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Delitzsch Delitzscher Idee ist jetzt Weltkulturerbe – Region hofft auf den großen Durchbruch
Region Delitzsch Delitzscher Idee ist jetzt Weltkulturerbe – Region hofft auf den großen Durchbruch
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10:21 09.03.2018
Büste von Hermann Schulze-Delitzsch Quelle: Christine Jacob
DELITZSCH

Die Genossenschaftsidee, geboren im nordsächsischen Delitzsch, darf sich seit Mittwochabend zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit zählen. Auf ihrer Tagung im äthiopischen Addis Abeba nahm die Unesco den Genossenschaftsgedanken in die Liste auf – als ersten Beitrag aus Deutschland überhaupt. Und die Stadt Delitzsch, ja eine ganze Region hofft damit auf den großen Durchbruch.

„Wir sind als Stadt überglücklich und wir können es noch gar nicht so richtig fassen“, so der Delitzscher Bürgermeister Thorsten Schöne (parteilos) am Donnerstag im Deutschen Genossenschaftsmuseum in der Kreuzgasse 10 von Delitzsch. Genau an diesem Ort hatte der in der Loberstadt geborene Jurist Hermann Schulze-Delitzsch im Dezember 1849 mit der Schuhmacherassoziation die erste erfolgreiche Genossenschaft begründet. Den Namenszusatz „Delitzsch“ nahm dieser nun weltberühmte Herr Schulze, damit man ihn in der Preußischen Nationalversammlung von all den anderen Schulzes unterscheiden konnte. Und schon damals machte er seine Geburtsstadt berühmt.

Delitzscher Gedenkstätte hofft auf mehr Besucher

Man hatte nicht mehr damit gerechnet, es im ersten Anlauf zu packen. Vorab war aus Addis Abeba durchgesickert, der erste und einzige deutsche Vorschlag solle zur Überarbeitung zurück geschickt werden. „Wir haben den ganzen Tag gefiebert, sind aber von einer Nacharbeit und einem neuen Versuch im nächsten Jahr ausgegangen und nun können wir sehr stolz sein“, sagt Philipp Bludovsky, Kurator des Deutschen Genossenschaftsmuseums. Das Verfahren der Bewerbung habe viel Zeit und Kraft bei allen Beteiligten gekostet, für das Museum könne man jetzt mit deutlich mehr nationaler Aufmerksamkeit und mehr Besuchern rechnen – derzeit sind es 2000 pro Jahr. Offenbar habe die Delegation überzeugende Arbeit in Addis Abeba geleistet.

In der Kreuzgasse 10 wurde die Idee entwickelt, heute ist dort das Deutsche Genossenschaftsmuseum. Quelle: Wolfgang Sens

Zu der gehörte der Delitzscher Oberbürgermeister und Stellvertretende Vorsitzender der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft Manfred Wilde (parteilos). „Vor allem der Karibikstaat St. Lucia, Äthiopien, Afghanistan, der Senegal, die Elfenbeinküste, aber auch Bulgarien und Ungarn haben sich für unsere Genossenschaftsidee stark gemacht“, sagt Wilde. „Die Anerkennung dieser großen Idee unseres großen Stadtsohnes ist heute in ihrer Wirkung noch gar nicht abzuschätzen“, glaubt auch Thorsten Schöne. Doch nicht nur für die Stadt sollen sich neue Möglichkeiten und Berühmtheit ergeben. „Diese gute Genossenschaftsidee wird so an Bedeutung gewinnen und sich weiter in der Welt verbreiten.“

Neue Liga und viel Lob für Delitzsch

Dass die Kleinstadt Delitzsch ab jetzt in einer anderen Liga als bisher spielt, hofft der städtische Wirtschafts- und Tourismusförderer Alexander Lorenz: „Die Anerkennung bringt eine ganz andere Breite mit sich, eröffnet neue Möglichkeiten und Horizonte.“ Bei der Vermarktung der Stadt würden ab sofort ganz andere Zielgruppen relevant, andere Potenziale seien abzuschöpfen, „und das nicht nur regional, sondern überregional.“

Landrat Kai Emanuel (parteilos) würdigte die Nachricht auch als eine sehr gute für Nordsachsen. „Die Botschaft, dass einst der Siegeszug der Genossenschaftsidee in Deutschland seinen Ursprung im Wirken von Hermann Schulze-Delitzsch vor allem auch in Delitzsch hatte, erfährt damit eine weltweite Bedeutung. Mein Dank gilt der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, die das Vermächtnis und das Gedankengut der Gründerväter Schulze-Delitzsch sowie Friedrich-Wilhelm Raiffeisen pflegt und maßgeblich daran beteiligt war, diesen großen Erfolg zu erzielen.“

Dem folgt die Torgauer Oberbürgermeisterin Romina Barth (CDU): „Der Titel für Delitzsch freut mich sehr. Er wertet nicht nur die Stadt sondern auch den Landkreis auf. Wird Torgau auch einen Unesco-Titel erhalten, dürfte die touristische Strahlkraft Nordsachsens noch deutlicher ansteigen.“ Die Stadt kämpft dafür, dass Schloss Hartenfels im Reformationsjahr als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen.

Auch der Oschatzer OBM Andreas Kretschmar (parteilos) freut sich mit der Stadt: „Ich gratuliere der Stadt Delitzsch im Namen des Stadtrates sehr herzlich zu diesem großen Erfolg.“ Der Gedanke der Genossenschaft sei heute aktuell wie eh und je: „sich untereinander zu helfen, Verantwortung zu übernehmen und zum Wohle der Gemeinschaft zu wirtschaften ist ein Anspruch, den wir in unserer demokratischen Gesellschaft hochhalten wollen. Die jahrelange Arbeit auf die Anerkennung des Titels durch meinen Kollegen Dr. Wilde hat sich auf diese Weise mehr als gelohnt.“

Alle Augen auf die Genossenschaftsidee. Axel Viehweger (links), Vorsitzender der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, stellt sich der Öffentlichkeit im Deutschen Genossenschaftsmuseum in Delitzsch. Quelle: Christine Jacob

„Die Idee der Genossenschaften wächst hinaus in die Welt“, betont Axel Viehweger, Vorsitzender der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, die den Antrag zur Anerkennung als Weltkulturerbe länderübergreifend vor zwei Jahren mit der rheinland-pfälzischen Deutschen Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft eingereicht hatte. Die beiden Pioniere Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch schufen die Grundlagen für eine Unternehmensform, die heute 900 000 Genossenschaften mit 800 Millionen Mitgliedern weltweit zählt. In Deutschland bestehen 8000 solcher Vereinigungen vom Konsum bis zu Finanz- und Wohnungsgenossenschaften. Die Idee an sich habe aber Nachwuchssorgen, schätzt Viehweger ein: „Die Jugend wird jetzt die Idee wieder mehr wahrnehmen. Noch wird sie in den Schulen und Universitäten nicht gelehrt, jetzt sollte sich das ändern.“ Noch mehr Marketing soll betrieben werden, eine App zu Schulze-Delitzsch gibt es seit Kurzem schon. „Die Anerkennung ist eine große Leistung, und die wird gewürdigt“, kündigt der Minister a.D. an. Voraussichtlich im Mai 2017 gibt es in Abstimmung mit der Bundesregierung einen großen feierlichen Termin im Auswärtigen Amt, um diesen Erfolg auf nationaler Ebene zu würdigen.

Von Christine Jacob

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