnen das nicht übel.

Etwa zehn Jahre noch möchte er seinen Beruf ausüben, den er nach wie vor „wunderbar" findet. „Vielleicht auch noch etwas länger, wenn ich gesund bleibe." Doch dann wird die kleine Institution am Rande des Delitzscher Marktes wohl endgültig verschwinden.

Kay Würker

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