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Delitzsch Delitzsch gehört jetzt zum Unesco-Weltkulturerbe
Region Delitzsch Delitzsch gehört jetzt zum Unesco-Weltkulturerbe
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09:29 24.04.2018
Hermann Schulze-Delitzsch, hier als Denkmal am Delitzscher Marienplatz, hat die Idee der „Hilfe zur Selbsthilfe“ begründet. Quelle: Wolfgang Sens
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DELITZSCH/ADDIS ABEBA

Es war der Tagesordnungspunkt 14 am Mittwoch, als das Unesco-Gremium im äthiopischen Addis Abeba beriet. Und die „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ hat es geschafft – die Genossenschaftsidee ist immaterielles Kulturerbe! Gegen 17.50 Uhr deutscher Zeit (19.50 Uhr Ortszeit) fiel die Entscheidung für den deutschen Vorschlag. Der 1808 in Delitzsch geborene Hermann Schulze-Delitzsch hatte getreu dem Credo „Hilfe zur Selbsthilfe“ 1849 in der Kreuzgasse 10 in Delitzsch, heute Sitz des Deutschen Genossenschaftsmuseums, die erste erfolgreiche Genossenschaft begründet. Seine Idee setzte sich durch. Weltweit beteiligen sich etwa 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder in über hundert Ländern an der Verbreitung des Wissens um diese Organisationsform. Das Daumendrücken der Delitzscher und all die harte Arbeit, diese Idee auch weltweit anerkannt zu machen, die hat sich nun ausgezahlt.

Einziger deutscher Vorschlag

Lange wurde in Delitzsch darauf hingearbeitet und hingefiebert. Als einziger von 27 Vorschlägen bundesweit wurde die Genossenschaftsidee vor zwei Jahren für die Nominierung für die Liste des immateriellen Kulturerbes bei der Unesco vorgeschlagen und steht seitdem bereits im deutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Die Arbeit hin zur jetzigen Anerkennung begann aber schon 2011. Die Genossenschaftsidee war zudem die erste deutsche Nominierung für die repräsentative Liste. Den länderübergreifenden Antrag hatten die Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft und die Deutsche Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft verfasst – damit darf auch in Rheinland-Pfalz gejubelt werden. Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen legten Mitte des 19. Jahrhunderts beide wichtige Grundlagen für die heutige Genossenschaftspraxis.

Delitzscher Oberbürgermeister glücklich in Addis Abeba

Der Delitzscher Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos), der als Stellvertretender Vorsitzender der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft gerade in Addis Abeba ist, sagt stolz und glücklich: „Mit der Aufnahme in die ,Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit’ findet das wegweisende Wirken der beiden Genossenschaftspioniere Raiffeisen und Schulze-Delitzsch verdiente weltweite Anerkennung.“ Von den mittelalterlichen Anfängen in Europa über die englischen Wurzeln bis hin zu den heutigen Kleingenossenschaften in Entwicklungsländern zeige sich die erfolgreiche Beständigkeit dieser Idee. „Ich danke der internationalen Staatengemeinschaft der Unesco, der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Sachsen und dem Land Rheinland-Pfalz für ihre Entscheidung und Unterstützung“, so Wilde in einem ersten Statement. Die Entscheidung sei auch eine Bestätigung für fünf Jahre harte Arbeit, so Wilde.

In der Kreuzgasse 10 wurde die Idee entwickelt, heute ist dort das Deutsche Genossenschaftsmuseum. Quelle: Wolfgang Sens

Die Genossenschaftsidee gründet als überkonfessionelles Modell auf den Maximen der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. „Eine Genossenschaft ist eine freiwillige Vereinigung von Menschen mit gleichen Interessen, die individuelles Engagement und Selbstbewusstsein fördert“, erklärt die Unesco nun. Eine Genossenschaft fördere soziale, kulturelle und ökonomische Partizipation. Im Reigen all der Feste und Bräuche, die sonst als Bewerbung eingereicht werden und ebenfalls erfolgreich waren, ist das mal eine schöne Ausnahme. Das Gremium, das die Kandidaten vorab prüft, hatte die Erwartungen der Initiative vorab sogar noch gedämpft. Die Experten sprachen sich dafür aus, den Vorschlag zur Überarbeitung zurückzuschicken. Am Ende folgte das Komitee dieser Empfehlung nicht.

Bis Freitag wird weiter beraten

Noch bis zum Freitag entscheidet der zwischenstaatliche Ausschuss der Unesco über zahlreiche weitere Kandidaturen für die Liste des immateriellen Weltkulturerbes. Dazu zählen Feste, Tänze, Gesänge, Handwerkstechniken oder Essenstraditionen. Die belgische Biertradition zum Beispiel hat es am Mittwoch auch schon geschafft. Genau wie der Merengue von der Dominikanische Republik und Tahteeb, ein Stockspiel aus Ägypten. Geschafft auf die Liste haben es auch die Rumba aus Kuba, die „Jeju Haenyeo“-Kultur tauchender Frauen in Korea. Die Unesco würdigte auch das traditionelle Neujahrsfest, das in Ländern wie dem Iran, Afghanistan und Indien begangen wird. All dies, um nur mal einige Beispiele neben der Genossenschaftsidee zu nennen ... Am Ende wird das Gremium dann über insgesamt 37 Nominierungen entschieden haben.

Hermann Schulze-Delitzsch

Hermann Schulze-Delitzsch kam am 29. August 1808 in Delitzsch zur Welt. Im Dezember 1849 hatte er in der Kreuzgasse 10 in Delitzsch – dem heutigen Schulze-Delitzsch-Haus – mit der Schuhmacherassoziation die erste erfolgreiche Genossenschaft begründet und sich später für die Gründung von Spar- sowie Kreditvereinen eingesetzt. Die am 10. Mai des Jahres 1850 auf Initiative von Hermann Schulze-Delitzsch als „Delitzscher Vorschussverein“ gegründete Volksbank Delitzsch eG ist die älteste Kreditgenossenschaft Deutschlands.

Die Unesco-Liste soll eine bessere Sichtbarkeit des immateriellen Kulturerbes gewährleisten, das Bewusstsein für seine Bedeutung stärken und den Dialog bei gleichzeitiger Achtung der kulturellen Vielfalt fördern. Die Repräsentative Liste umfasst derzeit 336 immaterielle kulturelle Ausdrucksformen aus allen Weltregionen. Deutschland hatte vergangenes Jahr schließlich mit der Genossenschaftsidee die erste Nominierung eingereicht. Zudem hat sich Deutschland aber an der Erweiterung des multinationalen Eintrags der „Falknerei“ beteiligt. Und auch die ist inzwischen als Kulturerbe bestätigt.

Von Christine Jacob

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