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Delitzscher Bibliothekschefin bereitet Ruhestand vor

Abschied Delitzscher Bibliothekschefin bereitet Ruhestand vor

34 Jahre lang hat Regina Kittelmann die Delitzscher Stadtbibliothek geprägt. Nun heißt es langsam Abschied nehmen – im Februar wird sie 65, im August wechselt sie in den Ruhestand. Zu ihrem Job brachte sie nicht nur die Lust am Lesen, sondern der ihr eigene Pragmatismus zwischen Fußballliebe und Zufallstreffern.

Die Alte Lateinschule ist ab August nicht mehr der Arbeitsplatz von Regina Kittelmann.

Quelle: Alexander Bley

Delitzsch. Die Delitzscher Stadtbibliothek ohne Regina Kittelmann? Ein Gedanke, an den man sich gewöhnen muss. Seit mehr als 34 Jahren prägt die kleine Frau mit dem großen Herzen nicht nur für Literatur den Charakter der Delitzscher Bibliothek. Sie hat Tausenden Kindern vorgelesen, 120 Literaturstammtische durchgeführt, Literatur und Musik bei „Buch trifft Note“ zusammen gebracht, Tausende Bücher durch ihre Hände gehen lassen und etliches mehr. Im Februar wird sie 65. Ab August befindet sie sich im Ruhestand.

„Im Moment gibt es noch kein weinendes Auge beim Abschied“, sagt Regina Kittelmann. Wenn sie am Samstag das Delitzscher Amtsblatt aufschlägt, wird dort die Stellenanzeige für ihren Posten stehen. Sie nimmt es gelassen. Es ist an der Zeit. Am 1. Dezember 1982 fing Regina Kittelmann in Delitzsch als Bibliotheksleiterin an, machte zum Beispiel den großen Umzug von der Eilenburger Straße in den Schatten der Stadtkirche mit, wo die Bibliothek seit 2009 in der Alten Lateinschule untergebracht ist. In ihrem Büro stapeln sich die Bücher, die es zu katalogisieren gilt. Und die Bücher, die sie noch lesen will. Lesen gehört zum Beruf. Und ist doch mehr.

Lesen als Lebenselixier, das war es, was die Görlitzerin in diesen Beruf brachte. Berufung war es – anfangs – wohl weniger. „Das alles war ganz pragmatisch gedacht“, erzählt die 64-Jährige. „Ich habe schon als Kind lieber gelesen als Sport getrieben. In Mathe und Naturwissenschaften war ich auch schlecht.“ Einmal gab es zu Weihnachten „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner. Klein-Regina verzog sich gleich nach der Bescherung in die Ecke hinterm Weihnachtsbaum und stand erst wieder auf, als das Buch durchgelesen war. Irgendwann reichten die Kinderbücher nicht mehr aus, las sie sich quer durch das Regal der Eltern – ob es denen nun gefiel oder nicht. Aber daraus einen Beruf zu machen, kam ihr nicht in den Sinn. Wie es eben so war zu DDR-Zeiten stand vor dem Abitur die Berufsausbildung, liebäugelte die gelernte Köchin sogar mal mit dem Gedanken, Schiffsköchin zu werden. Den Gedanken trieb die Mutter wieder aus. Dann kam der Vater eines Tages mit der DDR-typischen Blattsammlung mit Studienrichtungen – auf der ersten Seite der A5-Heftchen waren die Anforderungen vermerkt. Regina Kittelmann nahm es pragmatisch, wie sie auch heute die meisten Dinge pragmatisch angeht. Sie sortierte – in Erwartung eines nicht so guten Abiturs – gleich mal die Universitäten gänzlich aus und stürzte sich auf die Fachschulen.

Von dem Stapel an Studienrichtungen, die dann noch übrig blieben, schob sie alles beiseite, was Mathe oder Naturwissenschaften beinhaltete. Übrig blieben Museologie oder Bibliothekswesen. Wieder kam die Mutter dazwischen, kannte über ihre Arbeit in einer Physiotherapie die Leiterin der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften. Die sagte nur „Schick mir das Mädel mal vorbei!“ So stand wenig später an einem klirrend kalten Wintertag irgendwann Ende der 1960er-Jahre der Teenager Regina Kittelmann vor einer Frau, die sich mit zwei Trainingshosen, Fellstiefeln und Lodenmantel gegen die fehlende Heizung in der Bibliothek zur Wehr setzte. „Die Zustände waren furchtbar“, erinnert sich Kittelmann, „aber sie hat so toll von ihrem Beruf gesprochen, dass ich es machen musste.“ Gut beheizt ist die Alte Lateinschule, einen Lodenmantel braucht Regina Kittelmann nicht – aber erzählen kann auch sie von ihrem Beruf, als wäre es der allerschönste der Welt. Dabei wuchs die Liebe allmählich. Nach zwei Jahren Fachschule in Leipzig absolvierte sie ab 1971 ein Praktikumsjahr in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Auf Weimar aber fiel die Wahl nicht etwa wegen Goethe und Schiller. Goethe wird ja ohnehin überbewertet, findet die Literaturkennerin – Heine sei besser und sein „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“ heute so wahr wie zu seiner Zeit. „Ich war Fan des FC Carl Zeiss Jena. In Jena war keine Praktikumsstelle zu haben, von Weimar hatte ich es nicht so weit zu den Heimspielen“, lautet der Grund. Heute ist sie übrigens Dortmund-Fan.

Von Weimar ging es zurück nach Görlitz, der Vater hatte ihr einen Job in der technischen Bibliothek des VEB Waggonbau vermittelt. Knapp fünf Jahre war sie dort. Doch eines Tages blätterte die leidenschaftliche Zeitungsleserin durch die Tageszeitung und stieß auf eine Anzeige, es würde ein neuer Leiter für die Stadtbibliothek gesucht. Noch keine 30 Jahre alt hatte Regina Kittelmann den Job. Zwei Kinder später wechselte ihr Mann ins Braunkohlekombinat Bitterfeld, bekam eine Wohnung in Delitzsch und landete wieder so einen Zufallstreffer. Er ging einfach mal ins Rathaus und fragte, ob nicht zufällig eine Bibliotheksleiterin gesucht wird. Die alte hatte da gerade ihren Job hingeschmissen. „So bin ich mit 31 Jahren die Leiterin der Delitzscher Stadtbibliothek geworden“, schmunzelt sie heute. Damals waren es noch gut ein Dutzend Mitarbeiter neben der Leiterin, 34 Jahre später sind es mit ihr vier Teilzeitkräfte.

„Ich hoffe, dass Veranstaltungen wie der Literaturstammtisch weitergeführt werden“, sagt Regina Kittelmann. Monat für Monat werden Bücher vorgestellt, Lektüre-Empfehlungen gegeben und wird über Literatur diskutiert. Acht bis 14 Bücher monatlich liest die Bibliotheksleiterin allein für diese Veranstaltungsreihe. „Mir ist es das Wichtigste, die Leute zum Lesen zu animieren“, betont die 64-Jährige. „Lesen ist ein Abenteuer“, sagt die Kennerin, „ich stelle mir das Gelesene als Film vor.“ Regelmäßig wird so die Verfilmung eines Buches Enttäuschung für Regina Kittelmann: „Clark Gable passte überhaupt nicht in meine Vorstellung von ,Vom Winde verweht’.“ Heute liest Regina Kittelmann privat gerne Biografien und Krimis, in denen sie einen Spiegel der heutigen Gesellschaft erkennt. „Seichtes Zeug mag ich nicht“, sagt sie. Das gelte bei Büchern genau wie bei Filmen – denn so sei das Leben einfach nicht, da gibt es kein Happy End auf Teufel komm raus. „Ich will mich doch auch aufregen beim Lesen“, meint die zweifache Großmutter. Mehr Zeit dafür bleibt ab August. Zunächst wird das verschlungen, was sich bislang ungelesen im heimischen Bücherregal rumdrückt. Bibliothekskundin wird Regina Kittelmann bleiben: „Ich kann doch unmöglich alles kaufen, was ich lesen will.“

Von Christine Jacob

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