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Delitzscher Stadtchef freut sich über Unesco-Auszeichnung

Genossenschaftsidee Delitzscher Stadtchef freut sich über Unesco-Auszeichnung

Der Jubel und die Freude kennen keine Grenzen: Die in Delitzsch geborene und weiterentwickelte Genossenschaftsidee ist seit Mittwochabend drin in der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Dabei hatte der Delitzscher Oberbürgermeisters Manfred Wilde gar nicht mit der Auszeichnung gerechnet.

Das Schulze-Delitzsch-Prinzip: „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Quelle: Wolfgang Sens

Addis Abeba/Delitzsch. Manfred Wilde ist aufgeregt. Nach fünf Jahren harter und intensiver Vorbereitung geht es in Äthiopien um alles oder nix. Glückliches Ende, es wird alles gut für Delitzsch. Die Unesco-Beratung im 5000 Flugkilometer entfernten Addis Abeba fiel positiv für den Vorschlag aus Deutschland aus.

Delitzsch ist drin oder besser gesagt drauf auf der Liste des immateriellen Weltkulturerbes der Menschheit. Erste Reaktion des Delitzscher Oberbürgermeisters Manfred Wilde (parteilos): „Ich freue mich, das macht mich stolz. Und dieser Stolz verteilt sich auf breite Schultern. Mein Dank reicht von Bundesregierung und Freistaat bis zu Josef Zolk (Anm.d.Red.: stellvertretender Vorsitzender Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft), bis Delitzsch und zu den Medien, vor allem der LVZ. Danke!“

Wenige Stunden zuvor sieht es nicht unbedingt gut aus. „Hier wird hart verhandelt und gestritten. Es ist durchaus möglich, dass wir in die Verlängerung und nacharbeiten müssen“, teilte der Delitzscher Oberbürgermeister da noch mit. Es folgte gegen Abend die große Erleichterung. Die Unesco teilte die Aufnahme in die Liste mit. „Ich bin natürlich sehr froh über diese Entscheidung. Russland und Nordkorea hatten es zuvor nicht geschafft, da wusste ich, dass das hier kein Selbstläufer wird“, erzählte Wilde unmittelbar nach der Entscheidung.

„Wir haben uns gut verkauft“

Donnerstagmorgen konnte der 54-Jährige das Ergebnis „noch gar nicht so richtig fassen“. Auch nach dem Abstand einer Nacht konnte er die Anspannung und Hochspannung, unter denen die vergangenen Tage standen, noch nicht so richtig abstreifen. „Je mehr ich darüber nachdenke, um so bemerkenswerter wird die Geschichte für mich. Wir waren keine Karteileiche auf den Hinterbänken. Und haben uns richtig gut verkauft“, so der OBM.

Das Prozedere ist nicht ganz einfach. Denn die Einreicher durften nicht selber vortragen, waren auf Fürsprecher angewiesen. 24 Länder konnten sich insgesamt dazu äußern. Inhaltlich ging es im Delitzscher Vorschlag unter anderem um Zünfte, Innungen, Genossen und Genossenschaften – für die meisten in Addis Abeba böhmische Dörfer. Zumindest konnten sie damit eher wenig anfangen. Das Schulze-Delitzsch-Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ galt es im Kern zu vermitteln.

Und das ist offensichtlich gelungen. „Wir haben jede Gelegenheit genutzt, um Aufklärungsarbeit zu leisten“, so Wilde. In Pausen und am Abend wurde überall geredet, wurden Erfahrungen ausgetauscht. Es sollte auf keinen Fall geschehen, was Russland und Nordkorea passiert ist, die mit ihren Anträgen durchgefallen sind, trotz Debatte, jedoch ohne die Unterstützung der Staatengemeinschaft. Wildes Dank geht darum auch an die Staatengemeinschaft: „Vor allem der Karibikstaat St. Lucia, Äthiopien, Afghanistan, der Senegal, die Elfenbeinküste aber auch Bulgarien und Ungarn haben sich für unsere Genossenschaftsidee stark gemacht und dafür gesorgt, dass alle 24 Länder zustimmen.“

Genossenschaftsidee könnte Schule machen

Gerade für Schwellen- und Entwicklungsländer könnte diese Genossenschaftsidee zukunftsweisend sein. In der Praxis könnte das so aussehen, dass sich beispielsweise in Äthiopien fünf Frauen zusammentun als kleine Genossenschaft, und sich einen Webstuhl anschaffen, den sie gemeinsam bedienen. In Kolumbien gibt es solche Modelle bereits bei den Kaffeebauern und Imkern. Die haben sich zusammengeschlossen und sind als Genossenschaften in einer viel besseren Verhandlungsposition als Einzelkämpfer. Zudem konnten sie sich von den großen Konzernen abnabeln.

Innungen, Genossenschaften – in Deutschland üblich – haben 1849 in Delitzsch ihren Ursprung. Historie pur. Das Steckenpferd des Delitzscher Oberbürgermeisters, da konnte er als Historiker punkten. 1989 wechselte Wilde als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Stadtverwaltung Delitzsch. Parallel dazu studierte er ab 1990 Museumswissenschaften und Geschichte an der HTWK Leipzig, mit dem Abschluss als Diplom-Museologe im Jahr 1995. Von 1997 bis 1998 war er als Kulturkoordinator der Stadt Delitzsch tätig. Von 1998 bis 2008 war er Leiter des Museums Barockschloss Delitzsch. Seit 2008 ist er OBM.

Entwicklungsländer sollen von der Idee profitieren

In den Pausen- und Abendgesprächen sei es gelungen, zu vermitteln, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern Genossenschaften funktionieren können. „Ich konnte aber auch etwas lernen, nämlich, was Außenpolitik und Diplomatie bedeuten und wie wichtig sie sind“, so Wilde. Er spricht von einem großen Erfolg für Deutschland, Sachsen und natürlich für seine Stadt Delitzsch. Wilde bedankt sich bei allen Mitstreitern, deren Unterstützung Ansporn für die Arbeit gewesen sei. „Wir haben nun beste Voraussetzungen, Historisches nicht nur zu bewahren, sondern damit zu wirtschaften und Genossenschaften basisdemokratisch zu fördern. Das ist gelebte Basisdemokratie und Meinungsbildung“, freute sich der OBM, der am Samstag aus Addis Abeba zurückkehrt.

Er freue sich aber auch für die Länder, die nun von dieser Idee profitieren können, die nun die große Chance haben, mit kleinen Kräften Großes zu erreichen. Und nicht zu vergessen Delitzsch, das auch in Zukunft selber Genossenschaften wie die Solargenossenschaft auf den Weg bringen möchte. Wilde hofft aber auch, dass das Stadtmarketing vom Weltkulturerbe profitiert, der Tourismus sich fortentwickelt und der Name Delitzsch in die Welt getragen wird.

Von Frank Pfütze

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