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Delitzscher Familienberater warnen: Ab nächste Woche steigt die Stressgefahr

Delitzscher Familienberater warnen: Ab nächste Woche steigt die Stressgefahr

Diese Situation ist wohl der Klassiker familiärer Missstimmung: Das Kind kommt von der Schule nach Hause, pfeffert den Ranzen in die Ecke, setzt sich vor den Fernseher.

Delitzsch. Die Eltern sind in Rage, fragen nach Hausaufgaben und der letzten Mathearbeit. Außerdem ist das Kinderzimmer noch nicht aufgeräumt. Türen und laute Worte fliegen, die Stimmung ist am Boden.

Antje Jehring und Uwe Schwinge kennen derlei Eskalation nur zu gut. Aus beruflichen Gründen. Die beiden arbeiten in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Delitzsch, einer Einrichtung der Caritas. "Rund 40 Prozent der Hilfesuchenden, die sich bei uns anmelden, berichten über familiäre Konflikte, über regelmäßigen Streit zwischen Eltern und Kind. Und erfahrungsgemäß nimmt die Zahl unserer Klienten deutlich zu, wenn die Schule wieder beginnt", sagt Antje Jehring.

Ist also der Unterricht Schuld an Reibereien im Elternhaus? Nein, aber der Umgang mit Schule, Zensuren und Leistungsdruck ist entscheidend, erklärt die Diplom-Psychologin. "Für viele Kinder bedeuten die Anforderungen im Unterricht ein Stressniveau, das vergleichbar ist mit dem Arbeitsalltag von Erwachsenen." Wenn dann auch die Eltern beruflich bedingt unter Stress stehen, schaukele sich die Situation schnell hoch. Im schlimmsten Fall können Familien daran zerbrechen.

Zur Beratung in der Delitzscher Schulstraße melden sich Eltern, die die Notbremse ziehen wollen. "Oftmals ist der Leidensdruck dann schon sehr hoch", schildert Diplom-Sozialpädagoge Uwe Schwinge. "Mitunter kommen Eltern auch auf Vermittlung der Schule, des Jugendamtes oder des Kinderarztes." Allein im vergangenen Jahr bearbeitete die Delitzscher Anlaufstelle 111 Fälle - knapp die Hälfte davon betrafen die Familienberatung, bei den übrigen ging es unter anderem um Erziehungsprobleme. Weitere rund 200 Fälle schlugen in den Caritas-Zweigstellen in Eilenburg und Schkeuditz zu Buche.

Lösungen zu finden, ist oftmals gar nicht schwer. "Mitunter genügen kleinere Veränderungen im Alltag, um das Klima in der Familie wieder ins Lot zu bringen", sagt Antje Jehring. Mal den Fuß vom Gas nehmen, Freiräume gewähren, das sei ein Erfolg versprechender Weg. "Es hilft schon viel, wenn sich Eltern in ihr Kind hineinversetzen." Gerade bei schulischen Problemen baue sich ein Leistungsdruck auf, der Minderwertigkeitsgefühle erzeugen kann. Die Schule müsse nachmittags auch mal in den Hintergrund rücken dürfen. "Kinder sind ja nicht nur Schüler, sondern Menschen mit vielen Fähigkeiten. Mancher ist vielleicht im Unterricht kein Durchstarter, hat aber sportliche, musikalische oder soziale Kompetenzen. Diese Stärken dürfen nicht aus dem Blickfeld rücken", betont Jehring. Zudem bräuchten Kinder mal Zeit für Bewegung, fürs Spiel. "Speziell Grundschüler nutzen das Spiel als Mittel, um psychische Probleme zu verarbeiten", ergänzt Uwe Schwinge. Und auch Eltern brauchen Auszeiten vom Job. Ideal seien deshalb Familienrituale, bei denen Eltern und Nachwuchs gemeinsame Zeit verbringen. Ohne Leistungsanspruch.

Den Weg dorthin ebnet die Familienberatung in Gesprächen - in der Regel mit den Eltern, manchmal auch unter Einbezug der Kinder. Meist genügen ein paar Termine in der Schulstraße für erste Erfolge. Das Angebot ist kostenlos, wird vom Landkreis gefördert. Allerdings ist mit Wartezeiten von vier bis sechs Wochen zu rechnen. Die Psychologen und Pädagogen haben gut zu tun - erst recht mit Beginn des neuen Schuljahres. © Kommentar

www.familienberatung-delitzsch.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.08.2015
Kay Würker

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