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Bauernverband: Die Nordsachsen sollten regional einkaufen

Interview Bauernverband: Die Nordsachsen sollten regional einkaufen

Jammern sie immer nur auf hohem Niveau? Werden sie staatlich gemobbt? Was kann man tun, damit es ihnen besser geht? Solche und andere Fragen treiben aktuell die Bauern in Nordsachsen um. Die LVZ hat mit ihnen gesprochen, um Sorgen und Nöten auf den Grund zu gehen.

Nicht nur Nordsachsens Milchbauern suchen Wege aus der Krise.

Quelle: dpa

DELITZSCH. „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“ – die neuen Bauernregeln der Umweltministerin haben für viel Wirbel gesorgt. Doch dieses Thema allein ist es nicht, das die nordsächsischen Bauern umtreibt. Im Interview erklären Tilo Bischoff, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes „Hermann Schulze-Delitzsch“, und Geschäftsführerin Christine Richter, was sie sich von Politik und Konsumenten wünschen.

Manche nennen es staatliches Mobbing, so oder so hat die Umweltministerin neue Bauernregeln herausgebracht. Ein Beispiel: „Gibt’s Mais nur auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur!“ Das ist nur ein Spruch aus der Kampagne von Barbara Hendricks (SPD). Was sagt man dazu?

Tilo Bischoff: Da geht es schon los. Den Mais gibt es eben nicht auf weiter Flur. Bei fast allen Sprüchen, die sie bringt, ist es eine Verallgemeinerung, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Es gibt Regionen in Deutschland, auf die das zutrifft, ohne Frage – aber man kann es nicht verallgemeinern.

Christine Richter: In Nordsachsen sind es zwölf Prozent Mais. Und nur mal ein weiteres Beispiel: Wir haben in Nordsachsen 1000 Hektar Hamsterschutzgebiet.

Tilo Bischoff: Und zwar nicht, weil es das Ministerium will, sondern in Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Landschaftspflegeverband. Diese Sache ist gewachsen und zwar nicht, weil man es uns von oben herab diktiert hat. Es ist ein Kooperationsansatz und freiwillig, weil das Miteinander stimmt.

Was wünschen Sie sich statt solcher Sprüche von der Politik?

Tilo Bischoff: Wir möchten, dass die Regelungen und Vorgaben der Politik nicht in Förderperioden gedacht werden, sondern nachhaltiger und verlässlicher sind. Wir empfinden eine Unstetigkeit der Programme. Es wird in fünf bis sieben Jahren etwas aufgebaut, was nach Ende einer Förderperiode mit neuen Förderprogrammen wieder eingerissen wird.

Ist ansonsten die Verallgemeinerung das Problem der Bauern?

Tilo Bischoff: Natürlich. Aber wenn wenigstens immer verallgemeinert würde! Bei den guten Sachen wird es das aber nicht. Aber wenn es mal ein schwarzes Schaf in ganz Deutschland gibt – die gibt es wie überall – dann wird verallgemeinert. Dann werden alle als schwarze Schafe dargestellt.

Und die gibt es nicht in Nordsachsen?

Tilo Bischoff: Man kann nie die Hand ins Feuer legen. Niemand ist daran interessiert, Schweinereien zu machen, die ihm dann auf die Füße fallen. Uns geht es um Image und Glaubwürdigkeit. Wir können uns das gar nicht leisten.

Wie reagieren die Landwirte und speziell die nordsächsischen auf die Kampagne?

Christine Richter: Alle Landwirte sehen sich diffamiert. Dass eine Bundesregierung einen Wirtschaftszweig mit Steuermitteln von 1,6 Millionen Euro diffamiert, hat es noch nicht gegeben. Das war staatliches Mobbing. Eine Landwirtin hat zu mir gesagt: „Wenn wir das Geld hätten, dann würden wir Landwirte es auch schaffen, unser Image nach oben zu heben“.

Was nun? Folgt die Gegenrede vom nordsächsischen Bauernverband?

Christine Richter: Wir haben schon diese 1,6 Millionen nicht. Und eines machen wir auf jeden Fall nicht: eine Gegenkampagne. Das ist nicht unser Niveau!

Was treibt die nordsächsischen Bauern noch um? Ist es vor allem das Image?

Tilo Bischoff: Im Endeffekt kommt alles aufs Image raus.

Christine Richter: Wir haben auch so viele Regelungen, die wir von der Politik bekommen. Zudem haben wir ein wirtschaftliches Problem. Der Landwirt kann einfach nicht einen fairen Preis bestimmen. Er produziert, liefert ab und bekommt dann gesagt, was er dafür bekommt. Der Landwirt kann nicht den Preis für sein Produkt bestimmen, das ist in keinem anderen Wirtschaftszweig so.

In aktuellen Prospekten steht: 500 Gramm Schweinegulasch für 3,49 Euro, 200 Gramm Wurstaufschnitt für 69 Cent und Milch für 65 Cent...

Tilo Bischoff: Bei solchen Werbeangeboten sind wir Landwirte schon morgens beim Zeitungslesen bedient. Warum muss dort so gedrückt werden? Die Discounter legen das fest und drücken das so durch, dass es die Bauern als Letzte im Glied erwischt. Das Schlimme ist: Wenn immer nur gedrückt wird, wo soll denn da noch Geld für Innovation und Investitionen seitens der Bauern herkommen?

Sind wir Konsumenten auch schuld?

Tilo Bischoff: Ich kann es dem Konsumenten gar nicht übel nehmen. Er hat das Angebot und greift zu, das ist menschlich.

Christine Richter: Dem Verbraucher machen wir keine Vorwürfe.

Aber was kann der Verbraucher tun?

Christine Richter: Regional einkaufen! Zum Direktvermarkter gehen. An der Stelle kann der Verbraucher eingreifen. Und damit kann er zeigen, dass er es anders will.

Tilo Bischoff: Wir wissen, dass nicht jeder ein gutes Einkommen hat. Wer von Hartz-IV lebt, braucht auch diese Billigangebote. Wer aber so billig kauft und dann diskutiert, dass er mehr Tierwohl, mehr Naturschutz, also einen Streichelzoo für die Tiere haben will, und dann aber nur 69 Cent bezahlt für ein hochwertiges Lebensmittel – das ist nicht realistisch.

Haben wir also eine Doppelmoral beim Verbraucher? Verbraucher, die fragen: „Hey, wie kann da Gammelfleisch drin sein, wenn ich doch 1.69 Euro für 500 Gramm Lasagne bezahlt habe?!“

Christine Richter: Auf jeden Fall! Es gibt genug Umfragen, wonach man mehr bezahlen würde. Aber die wenigsten machen es.

Was tut der Bauernverband für sein Image und damit die Konsumenten ihre Landwirtschaft wieder mehr wertschätzen?

Tilo Bischoff: Was können wir machen ohne Geld? In einem Markt, bei dem es wirtschaftlich nicht läuft, kann ich als Verband nicht um nochmal fünf Euro mehr bitten für eine Imagekampagne.

Christine Richter: Wir versuchen es auf die ganz einfache Art: Wir kommen mit den Leuten ins Gespräch, stellen uns zum Beispiel auf der Agra-Landwirtschaftsmesse vor. Wir bringen die Landwirtschaft zu den Konsumenten. Wir stellen grüne Berufe vor und werben für Nachwuchs, dabei werden wir von der Wirtschaftsförderung unterstützt. Zur Öffentlichkeitsarbeit zählen zum Beispiel die Tage des offenen Hofes. Die Betriebe sind bereit, sich zu öffnen, zum Beispiel für Führungen im Betrieb mit Schulklassen und Kindergärten.

Kann ich als Konsument zum Bauern und ihn mit Fragen löchern?

Christine Richter: Ja, nehmen Sie nur die Milchautomaten in Hohenroda oder Brodau. Wenn Sie dort den Chef treffen, der nimmt Sie und führt Sie durch den Betrieb. In Hohenroda findet das regelmäßig statt. Und auf dieser Schiene wollen wir auch weiterkommen. Das ist eine Imagepflege, die dort betrieben wird. Und dort können auch die Verbraucher zeigen, dass sie die Bauern unterstützen wollen, indem sie diesen Euro für den Liter Milch bezahlen.

Die nordsächsischen Bauern haben nichts zu verbergen und nichts dagegen, wenn ich in den Betrieb will?

Christine Richter: Wir können und wollen nicht ausschließen, dass es irgendwo schwarze Schafe gibt. Aber ich wüsste nicht, wer das sein soll! Es gibt für alles Anordnungen und Vorgaben, welche durch Kontrollen überwacht werden. Wenn etwas schiefgeht, wird sanktioniert. Der Gürtel ist so eng geschnallt, dass man gar nicht betrügen könnte. Wenn, gibt es sofort Sanktionen. Und die kann sich keiner leisten.

Tilo Bischoff: Wir sind in einem Zeitalter, wo alles dokumentiert wird. Wenn irgendwas wäre, dann würde das sehr schnell bekannt.

Regelmäßig liest man von Ausrastern von Bauern aufgrund zu vieler Regularien.

Tilo Bischoff: Soweit muss man sich unter Kontrolle haben, dass es nicht passiert. Wir können es aber nachvollziehen. Der Druck ist riesengroß.

Christine Richter: Der Druck wird immer größer. Ausrasten darf man trotzdem nicht.

Ist Landwirt trotzdem ein schöner Beruf?

Christine Richter: Ja, das kommt von innen. Das muss man haben. Von innen heraus muss man wollen. Es ist der schönste Beruf der Welt. Auch wenn ich nicht mehr aktive Landwirtin bin, ich habe es nie bereut, diesen Beruf gewählt zu haben.

Tilo Bischoff: Ich möchte nichts anderes machen. Obwohl es „sauschwer“ ist. Aber das ist ein Traumberuf. Meine Söhne wollen auch in diesen Beruf, obwohl ich ihnen auch schon geraten habe, dass es in anderen Jobs für leichtere Arbeit mehr Geld gibt. Aber sie haben Blut geleckt. Ich finde kein Argument gegen meinen Beruf. Man muss es lieben und dann gibt es nichts Schöneres. Es ist eine Berufung!

Von Christine Jacob

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