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Delitzsch Delitzscher Mieterin muss nach fast 40 Jahren Wohnung wegen Abriss räumen
Region Delitzsch Delitzscher Mieterin muss nach fast 40 Jahren Wohnung wegen Abriss räumen
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00:19 17.06.2017
Yvonne Müller mit Umzugskarton und Sohn Jonathan und der Enkelin ihrer Nachbarin vor dem Block, der abgerissen werden soll. Jonathan zeigt ein Foto seiner Mutter, wie sie als Kind hier spielte. Quelle: Wolfgang Sens
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Delitzsch

Viele Wohnungen im Wohnblock Rudolf-Breitscheid-Straße 59 bis 65 in Delitzsch stehen bereits leer. Auch im Aufgang Nummer 59 sind die meisten Namensschilder an den Wohnungstüren verwaist. Ganz oben in der 5. Etage hat Yvonne Müller mit ihrem sechsjährigen Sohn bereits 80 Umzugskisten gepackt. Heute rollt der Möbelwagen an, beginnt für die 39-Jährige ein neues Leben. Gern wäre sie hier wohnen geblieben, denn so gut wie alles in ihrem Leben verbindet sie mit diesem Block – Kindergarten, Schule, den ersten Kuss. Zig-mal hat sie sich schwanger mit ihrem Sohn die Treppen hoch gequält und vor 17 Jahren die erste Sanierung miterlebt. Bald wird die Wohnungsgesellschaft Delitzsch (WGD) das Gebäude abreißen. Deshalb müssen die Mieter bis Oktober eine neue Bleibe gefunden haben, was nicht immer einfach ist.

Für Yvonne Müller ist dies in der Gellertstraße 36 gelungen. Ihre langjährige Nachbarin Tina Neubauer, die Yvonne schon als Kind kannte, sucht derzeit noch. Der größte Wunsch der beiden Frauen ist, wieder gemeinsam in einem Block, Tür an Tür, wohnen zu können, denn beide vertrauen sich blind und es verbindet sie viel. Yvonne Müllers Sohn und Tina Gebauers Enkelin sind gleichaltrig und praktisch gemeinsam aufgewachsen, denn Joline Sophie besucht ihre Oma täglich und übernachtet auch oft bei ihr. Die beiden Kinder werden dieses Jahr zusammen in eine Klasse eingeschult. Doch bisher ist der Wunsch der Frauen unerfüllt geblieben, weil keine entsprechende Zwei-Raum-Wohnung in der Gellertstraße 36 frei ist.

Erstbezug der neuen Wohnung

1979 ist Yvonne Müller als Einjährige mit ihren Eltern aus einer 1-Raumwohnung in der Elisabethstraße in den Delitzscher Norden gezogen. Die Familie gehörte zu den Erstbeziehern des Gebäudes. „Damals gab es Anmeldelisten. Eine Drei-Raum-Wohnung haben nur Familien mit zwei Kindern erhalten“, erzählt die 39-Jährige. Und ihre Eltern hätten die Wohnung wohl nur erhalten, weil die Mutter im Ziehwerk Kranfahrerin und der Vater Bergarbeiter in der Grube waren. Vor dem Block gab es seinerzeit noch keine Wege, nur Sand. „Für mich als Kind der ideale Spielplatz.“ Dafür bot sich aus der Wohnung nach Norden ein freier Blick auf die Kosebruchteiche, die damals noch viel größer waren. Nach Süden lag die Stadt den Mietern zu Füßen. Für die Familie brachte das neue Heim im Vergleich zur alten Wohnung in der Elisabethstraße mit Plumpsklo auf dem Hof viele Verbesserungen.

Als 21-Jährige bezog Yvonne Müller dann im Jahr 2000 im selben Block ein paar Eingänge weiter ihre eigenen vier Wände neben Nachbarin Tina Gebauer, die seit dem 25. Mai 2000 in der Rudolf-Breitscheid-Straße 59 wohnt. Nie hätten die beiden Frauen gedacht, dass sie einmal diesen Block verlassen müssen. Als die Abrisswelle in Delitzsch ins Rollen kam, habe es immer geheißen, euer Block bleibt stehen, weil in ihm die Heizungsanlage für die nebenstehenden Gebäude untergebracht ist. Als sich Yvonne Müller im Sommer 2016 eine neue Küche einbauen ließ und von der WGD der Hinweis kam, die Arbeitsplatte nicht verkleben zu lassen, ahnte sie, dass es anders kommen wird. Im Oktober flatterte dann Post von der WGD mit der Abrissinformation ins Haus.

Abschied mit viel Wehmut

Dem Umzug sieht sie mit viel Wehmut entgegen. Zwar habe sich die WGD bemüht, eine entsprechende neue Wohnung für sie zu finden. Sie zieht mit ihrem chronisch kranken Sohn, der an einer Blutgerinnungsstörung und Immunschwäche leidet, in eine sanierte Wohnung – wunschgemäß ins Erdgeschoss – mit Spielplatz vor der Tür. Obwohl die Hausfrau ihr Leben bisher tapfer gemeistert hat, ist ihr die Angst anzumerken, aus einer Gemeinschaft herausgerissen zu werden, die ihr Geborgen- und Sicherheit gegeben hat. „Eine Gemeinschaft wie hier, wo sich jeder auf den anderen verlassen kann und wo jeder den anderen hilft, wird es nie mehr geben“, befürchtet sie.

Von Thomas Steingen

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