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Delitzsch Bootstour rings um die Stadt: Begegnungen am Delitzscher Wallgraben
Region Delitzsch Bootstour rings um die Stadt: Begegnungen am Delitzscher Wallgraben
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00:29 10.06.2018
Natalie (13) und Celina (12) genießen die Bootsfahrt. Ein Mitarbeiter des Jugendtreffs vom Schalomhaus rudert. Quelle: Fotos: Wolfgang Sens
Delitzsch.

Eben noch glühen die Delitzscher Stadtmauern und das historische Straßenpflaster in der Frühlingssonne, doch nun wird’s kühl am Wasser mit Grün und Vogelgezwitscher. Autos brummeln nur noch von fern. Dabei wurde gerade mal der Jugendtreff Quo Vadis in der Mauergasse durchquert. Am Steg hinterm Haus liegen zwei Boote. Es sind die typischen Modelle aus DDR-Zeiten, unverwüstliches Kunststoff-Material. Die Ruder sind übergeben. Für eine Stunde oder zwei. Mehr Zeit wird doch sicher nicht gebraucht, um den Wallgraben zu erkunden, oder?

Der Wallgraben macht die Delitzscher Innenstadt zur Halbinsel. 1457 wurde der breite Wassergraben, den der Lober-Fluss speist, angelegt. Nur zwei Brücken an den Stadttoren führten damals darüber. Ein Erdwall erstreckt sich ringsum. Damit kamen Angreifer, die ihn hinunterliefen, den Verteidigern auf der Stadtmauer ins Visier. Damals war das Ganze eine Wehranlage, heute ist es ein Spazierweg. Dass auch Bootstouren möglich sind, ist dem Family-Zentrum mit dem Jugendtreff zu verdanken. Die beiden Kähne sind einst für den Treff der Volkssolidarität angeschafft worden. Als der in sein heutiges Domizil abseits vom Wasser umzog, hat sich der Treff der Sache angenommen, erzählt Jens Rudolph, Leiter des Familienzentrums. Zu dessen Öffnungszeiten werden in der Saison auch die Boote verliehen.

Aktionsradius

Einen schlappen Euro kostet die Stunde. Aber der Aktionsradius soll ja nicht allzu groß sein. Es geht ja ohnehin nicht ringsherum. Die Delitzscher haben längst im Norden ein Stück Park und Tennisplätze an Stelle des Wallgrabens angelegt. „Und dann“, so warnt Jens Rudolph, „ist unter der Brücke Leipziger Straße so eine Schwelle aus Beton.“ Da kommt das Boot voraussichtlich nicht drüber. Also geht’s erst einmal in diese Richtung, vorbei an einem dicht umwucherten Entenhaus. Sanft treiben Teichrosenblätter. Rundliche Blütenköpfe recken sich darüber und leuchten gelb. Wer hier entlang rudert, taucht unter die Stadt ab. Alle anderen wandern weiter oben. Und schnell geht es nicht, die Ruder wirbeln immer mal Algenbüschel auf, die hier wachsen.

Aber da: ein echter Wallgraben-Anwohner. Helmut Johannes Stietzl macht sich gerade auf seinem Rasen zu schaffen. Der ist auf kurz getrimmt. Und der Eigentümer schickt sich, so lassen es Eimer und Garten-Schaufel jedenfalls vermuten, an, noch die letzten unerwünschten Kräuter zu entfernen. Wie lebt sich’s am Wallgraben? Ist er vielleicht auch schon mal gerudert? „Seit zehn Jahren haben wir das Haus hier. Das war ein glücklicher Zufall“, ruft er rüber. Und natürlich sei es schön. „Zentral und ruhig zugleich.“ Viel Betrieb ist nicht auf dem Wasser. In den nächsten Wochen werden sich die Pflanzen weiter ausbreiten. „Dann ist hier alles dicht“, breitet er die Arme aus. Boote kommen dann gar nicht mehr durch.

Sanierung geplant

Allerdings soll der Wallgraben saniert werden. Die Stadt hat die nötigen Fördermittel bekommen. Im Herbst soll Start sein. Nun muss nur noch das Verfahren genehmigt werden. Vor circa 25 Jahren war’s einfacher: Wallgraben leeren, Schlamm entfernen. Das geht heute aus Naturschutzgründen nicht mehr. Um die Tierwelt zu schonen, ist vorgesehen, die Arbeiten in vier Abschnitten nacheinander durchzuführen. So dass die Tiere jeweils in dem anderen Teil Zuflucht finden können.

Da ist auch schon die Brücke Leipziger Straße. Doch die Besatzung ist leicht genug. Mit Staken statt rudern ist es zu schaffen, den Kahn über den Durchlass zu manövrieren. Dahinter stellt sich endgültig Expeditionsgefühl ein. Schon wieder sind Einheimische kennenzulernen. Auf dem Weg am Ufer kommt ein gut gelauntes Trio vorbei: Hund Emi mit Lea Morgenstern und Nick Hälbig. Wegen des Vierbeiners laufen die Zweibeiner jeden Tag rund um den Wallgraben. „Gerudert sind wir auch schon oft“, erzählen die 15- und 16-Jährigen. Ebenfalls zu den täglichen Spaziergängern gehören Hans Dieter Güntztel und seine Mutter. Der 66- und die 88-Jährige sind früher auch schon selbst gerudert. „Lange her, das war als der Anlegesteg noch bei der Volkssolidarität war.“ Auch sie werden von einem Vierbeiner begleitet. Amber-Lola ist ein Australian Labradoodle. „Das ist eine Rasse, die keine Tierhaar-Allergien auslöst“, ruft uns Dieter Güntztel zu. Wieder was gelernt auf dem Wallgraben.

Tierleben unterm Halleschen Turm

Während sich der Hallesche Turm ins obere Sichtfeld schiebt, ragt in der Nähe unten ein merkwürdiger Haufen aus abgeknicktem Schilf aus dem Wasser. Tatsächlich: ein Schwanennest. Also gilt es Abstand zu halten. Aber wo sind die gefiederten Bewohner? Die Ruder gleiten noch ein Stück durchs Grün. Dann sind die weißen Vögel am Wallgrabenende zu sichten. Wie ein Park-Teich unter hohen Bäumen sieht es hier aus. Auf einer der Bänke, die überall am Ufer stehen, machen sich zwei Herren Mitte 30 gerade ihr Feierabendbier vor dem Feiertag auf. „Das ist das erste Mal in diesem Jahr“, erzählen die beiden. „Delitzsch hat jede Menge solcher Stellen, die sich dazu eignen, sich zu treffen und zu reden. Da kommen andere Städte nicht so mit und ich war schon in einigen“, sagt der eine.

Retour geht’s an Anlegestelle und Zufluss vorbei. Ein Stück weiter gibt es eine Bootsbegegnung. Ein Familientreff-Mitarbeiter rudert, zwei Mädchen dürfen mitfahren. „Denn unter 14-Jährige dürfen das nicht rudern.“ Natalie und Celina, 13 und 12 Jahre jung und Treffbesucherinnen genießen die Bootsfahrt. Und Celina wagt die Titanic-Pose auf dem Ruderboot-Bug fürs Foto-Motiv.

Wasser-Polizei

Während es unter der Brücke an der Breiten und unter der Holzstraße tunnelartig eng wird, schließlich fahren dort auch Autos drüber, überspannt die Schillerbrücke den Graben als transparentere Metallkonstruktion. 2009 wurde sie gebaut. Tatsächlich ist gerade wieder eines der sogenannten „Love Locks“ (Liebesschlösser) zu entdecken, mit denen sich Pärchen ihre Liebe schwören: Schloss zu, Schlüssel ab in den Wallgraben. Es hing schon mal eine ganze Gruppe hier. Aber die Stadt lässt die metallenen Liebessymbole nun jeweils bereinigen. Sie beschädigen die Oberflächenversiegelung der Konstruktion. Da hätten wir also Liebe, Abenteuer auf dem Wallgraben. Fehlt nur noch? Kaum ist’s gedacht, kommt am nordwestlichen Ende eine blaue Uniformbluse ins Blickfeld. Nein, Wasserschutzpolizei gibt es hier nicht. Die Ordnungshüter sind trotzdem dienstlich unterwegs. Der Laptop ist aufgeklappt. Sie nehmen eine Anzeige auf. In die Laube auf dem Pachtgrundstück von Andreas Buhl wurde eingebrochen. Er schüttelt mit dem Kopf: Warum das die oder der Täter tun mussten? „Zu holen ist da ja nichts.“ Er bietet hier aber regelmäßig Schnupperangeln an, will damit „versuchen, Kinder vom Computer wegzulocken“.

Plastetütenfischen

Ralf Wachsmuth, der ein Stück weiter mit seiner Familie am Wasser entlang spaziert, war schon seit 1974 im Anglerverband. Ihn regt auf, dass jetzt so viel Schlamm im Wallgraben ist. Zu DDR-Zeiten dagegen wurde von der Brücke ins Wasser gesprungen. Das sei jetzt nicht anzuraten. „Im schlimmsten Fall landet man auf einem rostigen Fahrrad, das irgendjemand hier versenkt hat.“ Tochter Melanie ist schon mal Boot gefahren, aber die Begeisterung hält sich in engen Grenzen: „Langweilig“. Was Abwechslung bietet, das Rudern, ist den Kleinen nun mal versagt. Da ist so eine Fahrt relativ ereignislos. Aber dagegen kann der Wallgraben durchaus etwas bieten: Mülltüten fischen. Die weht es immer mal wieder in den Graben, es gilt, sie in den verschiedenen Bewachsungsstadien im Wasser zu entdecken, an sie heran zu manövrieren und sie an Bord zu nehmen. Ein bisschen Spaß macht auch, den kleinen Übeltäter, der gerade einen leeren Joghurtbecher von der Brücke am Breiten Turm gekickt hat, aus völlig unerwarteter Richtung darauf hinzuweisen, dass sein Tun nicht unbeachtet geblieben ist. Aber dann schnell zurück zum Anleger. Kaum zu glauben: Die Tour hat länger als zwei Stunden gedauert.

Von Heike Liesaus

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